Mit Flüchtlingskrise aus der Wirtschaftskrise

Eine gut durchdachte Lösung der aktuell brennenden Flüchtlingsfrage würde Europa langfristig stärken. Sie würde aber auch kurzfristig die Chance bieten, die wirtschaftlichen Probleme der vergangenen Jahre zu überwinden.

Angesichts des nicht abnehmenden Flüchtlingsstroms aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika herrscht vielerorts die Angst, dieser könne Europa und insbesondere auch die europäische Wirtschaft überfordern. Man sorgt sich um Arbeitsplätze, Lohndumping, die Kosten der Flüchtlingsbetreuung, und man fürchtet eine Überlastung des Sozialstaats.

Eine ökonomische Betrachtung legt jedoch nahe, dass diese Sorgen weitgehend unbegründet sind. Im Gegenteil: Die Flüchtlingskrise bietet eine einmalige Chance, Europa aus der Wirtschaftskrise zu führen.

 

Folgen für den Arbeitsmarkt

Die Sorge um Arbeitsplätze und Löhne basiert auf dem weitverbreiteten Irrtum, dass die gesellschaftlich nachgefragte Menge von Arbeitskraft fix vorherbestimmt ist und sich demografischen Veränderungen nicht anpasst. Daraus folgt der Trugschluss, dass Flüchtlinge den Österreichern gezwungenermaßen Arbeitsplätze wegnehmen oder zumindest Lohndumping verursachen.

Wissenschaftliche Untersuchungen früherer Flüchtlingswellen haben jedoch bereits mehrfach gezeigt, dass solche negativen Effekte – sofern überhaupt vorhanden – sehr gering sind. Meistens sind die Effekte auf wenige Sektoren beschränkt, insbesondere auf Jobs mit sehr geringem Qualifikationsprofil.

Im Fall der aktuellen Flüchtlingswelle kann man sogar davon ausgehen, dass es keine negativen Auswirkungen geben wird. Warum? Flüchtlinge aus Syrien, die den größten Anteil an den aktuellen Flüchtlingen stellen, sind verglichen mit dem Schnitt früherer Asylwerber gut ausgebildet. Dies liegt insbesondere daran, dass es vorwiegend die besser Ausgebildeten und die Wohlhabenderen sind, die den Weg nach Europa suchen (und ihre Flucht auch finanzieren können).

Durch ihre Integration und Weiterqualifizierung könnte der viel beklagte Mangel an Fachkräften zumindest teilweise behoben werden. Aus diesem Grund haben Vertreter der deutschen Industrie zuletzt einen rascheren Zugang von Flüchtlingen zu Arbeitsmarkt und Lehrstellen gefordert.

Um Flüchtlinge auch ihrer Qualifikation entsprechend einsetzen zu können, ist es notwendig, die Anerkennungsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen. Es ist aus volkswirtschaftlicher Sicht Unsinn, wenn ein syrischer Physiker bei uns jahrelang als Reinigungskraft arbeitet, bis sein Studienabschluss endlich anerkannt ist. Hier könnten auch die Universitäten einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten.

Auch auf der Nachfrageseite erwarten Ökonomen positive Auswirkungen der Migration. Viele Flüchtlinge haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren und müssen sich hier eine neue Existenz aufbauen. Abgesehen von Remittances an Angehörige, die sich noch in Syrien befinden, geben Flüchtlinge daher einen Großteil ihres verfügbaren Einkommens für Konsumgüter aus.

 

Unbegründete Sorge

Dies wirkt sich positiv auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage aus und erhöht – gemeinsam mit der Verfügbarkeit von Fachkräften – die Investitionsanreize für Firmen. Europa steckt schon seit Jahren in einer durch Investitionsschwäche verursachten Wirtschaftsflaute. Die Lösung der Flüchtlingskrise könnte einen wichtigen Impuls für den Weg aus dieser Wirtschaftskrise liefern.

