09.02.2010 16:23 | Meine Presse Merkliste0

Ein Gespenst geht um in Österreich!

GASTKOMMENTAR VON HARALD WALSER (Die Presse)

Warum lässt sich die ÖVP auf keinen wirklichen Schulversuch oder überhaupt auf das Modell einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen ein?

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In der Diskussion um den Schulversuch „Neue Mittelschule“ hat sich der Seniorensprecher der ÖVP in einem „Presse“-Kommentar („Unter falscher Flagge“, 26.Jänner) zu Wort gemeldet: Es präsentiert althergebrachte Vorurteile, löst aber wenigstens das Rätsel, warum „schwarze“ Bundesländer so gern bei diesem Schulversuch „mitmachen“: „Keine neue Liebe, sondern eine alte: zum Geld!“ Khol hat erkannt: Von einer wirklichen gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen ist keine Spur. Das passt den Konservativen, und das „rote“ Ministerium ist zufrieden, weil es beim Bau eines bildungspolitischen Luftschlosses einen „schwarzen“ Bündnispartner hat. Auf der Strecke bleiben Schülerinnen, Schüler und Eltern.

Warum aber lässt sich die ÖVP auf keinen wirklichen Schulversuch oder – noch besser – überhaupt auf das Modell einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen ein? Wovor fürchten sich Neugebauer und Khol? Es sind die alten Muster gesellschaftspolitischer Borniertheit: „Gleichheit durch gleiche Bildung für alle Kinder – also Schluss mit dem vielfältigen Schulsystem“, das sei der Weg in den sozialistischen Einheitsbrei. In der Khol'schen Diktion wird die gemeinsame Schule zur „klassenlosen Schule“ und evoziert den Gleichklang mit der Marx'schen „klassenlosen Gesellschaft“: Ein Gespenst geht um in Österreich! Khol möchte es bannen und das bestehende Schulwesen weiter tradieren.


Gesamtschule gleicht Startnachteile aus

Wohin hat uns dieses Schulsystem geführt? Sämtliche Testungen belegen, dass Österreichs Schüler und Schülerinnen Jahr für Jahr weiter hinter ihre Kolleginnen und Kollegen in den führenden Staaten zurückfallen und international bestenfalls im Mittelfeld liegen. Derzeit können 14 Prozent der Volksschüler und -schülerinnen nach der vierten Klasse nicht sinnerfassend lesen, bei den 14-Jährigen sind es bereits 50Prozent mehr. Sie haben also während ihres Schulbesuchs (!) das sinnerfassende Lesen verlernt! Auch im Spitzenbereich hinkt Österreich hinter den führenden Nationen nach: Beim Lesen befinden sich nur acht Prozent unserer Schüler und Schülerinnen in der Spitzengruppe, in den führenden Staaten wie Neuseeland oder Finnland sind es etwa doppelt so viele. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Mathematik und den Naturwissenschaften.

Der Pisa-Test hat gezeigt, dass die wirtschaftliche Stellung der Eltern in keinem anderen Land derartig großen Einfluss auf den schulischen Erfolg der Kinder hat wie in Österreich: Ins Gymnasium kommen gerade einmal zehn Prozent der Zehnjährigen, wenn deren Eltern nur einen Pflichtschulabschluss haben; wenn die Eltern jedoch einen Universitätsabschluss haben, sind es 79 Prozent. Ja, ich weiß, was Konservative jetzt sagen: Es sind die Gene. Sie sind es nicht! Denn die Pisa-Sieger zeigen, dass es auch anders geht: Dort ist das differenzierte Gesamtschulsystem in der Lage, den Startnachteil von Kindern aus bildungsfernen Schichten beziehungsweise mit migrantischem Hintergrund zumindest ein Stück weit auszugleichen.

Wer hingegen in Österreich in der Hauptschule in der dritten Leistungsstufe gelandet ist, steckt in der Bildungssackgasse. Denn er oder sie wird kaum jemals wieder höhergestuft und hat mit der Selektionsentscheidung im zehnten oder elften Lebensjahr sozial „lebenslänglich“ bekommen: als zukünftiger Hilfsarbeiter oder als zukünftige Hilfsarbeiterin.

Fast ein Fünftel der Wohnbevölkerung Österreichs zwischen 25 und 64 verfügt höchstens über einen Pflichtschulabschluss (und zum Teil nicht einmal über den) – also über keine Lehrausbildung oder den Abschluss einer weiterführenden Schule. Dabei ist der Anteil der Frauen fast doppelt so hoch wie jener der Männer. Und Besserung ist nicht in Sicht: Nach wie vor verlassen jährlich knapp unter zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler unser Bildungssystem ohne weiterführende Ausbildung. Das sind jährlich rund 8000Jugendliche, denen eine Karriere in prekären und schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen bevorsteht. Die meisten von ihnen hatten in unserem Bildungssystem nie eine wirkliche Chance.


