Ein Kreuz stürzt von einer Kuppel und zerbirst auf dem Boden. An seiner Stelle ersteht der Halbmond. Aus dessen Schatten erwächst eine dunkle Speerspitze, die auf einer Landkarte nach Westen zeigt. In dem Film „Bram Stoker's Dracula“ von Francis Ford Coppola schreiben wir das Jahr 1492, die türkische Macht erobert zuerst Konstantinopel und im Anschluss daran ganz Europa.
Momentan stelle ich mir gerne den kleinen HC Strache vor, wie er mit dem Schlüssel um den Hals von der Schule nach Hause kommt und der Fernseher die Babysitterfunktion übernimmt. Ob es wirklich Coppola war, der Klassiker „Dracula“ mit Christopher Lee aus 1957 oder „Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens“ von Friedrich Wilhelm Murnau von 1923, die Strache zu seiner Vampirjäger/Kreuzritter/War-Lord-Show inspirierten? Oder doch Roman Polanskis lustvoller „Tanz der Vampire“, in dem ein Kreuz aus Kerzenständern gebastelt wird? In jedem ordentlichen Vampirfilm gibt es zumindest eine Szene, in der jemand mit einem Kreuz herumwachtelt und es mit ausgestrecktem Arm in die Höhe aufgerichtet auf das personifierte Böse hinwendet, um „Satan“ abzuweisen oder immerhin einzubremsen. Kameraschwenk auf den von der Ecke herunterhängenden Knoblauchzopf.
Noch dazu leuchtete und glühte Straches Kreuz auf den Pressefotos wie mit Special Effects aus der Filmindustrie versehen und er selbst war bass erstaunt, dass sich hohe Kirchenvertreter eindeutig beleidigt fühlten, denn er wolle das Christentum doch verteidigen.
HC Strache als eine Ikone rechter Jugendpopkultur weiß mit sicherem Gefühl und Griff, von wo er Bildanleihen macht und Symbole klaut. Welche Filme haben alle gesehen, welche Mythen wecken Assoziationen? Bewusste und unbewusste? Der Ire Bram Stoker verwendete in seinem tagebuchartigen Roman „Dracula“ den Mythos um den Fürsten Vlad III. Draculea (Spitzname: Tepes, übersetzt „der Gepfählte“) als Inspiration. Vlad, dessen Vater in den christlichen Drachenorden aufgenommen wurde, war für seine Grausamkeit den Türken gegenüber bekannt, er ließ seine Gegner auf Pfähle aufspießen, was einen langen und qualvollen Tode bedeutete. Vlad rettet zuerst das Abendland vor dem Morgenland und besiegt die Ungläubigen. Doch im Buch stellt der Held bei seiner Rückkehr nach Rumänien fest, dass sich seine Geliebte inzwischen von der Burgzinne gestürzt hat. Anschließend entsagt der Christenkrieger dem lieben Gott und muss als Strafe für seine Untaten als lebendiger Toter herumwandeln: Graf Dracula ist geboren, der Pfählende wird selbst gepfählt.
Gegen Autoritäten und Adel
Vampirjäger Strache in eindeutiger Pose verfolgt heutzutage nach wie vor die Türken und deren angeblichen Angriff auf die von ihm eigentlich gar nicht so geliebte Europäische Union, sprich Europa, sprich das Abendland. Bis zu gewissen serbischen Gruppierungen, die bekanntlich nach wie vor der Schlacht am Amselfeld und dem verhinderten Sieg gegen den osmanischen Herrscher Emir Murad I. nachtrauern, mag Strache schon vorgedrungen sein, doch das „Abendland in Christenhand“ funktionierte schon 1476, als Vlad Tepes starb, nicht so ganz. Im Endeffekt verlor Vlad, nachdem er mehrmals die Seiten wechselte, gegen „die Türken“.
Die ambivalente Figur des Grafen Dracula (erst Christ, dann Dämon) wurde zum Sympathieträger, weil sie die Überwindung der Herrschaft des Adels symbolisierte, der bis zum Ersten Weltkrieg größten Autorität – was sich auch wieder mit Straches jugendlich übermütigen Angriffen auf andere Politiker treffen würde, die von provokativem Inhalt und aggressivem Stil geprägt sind.
