Was will der Papst – oder: Das Franziskus-Dilemma

Eine allzu flotte Reform der katholischen Kirche wäre wohl ein sicherer Weg ins Chaos. Und Chaos gebiert Diktatoren.

Es ist eine prekäre Existenz, auf einen Thron gehoben zu werden, auf dem man nicht sitzen will. Franziskus – Selbstbezeichnung nicht Papst, sondern Bischof von Rom – könnte die katholische Kirche autoritär regieren, will es aber nicht. Er könnte als unfehlbarer Dogmatiker seine Glaubensgemeinschaft belehren, will aber kein theologischer Oberlehrer sein. So bleibt er für viele ein Rätsel.

Er meidet den Vatikanischen Palast, wohnt in der Casa Santa Marta unter Gästen und Besuchern und verhält sich fallweise wenig standesgemäß. Das könnte eine Altersmarotte eines allzu hoch aufgestiegenen Kirchenfunktionärs sein, aber auch bewusste Strategie, in Verhalten und Redeweise etwas zu signalisieren, das er nicht ausdrücklich sagen will oder auch gar nicht sagen darf.

Denn – und das kann durchaus angenommen werden – würde er öffentlich erklären, er wolle kein unfehlbarer Oberlehrer und kein Oberbefehlshaber der Kirche sein, wäre wohl eine vatikanische Palastrevolte zu befürchten. Was also muss ein Papst tun, der keiner sein will, es aber – immerhin mit großer Mehrheit gewählt – sein muss?

 

Ermunterung der Reformer

Um es in eine ganz simple Formel zu gießen: Er muss Personen und Gremien der obersten Führungsebene suchen, die Reformanträge stellen, damit er sie dann absegnen kann. Auf die Vergleichsebene „Diktatur oder Demokratie“ gehoben: Der Diktator darf nicht selbst die Demokratie ausrufen – sonst würde er von den konservativen Autoritären gestürzt. Doch er kann die Reformer ermuntern, Reformen vorzuschlagen. Die kann er dann – um im Schema diktatorischer Strukturen zu bleiben – gnädig abnicken.

Weltlich geredet: Diktatoren, die nicht diktieren, werden abgesetzt, ermordet oder – wenn sie schon alt und im Amt ergraut sind – symbolisch eingeschläfert. Doch dafür ist Franziskus als Oberhaupt der katholischen Kirche trotz seines hohen Alters noch zu jung im Amt. Das riskante Vorhaben, eine Diktatur wenigstens einigermaßen zu demokratisieren, hat Franziskus schon längst eingeleitet. Auch, indem er sich nicht als Papst, sondern als Bischof von Rom bezeichnet: als der Vorsitzende und der Sprecher einer gemeinsamen Kirchenleitung.

Die ersten Schritte waren erkennbar: Errichtung einer international besetzten Kardinalskommission für Strukturreformen, Einberufung und Aufgabenstellung einer Bischofssynode für Familienfragen, Wechsel im Leitungspersonal der Kurie. Das tut Franziskus mit Augenmaß und Diplomatie – etwa bei der institutionellen Bestätigung als Versuch hierarchischer Zähmung seines wahrscheinlich potentesten Gegenspielers: Dogmenkardinal Gerhard Ludwig Müller.

Viele, die nun seit über zwei Jahren die Reformglocken läuten hören, scharren ungeduldig im Reformgehege – so auch meine Freunde und Freundinnen in der Pfarrer-Initiative und in der Plattform Wir sind Kirche. Doch eine allzu flotte Reform der ältesten international verfassten Institution der Welt wäre wohl ein sicherer Weg ins Chaos. Und das Chaos gebiert vor allem Diktatoren.

Als greiser – und unerkannt weiser – Kirchenführer muss Franziskus mit seinen Reformern den legendären „langen Marsch durch die Institution“ antreten. Selbst wird er wohl nur die erste Strecke anführen können – in der Etappe und nicht an der Spitze, wie Strategen ja immer schon wussten.

Franziskus wird also nicht als der starke Kirchenreformer in die Geschichte eingehen, sondern als der kluge Initiator einer – mit seinem Segen – sich selbst reformierenden Kirche (aus meiner persönlichen Sicht: hoffentlich!).