Auch die Sorge um die Kosten der Flüchtlingsbetreuung ist unbegründet. Die Grundversorgung mit Kleidung und Lebensmitteln ist bei unserem Wohlstandsniveau leicht zu stemmen. Wohnraum ist ausreichend vorhanden, müsste jedoch oft nutzbar gemacht werden.

Was den Sozialstaat mittelfristig betrifft, ist es wichtig anzumerken, dass zwar zusätzliche Kosten anfallen (etwa für Schul- und Ausbildungsplätze), Migrantinnen und Migranten jedoch trotzdem in der Regel Nettobeitragszahler in das öffentliche System sind. Insbesondere sind sie wesentlich jünger als die einheimische Bevölkerung.

Europa braucht aufgrund seiner demografischen Struktur Migration, um die Pensionssysteme aufrechtzuerhalten, aber auch, um die Versorgung mit stark gefragten Dienstleistungen (Pflege) zu gewährleisten. Eine rasche, aktive Integration der Flüchtlinge, die dauerhaft in Europa bleiben werden, in unser Schulsystem und in den Arbeitsmarkt ist aus ökonomischer Sicht unbedingt notwendig – und sollte so schnell wie möglich erfolgen.

 

Gemeinsame Linie finden

Schlussendlich kommt auch oft der Einwand, eine zu liberale Asylpolitik würde die Flüchtlingsströme nach Europa nur noch mehr anschwellen lassen. Hier gilt es nicht zu vergessen, dass die meisten Flüchtlinge lieber ein friedliches Leben in ihrer Heimatregion führen würden.

Erst jetzt – vier Jahre nach Beginn des Blutvergießens in Syrien –, da die Lage in den Flüchtlingslagern in dessen Nachbarländern Türkei, Libanon und Jordanien mangels Finanzierung immer dramatischer geworden ist und angesichts der sich weiter ausbreitenden Kämpfe kaum noch Hoffnung auf Rückkehr besteht –, erst jetzt sind so viele bereit, ihr letztes Hab und Gut aufzugeben und auch ihr Leben zu riskieren, um nach Europa zu kommen.

Um dem entgegenzuwirken, bedarf es in erster Linie größerer diplomatischer (und vielleicht auch militärischer) Anstrengungen, um den Bürgerkrieg in Syrien zu beenden. Europa, Russland und die Vereinigten Staaten müssen zu einer gemeinsamen Linie im Syrien-Konflikt finden.

Außerdem sollten in den Nachbarländern Syriens Flüchtlinge nicht nur in Wüstencamps „verwahrt“ werden. Vielmehr sollten sie Zugang zu Ausbildung und Arbeit – und somit eine Perspektive – erhalten. Die Europäische Union muss dazu beitragen, dass die dafür nötige Infrastruktur vor Ort geschaffen wird.

 

Eine Frage der Gerechtigkeit

Neben allen ökonomischen Argumenten für die Aufnahme von Flüchtlingen und deren rasche Integration darf natürlich nicht vergessen werden, dass es unsere moralische Pflicht ist zu helfen! Dazu gehört insbesondere auch eine gerechte Asylpolitik.

Ökonomen haben zu Fragen der Gerechtigkeit traditionell wenig zu sagen und verweisen gern auf den politischen Philosophen John Rawls. Angewandt auf die aktuelle Flüchtlingskrise, mit der sich Europa konfrontiert sieht, stellt dessen Gedankenexperiment folgende Frage. „Angenommen Sie wüssten nicht, ob Sie in Österreich oder Syrien geboren wurden: Wie müsste die europäische Asylpolitik aussehen, damit Sie sie als gerecht empfinden?“

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DIE AUTOREN



Philipp Schmidt-Dengler
(*1974) promovierte an der Yale University. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Wien und Research Fellow des Centre for Economic Policy Research in London. Er lehrt und forscht zu Themen der Industrieökonomie und Wettbewerbspolitik.
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Paul Pichler
(*1980) ist Assistenzprofessor am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Wien. Er lehrt und forscht zu aktuellen Themen der Wirtschaftspolitik und der Makroökonomie. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2015)

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