Zu viele Begabungen gehen verloren

Bei uns gehen viel zu viele Begabungen verloren. Das nehmen nur noch verstockte Konservative nicht zur Kenntnis. Die Sozialpartner hingegen haben sich im „Bad Ischler Dialog“ vor knapp eineinhalb Jahren zu notwendigen Reformen bekannt. Christoph Leitl und Rudolf Hundstorfer haben gemeinsam gefordert, dass wir „ein neuartiges Schulwesen“ brauchen, das die „individuellen Potenziale der Kinder und Jugendlichen durch entsprechende Leistungsdifferenzierung“ zu entwickeln hilft und „die Bildungswegentscheidung“ erst „im Anschluss an die Sekundarstufe I“ notwendig macht.

Sie wollen also die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen, zumal es die Trennung der Kinder mit zehn Jahren außer in Österreich nur noch in der Schweiz und in Deutschland gibt. Und selbst dort geben langsam auch die Konservativen nach.

Fehlen also nur noch Khol, Amon und Neugebauer, die jedoch ihren Kampf derzeit „grimmig und hoch ideologisiert“ weiterführen. Diese Gespenster sind leider real: Man darf gespannt sein, wie lange sich die Reformkräfte in der ÖVP noch vor ihnen fürchten.

Dr. Harald Walser ist Nationalratsabgeordneter (Grüne) und Bildungssprecher im Grünen Parlamentsklub. www.haraldwalser.at


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2009)

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9 Kommentare
Gast: RogerRoger
06.02.2009 20:43
0 0

Nicht alle Hauptschulen in einen Topf werfen...

Nicht alle Hauptschulen in einen Topf werfen, wir haben in Österreich KEINE deutsche Gliederung in "schlechte" Hauptschulen, und gute Gymnasien.
Vor allem auf dem Land, sind Hauptschulen in der Lage ohne Probleme mit Gymnasien mitzuhalten, vor allem finanziell, die 1. und meist auch die 2. Leistungsgruppe hat i.d.R. den selben Lehrplan wie ein Gymnasium.

Wo die Hauptschule wieder gestärkt werden müsste wären die Städte.

Antworten Gast: Christian
08.02.2009 17:28
0 0

Re: Abgesehen von einer weitaus noch intakten Moral und geringeren Zuwanderungen

muß die Hauptschule am flachen Land als Ersatz für die Untermittelschule dienen, weil es - wg der geringeren Siedlungdichte - nur in Zentralorten Mittelschulen gibt!
In den Hauptschulen wird daher auch leistungsgerecht in Leistungsgruppen unterrichtet und werden nicht alle in einem Topf "Gesamtschule" zusammengeschmissen!

Der Umstieg von der Hauptschule in das Oberstufenrealgymnasium funktioniert nicht zuletzt auch deshalb, weil die Kinder am flachen Lande immer noch leistungsbereit sind und nicht positive Zeugnisse als "demokratisches Grundrecht" einfordern!

roger
05.02.2009 18:08
0 0

Linke Ideologie = größtes Gespenst

Frau Beckermanns verbale Ausrutscher sind eine Beleidigung für jede österreichische Familie, und somit auch für den österreichischen Staat. Wo bleibt der Aufschrei der Politiker und der Medien? Wer allen Ernstes meint, dass wegen häufigem Alkoholismus in den Familien eine neue Generation von Rechtsextremisten herangezüchtet werde, und deshalb Kinder vorsorglich in Betreuungseinrichtungen und Ganztagsschulen gesteckt werden sollten, müsste eigentlich von der Öffentlichkeit mit Überzeugung geächtet werden. Da es offensichtlich das oberste Ziel linker Familienpolitik ist, die familiären Strukturen zu zerstören, kann man diesen Strömungen gegenüber nur mit äußerstem Misstrauen gegenüber stehen. Mir stinken die Ideologien der Linken!

Gast: Christian
05.02.2009 01:39
0 0

Frau Beckermann hat uns in "Wie weit rechts steht Österreich" weitere Vorteile der Gesamtschule verraten:

In Österreich feiert ihrer Ansicht nach der Nationalismus feierliche Urstände. Er wird von Generation zu Generation tradiert und zwar durch die ("oft besoffenen") Eltern!! Nach Meinung dieser links stehenden "Filmschaffenden" Beckermann wäre daher in Familie durch die Gesamtschule zurückzudrängen. Dann würden die Österreicher wieder ein "ordentliches" Parlament wählen!

