In der Diskussion um den Schulversuch „Neue Mittelschule“ hat sich der Seniorensprecher der ÖVP in einem „Presse“-Kommentar („Unter falscher Flagge“, 26.Jänner) zu Wort gemeldet: Es präsentiert althergebrachte Vorurteile, löst aber wenigstens das Rätsel, warum „schwarze“ Bundesländer so gern bei diesem Schulversuch „mitmachen“: „Keine neue Liebe, sondern eine alte: zum Geld!“ Khol hat erkannt: Von einer wirklichen gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen ist keine Spur. Das passt den Konservativen, und das „rote“ Ministerium ist zufrieden, weil es beim Bau eines bildungspolitischen Luftschlosses einen „schwarzen“ Bündnispartner hat. Auf der Strecke bleiben Schülerinnen, Schüler und Eltern.
Warum aber lässt sich die ÖVP auf keinen wirklichen Schulversuch oder – noch besser – überhaupt auf das Modell einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen ein? Wovor fürchten sich Neugebauer und Khol? Es sind die alten Muster gesellschaftspolitischer Borniertheit: „Gleichheit durch gleiche Bildung für alle Kinder – also Schluss mit dem vielfältigen Schulsystem“, das sei der Weg in den sozialistischen Einheitsbrei. In der Khol'schen Diktion wird die gemeinsame Schule zur „klassenlosen Schule“ und evoziert den Gleichklang mit der Marx'schen „klassenlosen Gesellschaft“: Ein Gespenst geht um in Österreich! Khol möchte es bannen und das bestehende Schulwesen weiter tradieren.
Gesamtschule gleicht Startnachteile aus
Wohin hat uns dieses Schulsystem geführt? Sämtliche Testungen belegen, dass Österreichs Schüler und Schülerinnen Jahr für Jahr weiter hinter ihre Kolleginnen und Kollegen in den führenden Staaten zurückfallen und international bestenfalls im Mittelfeld liegen. Derzeit können 14 Prozent der Volksschüler und -schülerinnen nach der vierten Klasse nicht sinnerfassend lesen, bei den 14-Jährigen sind es bereits 50Prozent mehr. Sie haben also während ihres Schulbesuchs (!) das sinnerfassende Lesen verlernt! Auch im Spitzenbereich hinkt Österreich hinter den führenden Nationen nach: Beim Lesen befinden sich nur acht Prozent unserer Schüler und Schülerinnen in der Spitzengruppe, in den führenden Staaten wie Neuseeland oder Finnland sind es etwa doppelt so viele. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Mathematik und den Naturwissenschaften.
Der Pisa-Test hat gezeigt, dass die wirtschaftliche Stellung der Eltern in keinem anderen Land derartig großen Einfluss auf den schulischen Erfolg der Kinder hat wie in Österreich: Ins Gymnasium kommen gerade einmal zehn Prozent der Zehnjährigen, wenn deren Eltern nur einen Pflichtschulabschluss haben; wenn die Eltern jedoch einen Universitätsabschluss haben, sind es 79 Prozent. Ja, ich weiß, was Konservative jetzt sagen: Es sind die Gene. Sie sind es nicht! Denn die Pisa-Sieger zeigen, dass es auch anders geht: Dort ist das differenzierte Gesamtschulsystem in der Lage, den Startnachteil von Kindern aus bildungsfernen Schichten beziehungsweise mit migrantischem Hintergrund zumindest ein Stück weit auszugleichen.
Wer hingegen in Österreich in der Hauptschule in der dritten Leistungsstufe gelandet ist, steckt in der Bildungssackgasse. Denn er oder sie wird kaum jemals wieder höhergestuft und hat mit der Selektionsentscheidung im zehnten oder elften Lebensjahr sozial „lebenslänglich“ bekommen: als zukünftiger Hilfsarbeiter oder als zukünftige Hilfsarbeiterin.
Fast ein Fünftel der Wohnbevölkerung Österreichs zwischen 25 und 64 verfügt höchstens über einen Pflichtschulabschluss (und zum Teil nicht einmal über den) – also über keine Lehrausbildung oder den Abschluss einer weiterführenden Schule. Dabei ist der Anteil der Frauen fast doppelt so hoch wie jener der Männer. Und Besserung ist nicht in Sicht: Nach wie vor verlassen jährlich knapp unter zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler unser Bildungssystem ohne weiterführende Ausbildung. Das sind jährlich rund 8000Jugendliche, denen eine Karriere in prekären und schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen bevorsteht. Die meisten von ihnen hatten in unserem Bildungssystem nie eine wirkliche Chance.
Zu viele Begabungen gehen verloren
Bei uns gehen viel zu viele Begabungen verloren. Das nehmen nur noch verstockte Konservative nicht zur Kenntnis. Die Sozialpartner hingegen haben sich im „Bad Ischler Dialog“ vor knapp eineinhalb Jahren zu notwendigen Reformen bekannt. Christoph Leitl und Rudolf Hundstorfer haben gemeinsam gefordert, dass wir „ein neuartiges Schulwesen“ brauchen, das die „individuellen Potenziale der Kinder und Jugendlichen durch entsprechende Leistungsdifferenzierung“ zu entwickeln hilft und „die Bildungswegentscheidung“ erst „im Anschluss an die Sekundarstufe I“ notwendig macht.
Sie wollen also die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen, zumal es die Trennung der Kinder mit zehn Jahren außer in Österreich nur noch in der Schweiz und in Deutschland gibt. Und selbst dort geben langsam auch die Konservativen nach.
Fehlen also nur noch Khol, Amon und Neugebauer, die jedoch ihren Kampf derzeit „grimmig und hoch ideologisiert“ weiterführen. Diese Gespenster sind leider real: Man darf gespannt sein, wie lange sich die Reformkräfte in der ÖVP noch vor ihnen fürchten.
Dr. Harald Walser ist Nationalratsabgeordneter (Grüne) und Bildungssprecher im Grünen Parlamentsklub. www.haraldwalser.at
meinung@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2009)

Yigg
Webnews
Mr. Wong
Delicious
Facebook
Scoop
Google