Strache sieht sich gern als Kämpfer für christliche, demokratische Werte gegen „den Islam“. Doch: „Wer die Freiheit wirklich verteidigen will, sollte eine Lanze für die Vielfalt innerhalb des Islams brechen, anstatt durch Zuspitzung alle Zwischentöne zum Verstummen zu bringen“, sagte einmal der Schriftsteller Ilija Trojanow im Interview.
Was wir als unsere westliche Tradition bezeichnen, gerade im sogenannten „Kampf der Zivilisationen“, sei nicht so klar westlich, wenn man genau hinschaut, meint Trojanow. „Da gibt es islamische, persische und jüdische Einflüsse. Sogar die Vereinnahmung der Antike, die wir als westeuropäisch für uns beanspruchen, ist extrem dubios. Viele der großen Städte der Antike, in der bedeutende Philosophen gelebt haben, befanden sich in der Türkei und die damals dominante Kultur war die persische. Persien war ein Riesenreich und hat die heutige Türkei überwiegend dominiert. Dieser Bereich, den wir Vorderasien nennen, war damals extrem transkulturell.“ Diese Mischkulanz der Zugehörigkeiten, ob nun „ethnisch“, „autochthon“ oder „Volksgruppe“ benannt, sozial und kulturell noch einmal in tausend Varianten von Identität aufgeteilt, ist für einen klaren Denker und Eingeborenen wie Strache schwer auszuhalten. Obwohl er sich inzwischen selbst schon „die Ausländer“, „die Fremden“ genauer anschaut (es gibt auch gefährliche Gruppen wie Cetniki, Ustascha, Graue Wölfe), und für sich gewisse SerbInnen entdeckt hat, so profitiert er davon, dass sich viele Österreicher nicht genauer mit anderen Menschen auseinandersetzen wollen, um zu sehen, wie die wirklich sind.
Blutsauger-Metapher
In den Filmwissenschaften wurde diskutiert, ob sich die Figur des Häusermaklers Knock in „Nosferatu“ auf zeitgenössische, antisemitische Diskurse in der Weimarer Republik zurückbeziehen ließe. Man denke auch an historische Assoziationen mit der „Blutsauger“-Metapher und an völkische Vorstellungen zum Thema „Blutschande“ oder „Blut und Boden“. Eine Assoziationsmöglichkeit über Vampirfilme hin zu Straches Ablehnung eines EU-Beitrittes von Israel wäre demnach nicht von der Hand zu weisen. Er wolle nicht, dass Österreich in den blutigen Nahost-Konflikt hineingezogen werde? Warum darf Israel eigentlich nicht auf längere Sicht in die Europäische Union aufgenommen werden? Warum darf das Thema nicht positiv angedacht werden? Wegen ein paar FPÖ-Inseraten?
Der Filmemacher Goran Rebic („The Punishment“, „Donau, Dunaj, Duna, Dunav, Dunarea“) trat in einem Interview bereits 2004 aus folgendem Grund für einen EU-Beitritt Israels ein: „Meine Forderung an das Projekt EU gegen die Angstmacherei wäre nicht nur ein EU-Beitritt der Türkei. Es sollte auch Israel in die EU kommen, denn wenn die Idee eines gemeinsamen Körpers bis Israel reichen würde, indem man Raum und Zeit und Mittel gibt, dann kann der gemeinsame Körper nicht krank werden. Überall sollten Menschen ein normales Leben führen können. Für Europa gibt es eine moralische Verpflichtung – nicht für oder gegen die Politik von Sharon oder Arafat – schon wegen der historischen Schuld. Generationen von Vätern haben immer wieder das Schwert gewetzt und ihre Söhne in den Krieg geschickt und sie auf das Vaterland eingeschworen. Die Idee von der Gemeinschaft, vom lebendigen Körper, in dem alles verbunden ist, sollte diesem Teufelskreis ein Ende machen, aber wirklich.“
Die Zitate stammen aus: „Geklaute Sonnenfinsternis“, Interview mit Ilija Trojanow, art in migration 2006.
„Sehnsucht nach dem Osten“, Interview mit dem Regisseur Goran Rebic, in „Die Bunte“, Februar/März 2004.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2009)















