12.02.2012 02:44 | Meine Presse Merkliste0

Der rationale Iran

GERHARD MANGOTT (Die Presse)

Selbst wenn der Iran in der Lage wäre, Trägersysteme nuklear zu bestücken, wäre deren Einsatz irrational.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Vorbehalte gegen den Iran und sein Vorhaben, eine nukleare Waffenoption zu entwickeln, sind nachvollziehbar; deswegen aber die Zusammenarbeit im Energiesektor zu blockieren, ist nicht zweckmäßig. Zur Wahrung der Energieversorgung der EU-27 ist die Zusammenarbeit mit vielen autoritären Regimen erforderlich – von Saudiarabien über Algerien, Libyen und Russland bis Nigeria. Der Iran ist damit kein Einzelfall. Immerhin importieren die Mitgliedstaaten der EU auch erhebliche Mengen an Rohöl aus dem Iran, allen voran Frankreich, Italien und Griechenland.

Die OMV ist nicht der einzige Energiekonzern, der an iranischem Gas interessiert ist. Indien und China streben erhebliche Gasimporte aus dem Iran an. Auch die russische Gazprom schickt sich an, massiv im iranischen Markt einzusteigen. Überdies bemüht sich der Iran, durch Flüssiggas (LNG) zusätzliche Exportmärkte zu erschließen. Das iranische Regime wird also auch ohne Investitionen aus der EU Einnahmen aus dem Gasexport lukrieren.

Neben den USA ist es auch Russland, das kein Interesse am Erdgasexport des Iran in die EU hat. Gazprom möchte den europäischen Markt exklusiv bedienen und setzt alles daran, die iranischen Gasexporte zu blockieren. Der Verzicht auf iranisches Gas wäre ein Beitrag zur Bildung eines Gaskartells, das erheblichen Preisdruck auf den europäischen Gasmarkt ausüben könnte.

Der Handel mit iranischem Gas kann die Stabilität des iranischen Regimes befördern; immerhin bezieht Iran 85 Prozent seiner Exporteinnahmen aus dem Öl- und Gassektor. Das trifft aber nicht nur auf den Iran zu, sondern auf eine Mehrheit der autoritären Staaten, mit denen die EU-27 im Energiesektor zusammenarbeiten. An Rohölimporten aus dem Iran aber gibt es keine Kritik – auch nicht von den USA, die steigende Rohölpreise befürchtet, wenn iranisches Öl von den Märkten verschwindet.

Die Kritiker werfen der OMV vor, das multi- und bilaterale Sanktionsregime gegen den Iran zu unterlaufen. Gerade philoisraelische Organisationen sehen in Sanktionen taugliche Mittel, um das Verhalten des Iran zu beeinflussen. Wenn aber das Regime rational genug ist, auf äußere Sanktionen zu reagieren, muss ihm auch zugebilligt werden, seine Interessen im Nahen Osten rational zu verfolgen. Das aber bestreitet die philoisraelische Gemeinde. Als Ausdruck des irrationalen Herrschaftscharakters werden die Brandreden Ahmadinejads angeführt. Ist das Gefasel des in der Machthierarchie des Iran ohnehin marginalisierten Präsidenten tatsächlich die Leitlinie der Außenpolitik? Sind die Hetzreden nicht vielmehr an die eigene Bevölkerung gerichtet, um diese angesichts wirtschaftlicher Härten nationalistisch zu mobilisieren?


Israels Zweitschlagfähigkeit

Selbst wenn der Iran in der Lage wäre, Trägersysteme nuklear zu bestücken, wäre deren Einsatz irrational, gerade gegen Israel, weil dessen Zweitschlagsfähigkeit nicht ausschaltbar ist und einen rational agierenden Iran ausreichend abschreckt. Auch die vielfach zitierte Erpressbarkeit Israels durch einen angedrohten nuklearen Schlag des Iran ist nicht gegeben, da auch in diesem Szenario die Abschreckungslogik greift.

