25.05.2012 18:24 | Meine Presse Merkliste 0

Die Anbetung der „unsichtbaren Hand“

GASTKOMMENTAR VON STEPHAN SCHULMEISTER (Die Presse)

Post, Netzwerke und religiöse Professoren: Wie die Wirtschaftstheologie den ökonomischen Hausverstand beseitigt.

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Das Prinzip der Marktkonkurrenz zur Effizienzerhöhung kann sich dort nicht entfalten, wo Netzwerke „natürliche Monopole“ darstellen. So ist eine Vervielfachung von Eisenbahn-, Strom-, Wasserleitungsnetzen zwecks Herstellung echter Konkurrenz zwischen Betreibern ineffizient, es wurde deshalb jeweils nur eines geschaffen. Wenn allerdings ein neues Netzwerk in Zeiten inniger Marktgläubigkeit entstehen soll, vergisst man dies: Handymasten wurden in fünffacher Ausfertigung aufgezogen, statt ein Netz aufzubauen, das alle Betreiber gemeinsam benützen. Eine gewaltige Vergeudung (und Verschandelung).

Die ökonomische Grundproblematik von Netzwerken gilt auch für logistische Netze wie jene der Postdienstleistungen. Die Erzwingung von Marktkonkurrenz durch den Aufbau mehrfacher Zustellungsnetze wird die Ineffizienz dramatisch steigern und schließlich wieder ein Monopol entstehen lassen. Nehmen wir an, in einer Stadt werden täglich eine Million Briefe zugestellt, dafür legen 1000 Zusteller 10.000 km zurück. Konkurrieren fünf Unternehmen, so werden vielleicht 3000 Zusteller 40.000 km zurücklegen, um die gleiche Menge zuzustellen. Die Produktivität (Briefe je Zusteller) sinkt auf ein Drittel. Diese Ineffizienz kann man sich nur leisten, wenn niedrige Löhne gezahlt werden (wie bei den Zustellern von Werbematerial). Eine Post als Komponente des Sozialstaats kann damit nicht konkurrieren. Langfristig wird sich als Folge der Netzwerkvorteile wieder ein Monopol bilden, die Löhne sind gesunken, die Gewinne gestiegen.


Ganz wie die Gottgläubigen

Das Aussetzen des ökonomischen Hausverstandes lässt sich nur begreifen, wenn man den Begriff der „Marktreligiosität“ einführt. Wie ein gottgläubiger Mensch zwar nicht wissen kann, ob es (s)einen Gott gibt, aber dessen durch Glauben „gefestigte“ Existenz zum weltanschaulichen Anker macht, so geht ein marktgläubiger Mensch a priori davon aus, dass die „unsichtbare“ (wie Gott) „Hand“ des Markts am besten über der Wirtschaft waltet. Marktreligiosität kann verheerenden Schaden anrichten, da sie die Gestaltung der irdischen Dinge beeinflusst, von der Verlagerung der Altersversorgung auf die Börse bis zur Zerschlagung der Post. Ihr Fundament wird von der Wissenschaft gelegt: Die Wirtschaftstheologie begründet das Wirken der „unsichtbaren Hand“, die dafür nötige Freiheit der Einzelnen (mit unterschiedlichen „Geldstimmen“ und daher Einfluss am freien Markt) und die Schädlichkeit einer (demokratisch legitimierten) Politik.

Die marktreligiösen Wirtschaftsprofessoren haben den entscheidenden Beitrag zur Durchsetzung des Glaubens geleistet, sie haben den Intellektuellen in den Medien, den Spitzenbeamten in der EU-Kommission und den Politikern die Grundlage für ihr Schreiben und Handeln geliefert. Als repräsentativen Missionar des Marktes erfinde ich Prof. Feldhase: Er ist einfältig in seiner Gläubigkeit, schnell in der Anpassung an den Zeitgeist und schlägt viele opportunistische Haken.

Für Prof. Feldhase hat die Marktreligiosität viele Vorteile. So muss er nicht konkret prüfen, ob für die Erstellung bestimmter Leistungen das Anreizsystem Markt tatsächlich die Effizienz steigert, er setzt das einfach voraus. So entstehen jene Ineffizienzen, welche etwa die EU-Richtlinie über die Postdienste mit sich bringen wird. Auch die Deregulierung der Finanzmärkte und ihre Verwandlung in gigantische Umverteilungsmaschinen (von den Amateuren zu den Profis) ist der Marktreligiosität zu danken. Würde sich Prof. Feldhase einen halben Tag in einen „trading room“ von Devisen-, Aktien- und Rohstoffderivathändlern setzen, sein Glaube an die „unsichtbare Hand“ wäre dahin. Zur Vermeidung solch erschütternder Erlebnisse hat man jahrelang erst gar nicht hingeschaut. Ergebnis: Auch Politiker wissen erschreckend wenig, was dort wirklich geschieht.