 

Keine schnelle Sofortreform

Franziskus kann und darf die reichlich dringende Kirchenreform nicht rasch, autoritär und solistisch durchführen, sondern sie nur partnerschaftlich, zielführend und geduldig beginnen: partnerschaftlich als Primus inter Pares und ohne zentralistische Allüre; zielführend, weil für hellsichtige Menschen erkennbar ist, worauf die Reform hinauswill; und geduldig auch im Blick auf die ihm nachfolgenden Personen, weil eine schnelle Sofortreform einer derart autoritär fixierten Struktur ins institutionelle Chaos führen könnte.

Übrigens hat die Zeit nach dem letzten Konzil (1962 bis 1965) gezeigt, dass eine allzu schnelle Generalreform wenigstens zu guten Teilen scheitern muss: mit späteren Kurskorrekturen, mit einer Kirchenspaltung um Erzbischof Lefebvre und letztlich mit einer langen Periode kirchlicher Resignation – bis heute.

Zwei deutsche Kardinäle signalisieren heute die beiden Gegenpositionen bei einem allfällig nächsten Konklave: der vatikanische Chefdogmatiker Kardinal Müller und der gemäßigt reformbereite Münchner Kardinal Reinhard Marx. Auch ihre institutionelle Position in der katholischen Spitzenhierarchie ist aufschlussreich: Müller als Zentralist und Chef der Glaubenskongregation – Marx als Münchener Diözesanbischof und Mitglied der Kardinalskommission zur Kirchenreform. Das bedeutet: ein scharfer Glaubensbewahrer gegen einen gemäßigten Glaubenserneuerer.

 

Zentralisten, Föderalisten

Manche Kritiker haben bemängelt, dass Franziskus Kardinal Müller in seinem Amt als „Großinquisitor“ bestätigt habe. Doch kann es strategisch durchaus klug sein, der Gegenposition auch Amt und Würde zu belassen. Das Kräftespiel zwischen Zentralisten und Föderalisten wird der Kirche ohnehin nicht erspart bleiben – vielleicht als Konflikt mit offenem Visier. Auch nicht schlecht. Schlecht sind nur verdeckte Machtspiele, Intrigen und Ängstlichkeit in der Entscheidung. Wenigstens in jenen Teilen der Weltkirche, die mit höherer Bildung und fairer Entscheidungsstruktur „gesegnet“ sind, kann ein offener Diskurs gewagt werden.

Zuletzt eine unbequeme Ermahnung an meine Freundinnen und Freunde in der Kirchenreformfraktion: Nur infantile Typen sagen: „Ich will alles – und das sofort.“ Wer so denkt, bekommt meist gar nichts – und das für sehr lange.

Die anstehende Kirchenreform wird daher nur gelingen können, wenn sie im Kontakt zum Kirchenvolk geschieht (mit Umfragen bereits gut begonnen), mit Augenmaß (für eine Reform in klugen Schritten) und mit Rücksicht (auch auf konservative Teile der Kirche). Revolutionäre Ungeduld ist zwar verständlich, jedoch ein schlechter Ratgeber für eine Reform im Großen.

 

Frauenordination muss warten

Und – so leid es mir persönlich tut – eine unbequem realistische Ermahnung an die in der Kirche noch immer grob benachteiligten Frauen: Die Frauenordination muss wahrscheinlich noch warten, weil sich leider der frühere Papst Johannes Paul II. in dieser Frage sogar „für alle Zeiten“ dogmatisch festgelegt hat. Hier hat er wohl versucht, die Kirche über seine Regierungszeit hinaus zu regieren – kein Zeichen von Bescheidenheit.

Natürlich hat die Kirche schon immer päpstliche Entscheidungen post mortem revidiert – doch meist in devotem Respektabstand. Schlechte Zeiten für den Leitspruch mancher Reformer: „Ich will alles, und das sofort!“

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Der Autor

 Prof. Peter Paul Kaspar (* 1942 in Wien) studierte Musik und Theologie in Wien und Innsbruck. Jugend- und Studentenseelsorger in Wien, danach Akademiker- und Künstlerseelsorger in Linz. Unterrichtete Religion am Gymnasium, derzeit Rektor der Ursulinenkirche Linz. Verfasste über 30 Bücher und ist Vorstandsmitglied der Pfarrerinitiative. [ APA ]

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2015)

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