Unbestritten ist die Rolle des Irans als destabilisierende Kraft in der Region – durch die Unterstützung für schiitische Milizen im Irak, die Schwächung der libanesischen Regierung über die Hisbollah, die Bewaffnung der radikalen Hamas und nicht zuletzt durch die strategische Allianz mit Syrien. Unbestritten ist auch, dass dadurch israelische Sicherheitsinteressen beeinträchtigt werden. Israel kann sich aber seiner Verantwortung für die regionale Stabilität nicht entziehen; der Ruf nach militärischer Härte durch die USA gegen eine nicht bestehende Gefährdung Israels durch den Iran darf nicht erhoben werden, nur weil die israelische Führung nicht fähig oder bereit ist, ihren Beitrag zu einer friedlichen Lösung zu leisten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2009)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

9 Kommentare
Gast: shahin77
17.02.2009 12:56
0 0

Dankeschön

Vielen Dank für die treffenden und korrekten aussagen, und für die sinngerechte Darstellung der Situation.
Der Westen bildet sich zu viel auf die Außenpolitik des Irans ein, was vermehrt zu Missverständnissen führt.
Dass beispielsweise Hassreden von Ahmadinejad andere Ziele verfolgen und dass sich das Regime niemals selbst eliminieren lassen würde ist mehr als logisch und rational.
nochmals vielen Dank an den Autor!

Gast: Niederösterreicher
16.02.2009 14:43
0 0

In der Politik werden immer noch Schreckgespenster projiziert,

um eigene Begehrlichkeiten und auch Gräueltaten zu kaschieren!

Seit Jahrzehnten duckt sich das deutschsprechende Mitteleuropa unter der Keule des Holocaust. Nicht einmal die Gräueltaten der Atombombenabwürfe, der Kriege in Indochina (wo jetzt noch viel Menschen durch Minen verstümmelt werden), im Irak (ein laizistisches Land, das als Islamistisch verteufelt u. des Besitzes von Massenvernichtungsmitteln beschuldigt wurde, konnte diesen Vorwurf relativieren. Gestern wurde im ORF der Film "Schatten über dem Kongo" gezeigt, mit dem zentralen Vorwurf, daß während der Kolonialzeit im Kongo zu Profitzwecken die Bevölkerung des Kongo um die Hälfte (= rd. 10 Mill.) dezimiert u. den Menschen systematisch Gliedmaßen abgeschlagen wurden! Das paßt gut zu den Berichten über die Ausrottung der Indianer in der Karibik u. N-Amerika!

In Anbetracht dessen: was wirft man dem Iran eigentlich vor? Sollte man nicht vorrangig erwiesene Täter bestrafen?

Antworten Ophicus
16.02.2009 17:05
0 0

Re: In der Politik werden immer noch Schreckgespenster projiziert,

Beim Iran geht es aber nicht um die Bestrafung, sondern um die Verhinderung von Gräultaten.

Antworten Antworten Gast: Niederösterreicher
16.02.2009 22:06
0 0

Re: Re: Kard. Schönborn ist mit den iranischen Mullahs in einen religösen Dialog getreten.

Ob auch Schönborn um die Gefährlichkeit der Mullahs weiß?

Antworten Antworten Gast: Schlechtmensch
16.02.2009 18:52
0 0

Re: Re: In der Politik werden immer noch Schreckgespenster projiziert,

Die Verhinderung von Gräueltaten ist immer gut: zu diesem Zweck sollte man sinnvollerweise bei jenen Staaten ansetzen, die immer wieder Kriege entfachen!!

Gast: Dari
16.02.2009 11:04
0 0

Unbestritten?