Der „Gegentyp“ zu Prof. Feldhase wäre ein Ökonom, der Marktkonkurrenz als Anreizsystem zur Steigerung der Effizienz schätzt, aber prüft, ob im Einzelnen die Bedingungen für ein Funktionieren des Marktes gegeben sind. So mag es effizienter sein, ein gemeinsames „Netzwerk Postlogistik“ auszubauen und dieses „quasi-natürliche“ Monopol zu regulieren (wie bei den Strom-, Gas- und Telekomnetzen). Ergibt ein empirischer Befund der Märkte von Finanzderivaten, dass diese sich in Casinos verwandelt haben, welche die wichtigsten Preise destabilisieren, sollte man sie schließen und ihre einzig sinnvolle Funktion, die Absicherung (Hedging) anders organisieren (so wie Exportkredite oder derzeit die Interbankkredite abgesichert werden).


Nur der Markt kann heilen ...

Für Prof. Feldhase ist der Gedanke, die freiesten Märkte zu schließen, undenkbar. Diese Beschränkung des Denkens wird die Krise in Europa zur längsten und schwersten der Nachkriegszeit machen. Denn die Eliten in Europa sind in den letzten 20 Jahren so marktreligiös geworden, dass ihnen eine rasche Umkehr unmöglich ist. Lange werden sie nach Gründen forschen, warum doch der Staat oder die Notenbanken an der Krise schuld sind, sie werden an die Politik appellieren, doch lieber nichts oder nur wenig zu tun, denn nur der Markt kann heilen.

Die USA werden es besser haben, dort ist man nur in den Sonntagsreden marktgläubig, in der Praxis interveniert die Politik in jeder Krise der Märkte massiv. Dementsprechend wird am staatlichen Monopol der „U.S. Mail“ festgehalten...

Wenn die Arbeitslosigkeit massenhaft gestiegen sein wird, werden sich die Deklassierten noch mehr jenen zuwenden, die das „Volksganze“ beschwören und einen Außenfeind brauchen. Werden dann Ausländer vertrieben, rümpfen die neoliberalen Geistesgrößen die Nase über den Mob. Wie Prof. Hayek in den 30er-Jahren, tragen sie zuerst zur Krise bei, indem sie in Anbetung der „unsichtbaren Hand“ verharren, dann verschwinden sie und tauchen später in den Köpfen wieder auf. Der Geist ist willig, aber schwach.

Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2008)

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14 Kommentare
Gast: Marktgläubiger
20.06.2011 09:34
0 0

Totale Planwirtschaft als Lösung ?

Lieber Herr Schulmeister, aber sie glauben an die segensreiche "unsichtbare Hand" des Staates.
Ihre Religion ist der Staatsmonopolismus, früher auch Kommunismus genannt.

Cicero
13.11.2008 17:18
0 0

Stephan Schulmeister und die Logik? Unvereinbar für einen Marxisten!

Finanzkrise und Stephan Schulmeister jubelt. Endlich ist der Kapitalismus gescheitert! Endlich zeigt sich, Karl Marx hat völlig recht, der Staat kann alles, daher hat der Staat alles zu machen. Schlagwort: Der Staat sorgt für seine Bürger.
Hätte Stephan Schulmeister gerne, funktioniert aber nicht. Und, Stephan Schulmeister hat die einfachsten Dinge nicht begriffen.
Schon sein erster Satz in seinem Gastkommentar entlarvt ihn als Marxisten, der mit der Logik auf Kriegsfuß steht.
Konkurrenz entsteht nicht, indem man fünf Eisenbahnnetze, à la ÖBB, installiert, sondern dadurch, daß auf einem – durchaus hochheitlich betriebenen Schienennetz – mehrere Anbieter zeigen, wer am besten und billigsten zwischen Wien und Salzburg verkehrt. Haselsteiner will es zeigen und er, der Kapitalist, wird es zeigen.
Warum soll der Postdienst schlechter sein, wenn der Briefträger mit Dienstwagen wie bisher bis zur Haustüre fährt, das „Postamt“ im Dorf aber durch den Greißler ersetzt wird?

