Im Burgenland gab es keinen Tabubruch

Hans Niessl hat mit der Koalition mit den Freiheitlichen einen durchaus Erfolg versprechenden und aus historischer Sicht keineswegs spektakulären Weg eingeschlagen. Die rot-blaue Zusammenarbeit hat hier Tradition.

Allzu viele Journalisten und Politologen haben sich bisher nicht die Mühe gemacht, hinter die Kulissen des rot-blauen Paktes im Burgenland zu blicken. Aus historischer Sicht aber ist die Angelegenheit viel komplexer und interessanter, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag.

Die Nähe dieser beiden Lager entstand schon in der Zeit des Anschlusskampfes nach dem Ersten Weltkrieg. Treibende Kraft für die Loslösung von Ungarn waren die Großdeutschen und deren führende Persönlichkeiten Adalbert Wolf in Neusiedl am See, Alfred Walheim, dessen Familie aus Ödenburg stammte, und der Heiligenkreuzer Mühlenbesitzer Karl Wollinger im Südburgenland. Sie waren es, die unermüdlich für den Anschluss Deutschwestungarns an Österreich warben.

 

Der gemeinsame Feind

Für Österreich waren aber auch die meisten Sozialdemokraten im nördlichen Landesteil, die zu einem beträchtlichen Teil als Wochenpendler in Wien arbeiteten. Allen voran war ihr bedeutendster Politiker, Ludwig Leser, betont deutschnational.

Gemeinsamer Feind von Großdeutschen und Sozialdemokraten waren die Christlichsozialen, deren führende Persönlichkeiten überwiegend magyarophil waren und die erst allmählich und sehr widerwillig auf die österreichische Seite einschwenkten. In vielen weltanschaulichen Fragen waren Großdeutsche und Landbund sowie die Sozialdemokraten ein Herz und eine Seele. Alle wollten sie die Beibehaltung der Zivilehe nach ungarischem Recht; alle wollten sie die vorherrschenden konfessionellen Schulen in immer neuen Anläufen abschaffen. Sie scheiterten am Widerstand der Schwarzen in Wien.

Alle wollten sie auch die Beseitigung des Großgrundbesitzes der ungarischen Magnaten, damals die Kernfrage eines sozialökonomischen Strukturwandels. Ein Enteignungsgesetz war aber auf Bundesebene nicht zu erlangen. Schul- und Bodenreform erklären die überaus starke Position, die der Landbund vor allem im kleinstbäuerlichen Südburgenland hatte.

Und noch ein Element war und ist überaus wichtig: die konfessionelle Zugehörigkeit. Großdeutsche und Landbund waren in den evangelischen Gemeinden besonders stark verankert, so wie heute noch die Freiheitlichen. Und auch die Sozialdemokraten fanden in den evangelischen Gemeinden des Burgenlandes verstärkt Zulauf.

Das Problem der Christlichsozialen wiederum war es schon in der Zwischenkriegszeit, dass ohne einen Teil der Evangelischen keine Mehrheit möglich war.

In der bald hundertjährigen Geschichte des Burgenlandes war die Zusammenarbeit der deutschbewussten Parteien und der Sozialdemokraten der Normalfall. Der äußerst geschickte Taktiker, Landeshauptmannstellvertreter Ludwig Leser, machte den Großdeutschen Walheim zwei Mal zum Landeshauptmann und kannte keinerlei Berührungsängste.

 

Der Menschenfischer Kery

In der Zweiten Republik war immer klar, dass längerfristig keine der beiden großen Landesparteien ohne die Freiheitlichen die Mehrheit bekommen konnte. Zunächst machte die ÖVP das Rennen und konnte den Großteil des Verbands der Unabhängigen (VdU) auf ihre Seite ziehen – mit dem Versprechen, dem freiheitlichen Lager entgegenzukommen. Die ÖVP machte sogar den Versuch, mit Reinhold Polster einen Evangelischen aus dem einst sehr deutschbewussten Milieu um Oberschützen zum Landesparteichef und Landeshauptmann zu machen. Das Experiment scheiterte kläglich. Der traditionell konservativ-katholische Flügel in der ÖVP war nicht begeistert.

