12.02.2012 14:54 | Meine Presse Merkliste0

Eine Chance für Bretton Woods II

GASTKOMMENTAR VON CHRISTIAN FELBER (Die Presse)

Die Finanzierung des Bankenpakets sollte nicht von der Allgemeinheit getragen werden, sondern von den Verursachern und Profiteuren der Krise.

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Die Hoffnungen an den „Weltfinanzgipfel“ der G20 am 2. April sind hochgeschraubt. Die Konferenz wird „Bretton Woods II“ genannt, nach dem Treffen der Siegermächte am Ende des 2. Weltkriegs, das zu einem strengen Korsett für die globalen Finanzmärkte führte: Goldstandard, Weltleitwährung US-Dollar, fixe Wechselkurse, Kapitalverkehrskontrollen, Gründung von Weltbank und Währungsfonds.

Die Hoffnungen auf einen ähnlichen Coup wie 1944 sind jedoch unbegründet. Denn am Konferenztisch sitzen die maßgeblichen Verursacher der Krise. Die westlichen Regierungen haben in den letzten 30 Jahren die Krise Zutat um Zutat gebraut. Sie haben „freie“ globale Finanzmärkte hergestellt und dabei auf jede globale Aufsicht, Regulierung und Kontrolle bewusst „verzichtet“. Der Grund: Die immer mächtigere Finanzindustrie hat gegen die Regulierung der Finanzmärkte erfolgreich lobbyiert. Allein zwischen 1998 und 2008 bezahlte die Wall Street 5,1 Mrd. US-Dollar an Lobbyisten – mit „fulminantem“ Erfolg. 1999 wurde der legendäre Glass Steagall Act, der 1933 das Kredit- vom Aktiengeschäft trennte, weggesprengt. Zeitgleich wurde eine Initiative im US-Kongress zur Regulierung von Derivaten abgeblockt. Die EU schuf 1999 ihren „Finanzbinnenmarkt“, Österreich startete 2000 eine „Kapitalmarktoffensive“, die der Börsenumsatzsteuer den Garaus machte, die Pensionen dem Osteuropa-Risiko auslieferte und Aktienoptionen seither steuerlich fördert. Die maßgeblichen Akteure sind weiter an der Macht.


Dollar als Weltleitwährung ablösen

Die Voraussetzung, dass bei „Bretton Woods II“ etwas herauskommt, das diesen Namen auch verdient, ist daher die demokratische Verbreiterung des Prozesses. Nicht nur 20 Regierungen, sondern auch Vertreter der Parlamente und der Zivilgesellschaft aus 192 Staaten müssen an den UN-Konferenztisch. Sonst bleibt die Rede vom „Global Village“ Spott und Hohn. Was wäre inhaltlich zu tun? Eine globale Finanzmarktaufsicht müsste die Macht erhalten, private Banken so weit zu teilen, dass sie nicht mehr „too big to fail“ sind. Sämtliche Kredite müssen in die Bilanzen aufgenommen und Niederlassungen in Steueroasen geschlossen werden. Fonds müssen streng reguliert und Finanzderivate von der Finanzmarktaufsicht geprüft und zugelassen werden. Um aus Geld und Kredit ein öffentliches Gut zu machen, sollten nicht gewinnorientierte Banken gefördert werden, welche die Grundfunktion der Finanzmärkte – günstige Kredite an „realinvestierende“ KMU – wieder aufnehmen.

BrettonWoodsII böte die historische Chance, den zentralen Konstruktionsfehler von Bretton Woods I zu korrigieren: Der Dollar sollte als Weltleitwährung von einem Währungskorb abgelöst werden, wie ihn Keynes schon 1944 vorgeschlagen hatte. Dieser „Globo“ (Keynes: „Bancor“) wäre keine Weltwährung, sondern nur eine Verrechnungseinheit für globale Handels- und Kreditflüsse. Die Wechselkurse der Landeswährungen zum „Globo“ könnten von einem UN-Währungsausschuss regelmäßig auf Basis der makroökonomischen Fundamentaldaten angepasst werden. Damit besäße dieses System neben Stabilität auch Flexibilität – eine Stärke, die dem Euro schmerzlich fehlt.

Die EU müsste mit aller Macht auf die globale Regulierung der Finanzmärkte drängen. Sollten ihre Handelspartner jedoch nicht dazu bereit sein, müsste sie die gleichen Maßnahmen im Binnenmarkt durchsetzen und beim Kapitalverkehr differenzieren. Damit hätte sie sich wirkungsvoll vor der Ansteckung mit der Subprime-Krise schützen können: Sie hätte „reale“ Dollars (Handel, Tourismus, Investitionen) frei einreisen lassen und gefährliche Derivate und finanziellen Giftmüll aussperren können. Aufgrund ihrer pseudoliberalen Dogmatik hat die EU mit dem Subprime-Giftmüll auch die Rezession importiert.

Die Konjunkturpakete sind angesichts der immer düsteren Prognosen viel zu klein: Österreichs 1,3% vom BIP werden die Rezession nur um etwa 0,75% abschwächen. Wenn die Wirtschaft aber um zwei oder drei Prozent schrumpft, ist das ein Tropfen auf den heißen Fels. Deshalb sollten gezielt 100.000 Arbeitsplätze durch breit gestreute Investitionen geschaffen werden: Bildung, Gesundheit, Pflege, Kultur, öffentlicher Verkehr, thermische Sanierung, erneuerbare Energien. Das wären sinnvolle und ökologisch produktive Arbeitsplätze. Ihre Finanzierung – und die des Bankenpakets – sollte jedoch nicht von der Allgemeinheit (via höhere Staatsschulden) getragen werden, sondern von den Verursachern und Profiteuren der Krise. Das Vermögen der globalen Dollar-Millionäre ist in den letzten zehn Jahren um 20 Billionen (!) US-Dollar angewachsen. Eine zweiprozentige Steuer auf die globalen „High Net Worth Individuals“ würde weltweit jährlich rund 600 Mrd. US-Dollar einspielen, auch nach der aktuellen Vermögensschmelze. In Österreich würde eine 1,5-prozentige Vermögenssteuer auf die oberen zehn Prozent der Bevölkerung zehn Mrd. Euro einspielen, das 2,5-Fache des aktuellen Konjunkturpakets, 90% der Bevölkerung blieben vermögenssteuerfrei.