Antworten Gast: senator
17.11.2008 00:16
0 0

Re: Stephan Schulmeister und die Logik? Unvereinbar für einen Marxisten!

Sehr geehrter cicero.
bitte nochmals den Gastkommentar von Stephan Schulmeister in Ruhe durchlesen und ihre Replik überdenken.
Und ich biete Ihnen eine Wette an: Der Kapitalist Haselsteiner kann nicht besser und billiger zwischen Wien und Salzburg verkehren als ich ( Nicht-Kapitalist).
Mit freundlichen Grüßen
senator

Antworten Antworten Cicero
17.11.2008 17:42
0 0

Ich habe den Schulmeisterbeitrag gelesen. Genau das ist mein Problem!

Lieber Herr „senator“! (Warum Kleinschrift?)
Das genau ist ja mein Problem, ich habe den Beitrag von Stephan Schulmeister gelesen. Da steht eingangs, Zitat:
„So ist eine Vervielfachung von Eisenbahn-, Strom-, Wasserleitungsnetzen zwecks Herstellung echter Konkurrenz zwischen Betreibern ineffizient, …“ Zitat Ende.
So was von unwissenschaftlich ist mir noch nicht untergekommen. Es geht doch nicht um die Vervielfachung von Eisenbahnnetzen oder von Hochspannungsleitungen, sondern es geht darum, daß auf einem Schienennetz oder einem Leitungsnetz – wer immer es betreibt – eine Reihe von Benutzern zwecks Preissenkung in Konkurrenz treten. Versteht Schulmeister das nicht oder will er uns nur übertölpeln. Dazu muß er aber früher aufstehen und besser ausgeschlafen sein.
Haselsteiner wird besser und billiger als die ÖBB von Wien nach Salzburg fahren müssen, andernfalls muß er wieder zusperren. So einfach ist das!
Wollen Sie „Nicht-Kapitalist“ auch mit der ÖBB in Konkurrenz treten?

Antworten Antworten Antworten Gast: senator
23.11.2008 12:35
0 0

Re: Ich habe den Schulmeisterbeitrag gelesen. Genau das ist mein Problem!

S.g.Herr Cicero,
Ihre Antwort läßt darauf schließen, daß Sie den Gastkommentar Stephan Schulmeisters nicht noch einmal wirklich durchgelesen haben.
Um bei Ihrem Beispiel Bahn zu bleiben - der öffentliche Schienenverkehr ist ein komplexes System, daß sich nicht beliebig in voneinander unabhängige Teilsysteme zerlegen läßt. Zwar ist es denkbar, daß der Kapitalist H.P.H auf der Strecke Wien-Salzburg (vermutlich die lukrativste in ganz Österreich) u.a. in Konkurrenz zum Nicht-Kapitalisten "senator" private Zugsgarnituren führt. Beide müßten für die Benutzung der ÖBB -Infrastruktur einen angemessenen (Markt-?) Preis zahlen. Unter ceteris paribus Bedingungen könnte allerdings der Nicht - Kapitalist billiger anbieten indem er sich mit einem angemessenen Unternehmerlohn zufriedengibt und auf die Verzinsung "seines" Kapitals verzichtet. Risiko-Kapitalisten kalkulieren mit einer Verzinsung von rd.25 % p.a. für ihr eingesetztes Kapital - eine Marge, die viel Spielraum für Wettbewerb böte!

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Markt- oder Staatswirtschaft? Reflexionen auf die „unsichtbare Hand“

Stephan Schulmeister hat schon recht: Brauchen wir 5 Handymasten-Aufsteller mit mangelhafter Abdeckung? Brauchen wir 5 Stromanbieter, wo doch alle Atomstrom verkaufen? Brauchen wir 5 Postdienstanbieter, die alle nebeneinader laufen und sich die Parkplätze mit den Zustellautos gegenseitig verstellen? Subtile Frage: brauchen wir 22 Krankenkassen die nicht einander in Konkurrenz treten? Aber: die uns vorgelebten Alternativen sind träge Monopole. Pfründe bei Post, Stromversorgern und Krankenkassen! Warum konnten Faibra, DPD, Hermes & Co. wachsen? Weil die Post Preise diktierte und beim Service nachhinkte! Warum wurden Zeitungen mehr und mehr privaten Zustellern übergeben? Eben! Samstagzustellung! Schuld am derzeitigen Zustand/Immage sind sicher die Väter und Großväter der jetzigen Briefträgergeneration; deren Betriebsräte und Chefs.

