Das Prinzip der Marktkonkurrenz zur Effizienzerhöhung kann sich dort nicht entfalten, wo Netzwerke „natürliche Monopole“ darstellen. So ist eine Vervielfachung von Eisenbahn-, Strom-, Wasserleitungsnetzen zwecks Herstellung echter Konkurrenz zwischen Betreibern ineffizient, es wurde deshalb jeweils nur eines geschaffen. Wenn allerdings ein neues Netzwerk in Zeiten inniger Marktgläubigkeit entstehen soll, vergisst man dies: Handymasten wurden in fünffacher Ausfertigung aufgezogen, statt ein Netz aufzubauen, das alle Betreiber gemeinsam benützen. Eine gewaltige Vergeudung (und Verschandelung).
Die ökonomische Grundproblematik von Netzwerken gilt auch für logistische Netze wie jene der Postdienstleistungen. Die Erzwingung von Marktkonkurrenz durch den Aufbau mehrfacher Zustellungsnetze wird die Ineffizienz dramatisch steigern und schließlich wieder ein Monopol entstehen lassen. Nehmen wir an, in einer Stadt werden täglich eine Million Briefe zugestellt, dafür legen 1000 Zusteller 10.000 km zurück. Konkurrieren fünf Unternehmen, so werden vielleicht 3000 Zusteller 40.000 km zurücklegen, um die gleiche Menge zuzustellen. Die Produktivität (Briefe je Zusteller) sinkt auf ein Drittel. Diese Ineffizienz kann man sich nur leisten, wenn niedrige Löhne gezahlt werden (wie bei den Zustellern von Werbematerial). Eine Post als Komponente des Sozialstaats kann damit nicht konkurrieren. Langfristig wird sich als Folge der Netzwerkvorteile wieder ein Monopol bilden, die Löhne sind gesunken, die Gewinne gestiegen.
Ganz wie die Gottgläubigen
Das Aussetzen des ökonomischen Hausverstandes lässt sich nur begreifen, wenn man den Begriff der „Marktreligiosität“ einführt. Wie ein gottgläubiger Mensch zwar nicht wissen kann, ob es (s)einen Gott gibt, aber dessen durch Glauben „gefestigte“ Existenz zum weltanschaulichen Anker macht, so geht ein marktgläubiger Mensch a priori davon aus, dass die „unsichtbare“ (wie Gott) „Hand“ des Markts am besten über der Wirtschaft waltet. Marktreligiosität kann verheerenden Schaden anrichten, da sie die Gestaltung der irdischen Dinge beeinflusst, von der Verlagerung der Altersversorgung auf die Börse bis zur Zerschlagung der Post. Ihr Fundament wird von der Wissenschaft gelegt: Die Wirtschaftstheologie begründet das Wirken der „unsichtbaren Hand“, die dafür nötige Freiheit der Einzelnen (mit unterschiedlichen „Geldstimmen“ und daher Einfluss am freien Markt) und die Schädlichkeit einer (demokratisch legitimierten) Politik.
Die marktreligiösen Wirtschaftsprofessoren haben den entscheidenden Beitrag zur Durchsetzung des Glaubens geleistet, sie haben den Intellektuellen in den Medien, den Spitzenbeamten in der EU-Kommission und den Politikern die Grundlage für ihr Schreiben und Handeln geliefert. Als repräsentativen Missionar des Marktes erfinde ich Prof. Feldhase: Er ist einfältig in seiner Gläubigkeit, schnell in der Anpassung an den Zeitgeist und schlägt viele opportunistische Haken.
Für Prof. Feldhase hat die Marktreligiosität viele Vorteile. So muss er nicht konkret prüfen, ob für die Erstellung bestimmter Leistungen das Anreizsystem Markt tatsächlich die Effizienz steigert, er setzt das einfach voraus. So entstehen jene Ineffizienzen, welche etwa die EU-Richtlinie über die Postdienste mit sich bringen wird. Auch die Deregulierung der Finanzmärkte und ihre Verwandlung in gigantische Umverteilungsmaschinen (von den Amateuren zu den Profis) ist der Marktreligiosität zu danken. Würde sich Prof. Feldhase einen halben Tag in einen „trading room“ von Devisen-, Aktien- und Rohstoffderivathändlern setzen, sein Glaube an die „unsichtbare Hand“ wäre dahin. Zur Vermeidung solch erschütternder Erlebnisse hat man jahrelang erst gar nicht hingeschaut. Ergebnis: Auch Politiker wissen erschreckend wenig, was dort wirklich geschieht.
Der „Gegentyp“ zu Prof. Feldhase wäre ein Ökonom, der Marktkonkurrenz als Anreizsystem zur Steigerung der Effizienz schätzt, aber prüft, ob im Einzelnen die Bedingungen für ein Funktionieren des Marktes gegeben sind. So mag es effizienter sein, ein gemeinsames „Netzwerk Postlogistik“ auszubauen und dieses „quasi-natürliche“ Monopol zu regulieren (wie bei den Strom-, Gas- und Telekomnetzen). Ergibt ein empirischer Befund der Märkte von Finanzderivaten, dass diese sich in Casinos verwandelt haben, welche die wichtigsten Preise destabilisieren, sollte man sie schließen und ihre einzig sinnvolle Funktion, die Absicherung (Hedging) anders organisieren (so wie Exportkredite oder derzeit die Interbankkredite abgesichert werden).
Nur der Markt kann heilen ...
Für Prof. Feldhase ist der Gedanke, die freiesten Märkte zu schließen, undenkbar. Diese Beschränkung des Denkens wird die Krise in Europa zur längsten und schwersten der Nachkriegszeit machen. Denn die Eliten in Europa sind in den letzten 20 Jahren so marktreligiös geworden, dass ihnen eine rasche Umkehr unmöglich ist. Lange werden sie nach Gründen forschen, warum doch der Staat oder die Notenbanken an der Krise schuld sind, sie werden an die Politik appellieren, doch lieber nichts oder nur wenig zu tun, denn nur der Markt kann heilen.
Die USA werden es besser haben, dort ist man nur in den Sonntagsreden marktgläubig, in der Praxis interveniert die Politik in jeder Krise der Märkte massiv. Dementsprechend wird am staatlichen Monopol der „U.S. Mail“ festgehalten...
Wenn die Arbeitslosigkeit massenhaft gestiegen sein wird, werden sich die Deklassierten noch mehr jenen zuwenden, die das „Volksganze“ beschwören und einen Außenfeind brauchen. Werden dann Ausländer vertrieben, rümpfen die neoliberalen Geistesgrößen die Nase über den Mob. Wie Prof. Hayek in den 30er-Jahren, tragen sie zuerst zur Krise bei, indem sie in Anbetung der „unsichtbaren Hand“ verharren, dann verschwinden sie und tauchen später in den Köpfen wieder auf. Der Geist ist willig, aber schwach.
Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher in Wien.
meinung@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2008)