Dann kam der begnadete Menschenfischer Theodor Kery. Von ideologischen Vorbehalten völlig unbelastet, zog er eine ganze Generation junger Leute, darunter viele Akademiker aus früher deutschbewusst-freiheitlichen Familien in seine „Partei“ – oder besser gesagt in seine Gefolgschaft. Unter ihnen war auch der Sohn des freiheitlichen Landesparteichefs und einzigen Landtagsabgeordneten Richard Rezar. Peter Rezar, zeitweise Obmann der Freiheitlichen Jugend, war bis 2015 Landesrat der Sozialdemokraten.

Richard Rezar wurde zu große Servilität gegenüber Kery vorgeworfen – vor allem, als dieser die Landesverfassung ändern wollte, um seine Mehrheit zu zementieren. Kery sicherte seinerseits zu, Freiheitliche bei Postenvergaben nicht zu benachteiligen. Nach Kerys Abgang wurde das Jahr 1987 dann auch zum Wendejahr für die bisher unbedeutende FPÖ.

 

Der „Verrat“ vom Oktober 1987

Die FPÖ konnte unter Führung des Richters Wolfgang Rauter und des aus einer deutschfreiheitlichen Familie im Südburgenland stammenden Eduard Nicka mit drei Mandaten in den Landtag einziehen. Rauter und sein Richterkollege Franz Sauerzopf von der ÖVP schlossen ein Abkommen, das die Wahl von Sauerzopf zum Landeshauptmann vorsah. Für den 30. Oktober 1987 war die Wahl des neuen Landeshauptmanns angesetzt. Entgegen allen Erwartungen bekam der Sozialist Hans Sipötz im ersten Wahlgang eine Stimmenmehrheit. Bis heute ist nicht ganz geklärt, ob es tatsächlich der freiheitliche Abgeordnete Gregor Munzenrieder war, der umgefallen war. Die Freiheitlichen wurden nun als „Verräterpartei“ gebrandmarkt.

In der Folgezeit, unter den Landeshauptleuten Sipötz und Karl Stix, war die FPÖ bis zum Absturz der Partei im Gefolge der innerparteilichen Querelen auch im Burgenland recht erfolgreich und eine sehr aktive Opposition gegen die rot-schwarze Landesregierung. Der ÖVP gelang es nicht, eine einigermaßen vernünftige Gesprächsbasis mit der FPÖ herzustellen.

 

Ein- statt Ausgrenzung

Das Verhältnis der SPÖ zu den Freiheitlichen war ambivalent. Einige SPÖ-Funktionäre prügelten vor allem im Gefolge der Roma- Morde in Oberwart und während der schwarz-blauen Koalition auf Bundesebene auf die Freiheitlichen ein. Die Agitation der damaligen evangelischen Superintendentin Gertraud Knoll ließ die Gegensätze eskalieren. Die Parteispitze war zurückhaltender.

Das Klima zwischen SPÖ und FPÖ unter deren neuem Obmann Hans Tschürtz verbesserte sich ständig. Die „Ausgrenzung“ wurde so – anders als im Bund und in Wien, wo man wenig Ahnung von den burgenländischen Verhältnissen hatte und hat – zu einer Eingrenzung der FPÖ. Die Abschaffung des Proporzes ließ dann die Früchte bis zur jetzigen Koalition heranreifen.

Hans Niessl hat jedenfalls aus burgenländischer Sicht einen durchaus Erfolg versprechenden und aus historischer Sicht keineswegs spektakulären Weg eingeschlagen. Natürlich ist die Zustimmung nicht allgemein. Auch so mancher Freiheitliche sieht im Zusammengehen mit den „Roten“ einen Sündenfall. Die Alternative, eine Koalition mit der ÖVP und der Bürgerliste des früheren Freiheitlichen Kölly, wäre aber wohl zu riskant gewesen. Schon deshalb, weil das Misstrauen in der FPÖ gegenüber der ÖVP viel zu groß ist.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Mag. Michael Floiger

(* 1948) studierte Geschichte und Geografie an der Universität Wien. Bis 2009 unterrichtete er diese beiden Fächer am Gymnasium Mattersburg. Er ist Autor und Mitautor zahlreicher Bücher und Aufsätze zur Geschichte und Landeskunde des Burgenlandes, darunter auch eine Geschichte der burgenländischen Freiheitlichen. [ Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2015)

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