21.11.2009 20:30 | Meine Presse Merkliste0

Familie braucht Freiheit

MONIKA HOFFMANN (Die Presse)

Familie muss mehr sein dürfen als Verfügungsmasse der Wirtschaftspolitik.

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Mit einer europäischen Konferenz zum Thema „Kinderbetreuung und Beschäftigungspolitik: Konflikt oder Ergänzung?“ hat Tschechien in der vergangenen Woche, also noch zu Beginn seiner EU-Ratspräsidentschaft, ein Signal gesetzt, das aufhorchen lässt. Denn was auf den ersten Blick als „Begleitprogramm“ eines Treffens der EU-Familienminister erscheinen mochte, erwies sich rasch als kräftiger Impuls zu einer ebenso grundlegenden wie unbefangenen Bestandsaufnahme der aktuellen europäischen Familienpolitik. Neue, lebensnahe Perspektiven für die Familie scheinen an der Zeit. Perspektiven, deren Generalnenner lauten könnte: Familie muss mehr sein dürfen als Verfügungsmasse der Wirtschaftspolitik – sie muss, letztlich auch im Interesse der Wirtschaft, als ein Ort bewahrt sein, wo Menschen in einem Klima gegenseitigen Vertrauens das ABC der Freiheit lernen. Eben dafür aber braucht Familie selber Freiheit – auch von politischer Bevormundung. Als Objekt sozialplanerischer Fantasien vom Schreibtisch aus taugt sie jedenfalls nicht.

Eine These wie diese vertrat in Prag vor allem der Steuerexperte und ehemalige deutsche Verfassungsrichter Paul Kirchhof – übrigens so überzeugend, dass er vom Publikum dafür, anders als einige politisch nur eher „korrekte“ Referenten, einen nicht enden wollenden Applaus erhielt. Kirchhof setzte genau bei den Fragen an, die junge Menschen in den „Zielkonflikten“ zwischen Berufs- und Familienplanung heute bewegen. Und er forderte eben deshalb eine Politik, die aus der Perspektive der Schwächsten, nämlich der Kinder, aber auch der Familien, die in der Regel eben keine politische Lobby haben, denkt. Familie gedeiht, wenn ihr „Freiheitsvertrauen“ entgegengebracht wird. Ein Staat, der sie gängelt und ausbeutet, beschädigt dagegen nicht nur individuelle Biografien. Er beschädigt die eigenen Grundlagen.


Keine Einheitsmodelle

Die EU selbst hat in Familiensachen genau besehen keinerlei Kompetenzen, sie ist vielmehr nach ihren eigenen vertraglichen Grundlagen alleine gehalten, die Vielfalt der kulturellen Ausprägungen von Familie in Europa zu respektieren. In der Tat variieren die Konstellationen in Bezug auf Kinderzahl, weibliche Erwerbstätigkeit und Familienarmut zwischen Irland und Italien, Schweden und Portugal nach wie vor so stark, dass schon deshalb eine europäische Nivellierung nicht sinnvoll erscheint. In der Praxis jedoch wird durch Kompetenzüberschreitungen dennoch versucht, ein „ökonomisch imprägniertes“ Einheitsmodell von Familie durchzusetzen. Beispielhaft dafür kann man die „Barcelona-Ziele“ der EU aus dem Jahre 2002 nennen, die eine Fremdbetreuung von mindestens (!) jedem dritten Kind unter drei Jahren europaweit fordern und dies vor allem mit wirtschaftlichen Interessen begründen.

Das aber bleibt nicht ohne Folgen. Fremdbetreuung von Kleinstkindern kann im Ergebnis auch heißen: emotionale Verarmung und motorische Defizite der Kinder, überlastete Betreuerinnen mit viel zu großem Betreuungsschlüssel, höhere Suizidgefährdung bei zu früher und extensiver Fremdbetreuung und vieles mehr – die wissenschaftlichen Studien aus verschiedenen europäischen Ländern liegen dafür inzwischen vor.

Das jedoch kann nur heißen, dass flexible und auf Eigenverantwortung setzende Ideen an der Zeit sind: die Anrechnung von Erziehungsleistung auf das Lebenseinkommen und den Rentenanspruch, die steuerliche Entlastung von Familien, die Förderung familienfreundlicher Betriebe und einer neuen „Teilzeitkultur“, wie sie derzeit in Schweden etwa schon greift. Bleibt zu hoffen, dass der fällige Paradigmenwechsel bald kommt – um unsrer Kinder, aber auch um des Gemeinwesens willen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2009)

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6 Kommentare
Gast: Dr. Barbara Kaminski
14.02.2009 21:50
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Tschechien durchbricht materialistisches Denken

Es ist sehr zu begrüßten, dass Tschechien durch den Kongress im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft die EU-Familienpolitik neuen Impulsen ausgesetzt hat. Das unerträgliche materialistische Denken, das die Fremdbetreuung von Kindern unter drei Jahren im großen Stil durchsetzen will, wird durchbrochen. Nicht das wirtschaftliche Wachstum, sondern das Wohlergehen der Menschen, zu der auch ihre emotionale Zufriedenheit gehört, ist das wichtigste Ziel. Das muss auch die europäische Politik begreifen. Es bleibt zu hoffen, dass auch weiterhin auf europäischer Ebene darüber gesprochen wird und gesprochen werden darf, ob die Mütter die Fremdbetreuung ihrer Kinder unter drei Jahren tatsächlich wollen, ob diese Fremdbetreuung für das Wohlergehen der Kinder förderlich ist und ob es die gesellschaftliche Gerechtigkeit nicht erfordert, die Erziehung der eigenen Kinder, wie eine berufliche Tätigkeit zu entlohnen.