Ich glaube nicht, dass es unbestritten ist, dass der Iran eine destabilisierende Wirkung für die Region hat. Ganz im Gegenteil wäre die Region deutlich unkontrollierter wäre der Iran nicht da. Die USA war nicht grundlos auf die Hilfe des Iran angewiesen wenn es um Afghanistan und auch um den Irak ging. Wenn Sie natürlich den Begriff "destabilisierend" als gegen die Interessen der USA benutzen, dann gebe ich Ihnen recht. Wobei wir faireshalber nicht die gesamte USA in einen Topf stecken sollten. Es sind die Kriegstreiber rund um die Energie-, Waffen- und Aufbaukonzerne. Das Volk wäre meiner Meinung nach, sofern richtig informiert, nicht diesen Weg gegangen. Soviel zum Thema Rational. Wobei man sagen muss, dass es wahrscheinlich die perverste Form von Rationalität darstellt, wenn man Billionen Dollar an Gewinn gegen den Tot tausender eigener und Millionen anderer Volkslete abwägt und sich für den Profit entscheidet. Emotionalität bedeutet hierbei Trauer, aber wir bleiben rational.

Gast: Grummelbart
15.02.2009 23:38
0 0

Rational?

Muss der Analyse zustimmen, aber gleichzeitig zu Bedenken geben, dass sie eben nur bei Rationalität stimmt.

Was, wenn einmal NICHT rational gehandelt wird? Beispiele in der Vergangenheit gibts genug - erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg, die Liste ließe sich fortsetzen.
Was, wenn alle Rationalität beim Fenster rausgeht? Gerade bei Atomwaffen reicht Wahnsinn einer relativ kleinen Gruppe hochrangiger Vertreter aus, um die Apokalypse herbeizuführen. Wer zweifelt, denke bitte daran, dass Menschen im Nahen Osten teilweise bereit sind, sich selbst und durchaus auch unbeteiligte Zivilisten zu opfern, um ihr Ziel zu erreichen - was ja auch nicht gerade vor Rationalität schreit.

Darum also Vorsicht! Der Mensch ist vieles, nur nicht rational.

Cheers,
-Grummel

Ophicus
15.02.2009 20:09
0 0

Denkfehler

1. "Wenn wir das Gas nicht kaufen tut es ein anderer."
Völlig richtig, geht aber am Thema vorbei. Wenn es nämlich moralisch falsch ist den Iran durch solchen Handel zu unterstützen wird es nicht dadurch richtig, dass andere es auch tun würden.

2. "Wenn der Iran rational ist stört die Bombe nicht, ist er irrational sind Sanktionen nutzlos"
Hier wird in absoluten Bahnen gedacht. Der Iran kann nur in seiner Gesamtheit rational oder irrational sein. Dass hier verschiedene Staatsvertreter in verschiedenen Situationen bei verschiedenen Themen anders agieren können wird völlig ausgeblendet. Ein irrationaler Knopfdruck reich zur nuklearen Katastrophe. Zu dessen Vorbereitung gegen internationalen Druck muss aber laufend irrational gehandelt werden. Was logischer Weise schwerer durchsetzbar ist - selbst von irrationalen Fanatikern.

Für weiteres fehlt hier leider der Platz

Antworten Gast: Avis
17.02.2009 17:55
0 0

Re: Denkfehler

Es ist Hoch intressant wie hier einige "Ahnungslose"
sich den Kopf über den Irans Rationalität zerbrechen.
Meine Herrschaften keiner von Ihnen kennt die geshichte von Iran und dessen verbindungen zu den Amerika oder Europa.
Der Westen ist doch nur an Profit und Sicherung der Energie Versorgunginteressiert und das um jeden Preis!

Die Indianer in Amerika haben das schon richtig erkannt:
Der Weiße man spricht mit gespaltene Zunge!

wenn Westen etwas tut ist es ja nur gut gemeint und bla bla aber wehe wenn ein land aus der Dritten Welt etwas unternimmt um seine Chancen auf ein besseren Lebensstandard zuverbessern,schon ist es in der AXe der Bösen.

Das kauft euch doch keine mehr ab!nicht mal mehr eure eigene leute.

Iran soll auf sein Recht verzichten?,gut dann soll westen anfangen seine Atomarsenale abzurüsten.
Israel und Indien haben den Sperrvertag nicht unterschrieben und werden trotzdem von westen ,vor allem dem USA, in ihren uklearen Ambitionen Unterstützt.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News