Die Einstellung zur Homosexualität hat in den letzten fünfzig Jahren international eine dramatische Veränderung erfahren. War die Homosexualität zunächst eine verborgene Leidenschaft, die aus der Sicht mancher durch die Verführung von Jugendlichen sogar das Staatsinteresse bedrohte (keine Reproduktion von Kindern!) und zu Kerker und Hinrichtungen führte, so gab es in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts eine Wende: Der Homosexuelle ist nicht moralisch verwerflich, er (meist kam „sie“ nicht vor) ist krank – psychisch krank.
Doch diese Veränderung hatte auch ihr Gutes: das Aufkommen der Schwulenbewegung. Ein neues Selbstbewusstsein etablierte sich mit weitreichenden Folgen: 1973 wurde Homosexualität als Krankheit aus dem DSM II (Diagnostic and Statistic Manual ) und 1993 aus dem ICD 10 (International Classification of Deseases) gestrichen. Damit wurde die Einstellung zumindest in der medizinischen Fachwelt etabliert, dass Homosexuellsein eine von mehreren Formen der Sexualität ist, vergleichbar etwa damit, dass es Rechts- und Linkshänder gibt oder Menschen, die rote Haare haben.
Mittlerweile gibt es in vielen Ländern homosexuelle Ehen, Adoptionen etc., die Ministerpräsidentin von Island ist mit einer Frau verheiratet. Österreich hinkt ein bisschen nach. So gesehen alles paletti?
Gefahr für Identität des Heterosexuellen
Keineswegs: Wenn 2009 katholische Bischöfe von Homosexualität als Krankheit, dem Alkoholismus gleichzusetzen, sprechen, dann darf man fragen, wie es dazu kommt (auch wenn der Bischof dies am nächsten Tag widerruft, nicht zuletzt wegen des – leisen – Protestes homosexueller Priester).
Es gibt dazu vier Gesichtspunkte:
a)Die Einstellung in der Bevölkerung ist gegenüber Homosexualität toleranter geworden. Aber die innere Abwehrleistung ist bei vielen Menschen geblieben, dass das Homosexuelle eine Gefahr für die Identität des Heterosexuellen darstellt. Das Fremde als Teil des Eigenen zu sehen, bedarf einer psychischen Kraftanstrengung, wird es doch als unheimlich erlebt.
b)Homosexuelle haben wie Heterosexuelle Entwicklungsprobleme hinsichtlich der Akzeptanz ihrer Sexualität. Es ist insbesondere für Jugendliche oft ein Drama, mit der eigenen Sexualität auf gleich zu kommen. Sie benötigen immer wieder Unterstützung, auch Psychotherapie.
c)Die Sexualität lässt sich in Wahrheit nicht in zwei Kategorien (hetero/homo) fassen: Vielmehr ist es ein Kontinuum mit vielen Spielvarianten (homo, hetero, bisexuell, transsexuell etc.), sowohl vom Lebensalter, den sozialen Ereignissen und der grundsätzlichen Disposition bestimmt.
Lustquelle oder Tragödie
d)Die Sexualität an sich ist für jeden Menschen eine große Herausforderung, und zwar in allen Lebensaltern. Sie ist wunderbare Lustquelle und eine Tragödie, wenn eine Erfüllung nicht gewährleistet ist.
Und leider ist es für die meisten Menschen schwierig, dauerhaft ein zufriedenstellendes Sexualleben zu führen, egal ob homo- oder heterosexuell. Das ist die eigentliche Herausforderung!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2009)