Alle Aktionäre zur Verantwortung ziehen

Eigentlich müssten rückwirkend alle Aktionäre der involvierten Banken, Investmentbanken und Versicherungen zur Verantwortung gezogen werden. Ursprünglich hafteten die Aktionäre noch mit ihrem gesamten Vermögen im Fall des Konkurses einer Aktiengesellschaft. Zumindest sollten Aktienoptionen verboten und Manager stattdessen für die Schaffung von sozialem und ökologischem Mehrwert belohnt werden. Die EU sollte mithilfe von Steuern die Höchsteinkommen begrenzen, zum Beispiel mit dem 30-Fachen der jeweiligen Mindestlöhne. Dann bräuchten die Reichen keine Angst mehr haben, und der soziale Friede wäre gesichert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2009)

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7 Kommentare
Gast: Frank
31.03.2009 13:28
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oje, der Felber, der (geistig arme) Marxist

gibt wieder seine ewig gestrigen Sozi-Weisheiten wieder... gähn! Das kann man inhaltlich gar nicht mehr kommentieren! Der Mann hat keinerlei wirtschaftliche Kenntnisse, nur so halbwissenschaftliche Sozialträumereien...

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Zu @Gast: Martin S: "Na putzig" und @periskop: "was soll das?"


Diese beiden Postings sind typisch: Polemische Kritik und keinerlei sachliche Stellungnahme. Ist der Grund nur Ignoranz oder mehr? Ich kann mir nicht vorstellen daß sich die Schreiber wirklich mit den Gedanken von Christian Felber befaßt haben. Ich empfehle seine beiden Bücher:

"50 Vorschläge für eine gerechte Welt" (Deuticke 2006) und
"Neue Werte für die Wirtschaft" (Deuticke 2008)

In meiner Website gibt es ebenfalls zahlreiche Gedanken und Fachzitate zum Thema, z.B. die beiden Artikel:

"Globalisierung und freie Marktwirtschaft" und
"Gedanken zur Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009".

Siehe www.ohnepolemik.at/artikel/

Antworten Gast: Martin S
27.03.2009 19:20
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Re: Zu @Gast: Martin S:

Nun, ich habe diesen Artikel gelesen und bin geistig stark genug, mir daraus ein Urteil zu bilden. Wenn das Ihnen nicht passt, ist es mir auch egal. Allerdings, die Titel, die Sie aufzählen, klingen sehr nach Karl Marx und wie er die Welt versteht. Oder auch nicht. So nach dem Motto "60 Rezepte gegen Keuchhusten".

periskop
27.03.2009 09:31
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was soll das?

ATTAC - ein Sammelbecken für Naive und Ahnungslose.
Sancta simplicitas!

Gast: Martin S
26.03.2009 19:25
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Na putzig!

"In Österreich würde eine 1,5-prozentige Vermögenssteuer auf die oberen zehn Prozent der Bevölkerung..." Woher nimmt der Herr Felber dieses Wissen von "10 Prozent" ? Und wie soll das eingegrenzt werden? Wer legt den Rahmen fest??
Jede Menge unausgegorenes Zeug in diesem Artikel.
Wir tun alle so, als wären "nur ein paar Reiche" an dem ganzen Schlamassel schuld - dabei sind es WIR ALLE - so nach dem Motto "Haben wollen und nicht leisten können" - wieviele haben Kredite aufgenommen um etwas zu Kaufen was sie sich eigentlich nicht leisten können?? Und jede Menge "Aktionäre" sind Normalsterblich-Verdiener, und keine Geldprotze. Ausserdem ist das viele "Vermögen" doch auch nur wieder ein "angenommenes", nicht reales - ein Minus von 1% an einer Börse und weg ist es...
Und das Geseiere und Gejammere ist auch nicht gerade innovativ - Tatsache ist, dass immer noch mehr Menschen eine Arbeit haben als damals zu Schröders Zeiten... und wir tun alle so als stürze die Welt ein..

Antworten Gast: Gerd
26.03.2009 21:58
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Schuld sind NICHT WIR ALLE, sondern eine Minderheit von Gewinnlern

Eine Gewerkschafterin und frühere Betriebsrätin bei Siemens, Karin Hujer, hat sich in einem Brief an den deutschen Bundespräsidenten darüber völlig zu Recht beklagt, dass Horst Köhler in seiner Berliner Rede wie selbstverständlich davon ausgeht, dass WIR ALLE " über unsere Verhältnisse gelebt " hätten. Sie spricht über eine Kränkung durch den Bundespräsidenten von Menschen, die arbeitslos sind oder wenig verdienen, jedenfalls seit Jahren z.T. wirtschaftliche Sorgen haben.

Antworten Antworten Gast: Martin S
27.03.2009 19:23
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Re: Schuld sind NICHT WIR ALLE, sondern eine Minderheit von Gewinnlern

Nun, soweit ich aus diversen Berichten und Reports weiss, leben die nicht unter der Brücke. Haben alle eine Wohnung. Meistens sieht man mehrere Handys und technische Geräte rumstehen. "Sie können sich das doch nicht leisten" - "Wir wollen aber!". Neues Bett, neuer Eiskasten - Sozialamt zahlt.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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