Ophicus
13.11.2008 10:31
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Monopol und Wettbewerb

Es ist eine Milchmädchenrechnung. Drei Netzwerke sind ineffizienter als eines. Das ist logisch, kann aber im Einzelfall durchaus falsch sein.
Denn es ist durchaus möglich ein Netzwerk derartig ineffizient zu betreiben, dass man mit dem gleichen Aufwand drei konkurrierende betreiben könnte - die jedes für sich entsprechend effizienter sind.

Und hier kommen wir in ein gewisses Dilemma: Drei paralelle Netze sind logisch betrachtet ein unnötiger Aufwand und daher Verschwendung. Ein ineffizient geführtes Netz verschwendet aber ebenfalls Ressourcen.

Optimal wäre daher ein einzelnes, effizienztes Netz. Nur sieht man aktuell was passiert, wenn ein (staatlicher) Monopolist versucht die Effizienz zu steigern. Und dass das überhaupt passiert ist liegt nur an der drohenden Konkurrenz.
Der (echte) Wettbewerb hat nämlich eine Tendenz die Effizienz zu steigern und damit die Verschwendung einzudämmen. Die Verschwendung bei einem ineffizienten Monopolisten ist aber meist statisch.

joquer
13.11.2008 00:36
0 0

Effizienz

Stimmt, die Post ist ja ein Muster an Effizienz, und auch bei der Eisenbahn hat sich die effizienzsteigernde Wirkung eines Staatsbetriebs immer wieder deutlich gezeigt! Danke, jetzt weiß ich Bescheid!

Antworten Silvester
13.11.2008 08:07
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Re: Effizienz

verstanden haben sie den artikel aber nicht!

Gast: Bösewicht
12.11.2008 22:06
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Leider nur ein Traum.

Ein verantwortungsvoll geführtes Unternehmen mit staatlichem Monopol leistet seinen Kunden sicher bessere Dienste, als ein Haufen geldgieriger Konkurrenzbetriebe, die allesamt nur die Kunden verkackeiern. Das habe ich verstanden. Ein kluger und verantwortungsbewusster Diktator (starker Mann!) führt ein Land sicher besser, als ein Haufen korrupter, verlogener und geldgieriger Politiker und einem Parteiensystem, dessen Parteien eigentlich allesamt unwählbar sind. Das haben Sie zwar nicht gesagt, das stimmt aber sicher auch.
Das Problem dabei: Diese Auswahlmöglichkeiten existieren nicht! Selbst wenn sich einmal ein guter Ditktator findet, spätestens sein Nachfolger ist schlimmer als jede Demokratie. Wenn ein Staatsbetrieb einmal einigermaßen gut geführt wird, dann gibt es über kurz oder lang politische Einflussnahmen, die alles ruinieren. Beispiele: Bahn, Post, AUA, ORF, VÖEST, uswusw.

Gast: grubenhund
12.11.2008 21:55
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schüchterner vorschlag

Um die Adoration des Marktes nicht wieder einmal einer Theologie anzulasten (man hat genug Scherereien mit den etablierten), tue ich hiemit mein (älteres aber erstmalig publik gemachtes) Begehr an das Nobel-Kommitee kund, den Preis für WirtschaftsWISSENSCHAFTEN um den Zusatz "und Astrologie" zu erweitern und erhoffe rege Befürwortung. Politisch extrem korrekt, da glaubensneutral, würde er doch hinreichend das Transzendentale unterstreichen und den Propheten den ihnen gebührenden erhöhten Platz zuweisen.

Tom93
12.11.2008 20:23
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brillant

der name schulmeister steht für qualität. da könnte sich die "presse"-redaktion mal eine scheibe abschneiden. denn "professor feldhase" steht bei denen ganz hoch im kurs!

Antworten antikarl
13.11.2008 16:00
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Re: brillant

die Theorie ist immer brillant. Leider haben wir es mit der Realität also der Praxis zu tun und da schneiden Monopolsiten sehr sehr schlecht ab.

Antworten Silvester
13.11.2008 08:11
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Re: brillant

anläßlich der koalitionsverhandlungen ist man doch auf der suche nach fähigen leuten für die ministerämter.
macht schulmeister zum wirtschafts- und arbeitsminister!
ach ja, der ist kein parteifunktionär, da wirds wohl nichts werden.

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