Noch erschreckender als die Daten, die Mouhanad Khorchide in seiner Dissertation zur Einstellung islamischer Religionslehrer in Österreich erhoben hat, ist nur die Reaktion des Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ), Anas Schakfeh, darauf. Es handle sich dabei um „Privatmeinungen“ und die Fragen des jungen Soziologen, Imams und Islamwissenschaftlers Khorchide wären falsch gestellt worden und hätten die Lehrer irritiert. Seit Jahren laviert sich Schakfeh mit mehr oder weniger großem diplomatischen Geschick durch die Probleme seiner Glaubensgemeinschaft, mit dem Ziel, Konflikte und Probleme zu verdecken, anstatt diese zu lösen.
Die österreichische Politik, quer durch die Parteienlandschaft hinweg, zollte diesem Bemühen Respekt. Schließlich musste man sich damit nicht selbst mit den Problemen beschäftigen. Ein homogenisierender Blick auf den Islam ermöglichte den rassistischen Parteien am rechten Rand, gegen „die Moslems“ zu hetzen, und dem linksliberalen Spektrum, „die Muslime“ als wunderbare Bereicherung im Multikultizoo willkommen zu heißen.
Immerhin dürfte nun einigen auffallen, dass es durchaus auch innerhalb der muslimischen Communities in Österreich Kritik am Einfluss fundamentalistischer und erzreaktionärer Gruppierungen innerhalb der Glaubensgemeinschaft gibt und dass es nicht egal ist, welches Bild vom Islam im islamischen Religionsunterricht vermittelt wird. Gerade jene islamischen Religionslehrer, die einen humanistisch ausgerichteten Islam vermitteln wollen, der sich mit Demokratie und Menschenrechten in Einklang bringen lässt, verdienen es, dass ihre wichtige Arbeit nicht mehr durch die Vertreter eines politischen Islam zunichte gemacht wird.
Nicht willens, Reformen anzugehen
Die (Nicht-)Reaktion Anas Schakfehs beweist einmal mehr, dass die derzeitige Führung der IGGiÖ nicht willens und in der Lage ist, die dringendsten Reformen aus eigenem Antrieb zu setzen. Damit muss der Staat, konkreter das Bildungsministerium, seiner Aufgabe als Verantwortlicher für den Schulunterricht nachkommen und kann die Auswahl der Religionslehrer und die im Religionsunterricht vermittelten Inhalte nicht mehr allein den Religionsgemeinschaften überlassen. Dies muss – nicht nur aufgrund des Gleichheitsgrundsatzes – den gesamten Religionsunterricht betreffen. In Zeiten, in denen der römisch-katholische Papst die fundamentalistischen Schismatiker der „Priesterbruderschaft Pius X.“ ohne Bedingungen wieder in die katholische Kirche aufnimmt, und nicht einmal in der Holocaust-Leugnung führender Mitglieder ein Hindernis für ihre Wiederaufnahme in die Kirche sieht, sollte man sich auch bei anderen Religionsgemeinschaften nicht zu sicher sein, dass hier immer Lehren verbreitet werden, die mit Demokratie und Menschenrechten in Einklang zu bringen sind.
Wirklich lösbar wäre das Problem jedoch nur, wenn der Religionsunterricht völlig aus der Verantwortung der Religionsgemeinschaften genommen und durch einen interkonfessionellen Religionskundeunterricht ersetzt werden würde. Ist das in Österreich eine Utopie?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2009)
