Am Beispiel dieser FS-Diskussion läßt sich dreierlei erkennen: 1.) Warum es den Linken bei der Gesamtschule überhaupt geht: die staatliche Erziehung eines "neuen" Menschen, dem die Linksideologie rechtzeitig beigebracht werden muß;
2.) welche Geister sich derzeit im "unabhängigen" ORF breit machen u.zw. auf Kosten aller Gebührenzahler!
3.) welche Geister die Blauen mit der roten Packelei in unserer Republik wiederbelebt haben!

Ophicus
04.02.2009 18:48
0 0

...

Schön. Wieder mal ein Artikel darauf verwendet unser Schulsystem (zu Recht) zu schelten, und kein Wort darüber wie die Gesamtschule das alles ändern soll. Und eben da steckt der Haken.
Eine völlig undifferenzierte Schule kann Begabungen erst recht nicht fördern. Wenn aber differenziert wird, dann kommt es weniger auf die Frage an ob das in einem oder mehreren Schulgebäuden/organisationseinheiten passiert, sondern wie man im Einzelnen differenziert.
Und da haben die Gesamtschulkonzepte bisher nicht viel vielversprechendes zu bieten gehabt, außer bessere Betreuung durch "mehr Geld und mehr Lehrer". Wozu es aber keine Schulversuche gebraucht hätte.

Antworten Gast: julian
05.02.2009 13:04
0 0

Re: ...

b)das Trennen in "gute und schlechte" (wobei nicht mal auf die jeweiligen Begabungen geachtet wird, einzelne Schwächen - Legasthenie - können schon eine schlechte Einstufung verursachen) verstärkt die aktuellen Entwicklungen. Am Beispiel der dritten Leistungsgruppe in der Hauptschule ist ersichtlich, dass die Schüler bei dieser Unterrichtsform nicht im geringsten die Chance haben, aufzusteigen. Das System befreit lediglich die in allen Fächern ganz guten Schülern von "Bremsern" ohne diese zu fördern.

c)auch die Motivation und Lernpotentiale für schlechte aber auch gute Schüler, dir durch gegenseitiges Helfen entsteht (auch Schüler-Schüler-Nachhilfe) geht bei der Trennung verloren.

Ophicus
05.02.2009 15:08
0 0

Re: Re: ...

b) Dass die Schüler in der dritten Leistungsgruppe zu wenig gefördert werden stimmt sicher, ist aber wieder keine grundsätzliche Schwäche des differenzierten Schulsystems, sondern eben eine schlechte Umsetzung. Können Sie in einer Gesamtschule genauso haben, wenn die schlecht angelegt ist.
Gerade das Beispiel Legasthenie zeigt recht gut, dass das Problem nicht in der Differenzierung, sondern der falschen Differenzierung besteht.

c) Glaube ich nicht. Es würde schwächeren Schülern vielleicht sogar motivieren, wenn sie zwar in einer "schlechteren" Schule sind, dort aber zu den besten Schülern gehören und wissen, dass sie eine Chance zum Aufstieg haben.
Gegenseitige Hilfe gibt es trotzdem, da auch innerhalb eines Schultypes nie alle Schüler alles gleich schnell lernen.
Natürlich würden den schlechteren Schülern in der Gesamtschule bessere Schülerhelfer zur Verfügung stehen. Aber nur wenn die auch wollen. Und damit den Lehrauftrag an Kinder delegieren finde ich auch nicht so toll.

Antworten Gast: julian
05.02.2009 13:02
0 0

Re: ...

Allein schon die Tatsache, dass in der Gesamtschule die unterschiedliche leistungsstarken Schüler nicht getrennt werden, bringt die Besserung:

a)die Begabungen eines Schülers können sich im Alter von 10 bis 14 Jahren noch stark verändern - wird er aber aufgrund seines temporären Leistungstiefs mit 9 Jahren in eine "Hauptschule" gesteckt (welche ja massiv abgebaut wurden - habe selbst diesen Schultyp besucht) sind seine Chancen auf eine weiterführende Bildungslaufbahn beachtlich schlechter

Ophicus
05.02.2009 15:02
0 0

Re: Re: ...

Gleiches ließe sich erreichen wenn die Hauptschule wieder verbessert würde und die Umstiegsmöglichkeiten zum Gymnasium ausgeweitet.
Ein temporäres Leistungstief kann natürlich aufgeholt werden. Aber wieso sollte das nicht in einer Hauptschule möglich sein? Und zwar nicht in der derzeitigen - denn wir reden immerhin von einer zukünftigen, reformierten Schule.

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