Gast: Michael Bloch
14.02.2009 16:35
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na endlich!

Sollte es wirklich stimmen, dass - nachdem selbst erziehende Eltern jahrelang öffentlich verspottet wurden - Kindererziehung endlich als gesellschaftlich wertvolle "Arbeit" anerkannt wird, wäre das die beste Nachricht seit vielen Jahren! In ganz Europa werden viel zu wenige Kinder geboren: die europäische Bevölkerung ersetzt sich nur zu zwei Dritteln - das wird VIEL verheerendere Konsequenzen auf die Sozialversicherungen und die Staatshaushalte haben als die aktuelle Finanzkrise!!! Der Ausbau familienexterner Kinderbetreuung kann diesen Trend nicht aufhalten, weil er nur Kleinfamilien hilft und den Kindern erwiesen schadet.
Soll Europa und unsere Alterssicherung Zukunft haben, führt an einer Renaissance der Mehrkinderfamilie kein Weg vorbei - und dies geht nur mit einer öffentlichen Aufwertung und gesellschaftlichen Anerkennung der familiären Erziehungsarbeit. Nichts anderes fordert das Familiennetzwerk www.familie-ist-zukunft.de seit Jahren.

drahreg
14.02.2009 08:05
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Kind hat Vorrang

Endlich scheint man zu verstehen, dass Kinder möglichst lange die eigenen Eltern brauchen, um sich entwickeln zu können. Das Kind vor dem dritten Lebensjahr an den "Staat" abzugeben, schadet dessen Entwicklung, sagen renommierte Psychologen.
Es ist Aufgabe des Staates, Gesetze zu schaffen, die Mütter nicht wieder sofort in die Erwerbstätigkeit zwingen. Das viele Geld für Betreuungsstätten könnte man viel kinds- und müttergerechter einsetzen - etwa in Form eines Müttergehaltes.


Welch eine erfreuliche Nachricht!

Dieses "Prager Ereignis" kann all jenen wieder Mut machen, die angesichts der massiven öffentlichen Propagierung einer Berufstätigkeit von Müttern kleiner Kinder und deren "Verwahrung" in "Betreuungseinrichtungen" die Hoffnung auf eine europäische Familienpolitik, die sich am Wohl der Kinder und nicht an den Interessen der Wirtschaft orientiert, bereits aufgegeben hatten.

Diesen neuen Trend von Prag gilt es zu verstärken. Er wird zwangsläufig verstärkt, wenn ein Bewußtseinswandelt durch öffentliche Aufklärung darüber gelingt, was Kinder in den ersten Lebensjahren brauchen, damit ihre Persönlichkeitsentwicklung gelingt und keinen Schaden nimmt. Dafür müssen die einschlägigen wissenschaftlichen Erkenntnisse effizienter als bisher öffentlich bekannt gemacht werden. Auch dürfen die Kritiker der "Betreuungslösung" keine Scheu vor eingängigen Schlagworten wie etwa "Mutterentbehrungsschäden" haben, um auf die Schäden der "Betreuungslösung" aufmerksam zu machen.

DoroBöhm
13.02.2009 15:55
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Kleinkinder brauchen Liebe, nicht Professionalität

Die Kleinkinderjahre sind eine für die Persönlichkeitsentwicklung elementare Phase, in der Liebe und Vertrauen gewissermaßen den Mutterboden für jede weitere Entwicklungsstufe bildet. Eltern, weil sie ihre Kinder lieben, sind in der Regel die besten Kleinkindbegleiter. In den ersten Jahren will eine große Mehrheit der Eltern ihre Kinder selbst erziehen, zunehmend wird ihnen dies wirtschaftlich unmöglich gemacht.
Auch die Wissenschaft stützt das Kleinkinder-Betreuungsmodell Familie: Die größte US-amerikanische Studie zur Krippenbetreuung zeigt, dass eine ansteigende Gesamtdauer außerfamiliärer Gruppenbetreuung linear mit zunehmend schlechterem Sozialverhalten einhergeht, und zwar unabhängig von der Qualität der Einrichtung.
Die Empfehlung der NICHD-Studie lautet daher, die Dauer außerfamiliärer Betreuung zu verkürzen und nicht auszubauen.


Na endlich!

In den Applaus, der den Reden galt, die die Frauen in ihrer Familienarbeit unterstützen stimme ich von Herzen ein. Wie oft habe ich beim Lesen von familienpolitischen Beiträgen ein schales Gefühl gehabt, weil ich mich und viele andere Frauen nicht vertreten fühlte. Die meisten Frauen möchten bei ihren Kindern bleiben und sie versorgen, wenn ihnen nur die Freiheit gegeben würde es auch zu tun und sie sich nicht dauernd dafür rechtfertigen müssten. Wenn nun auf EU-Ebene die Wertschätzung der Familie konkret verhandelt wird, bis hin in ganz praktische Vorschläge, fällt mir ein Stein vom Herzen. Nicht in erster Linie für mich, sondern vielmehr für die vielen Kleinen, die nicht bei ihrer Mutter sein können, obwohl es das ist, was sie am liebsten wollen und auch das, was für ihr Aufwachsen am besten ist.

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