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Eine Trägerrakete für ein zeitgenössisches Wien

28.05.2009 | 18:05 | GASTKOMMENTAR VON GERALD MATT (Die Presse)

Eine Kunst-Biennale in Wien hätte gute Chancen, als ästhetisches Paralleluniversum gesellschaftsformende Kraft zu entwickeln.

Im Juni wird sich der Tross der Kunst-Aficionados wieder Richtung Venedig in Bewegung setzen. Biennale ist, und alle wollen dabei sein: in den weitläufigen Hallen des Arsenale promenieren, im Vaporetto zu den über die ganze Stadt verstreuten Schauplätzen hetzen, in den Giardini mit kritisch prüfendem Blick die Leistungsschau der Nationen beäugen, am Lido ein wenig „Tod in Venedig“-Atmosphäre einsaugen – am besten bei einem coolen Drink auf der Terrasse des Hotel des Bains.

Venedig ist ein Ganzkörpererlebnis: Kunstdebatte und gastronomische Fülle, pittoreske Postkartenromantik und gleichzeitig das Gefühl, im Epizentrum des internationalen Kunst-Jetsets zu wirbeln. Die Biennale der Biennalen.

Doch das Prinzip Venedig wurde maßstabsetzend, sowohl für Metropolen, die ihre kulturelle Aura neu aufladen wollen, als auch für Mittel- und Kleinstädte, die in der gnadenlosen Ökonomie der Aufmerksamkeit darum kämpfen, überhaupt wahrgenommen zu werden. Eine der letzten international bedeutenden Biennale-Neugründungen war Berlin am Ende der Neunzigerjahre. Zu Beginn von Kritikern und Szene-Insidern etwas misstrauisch beäugt und als Kunst-Overkill diffamiert, entwickelte sie sich durch die Konzepte wechselnder Kuratoren und clevere Bespielung von ungewöhnlichen Architekturen und Stadträumen schnell zu einem Hotspot, der es schaffte, die sonst übers ganze Jahr verteilte Aufmerksamkeit des Publikums auf einen begrenzten Zeitraum zu fokussieren und der turbulenten, vitalen Künstler- und Galerienszene eine inhaltliche und diskursive Erdung zu geben.


Kreative Energien bündeln

Dies könnte auch ein Modell für Wien sein. Zwar haben wir seit einigen Jahren mit der ViennaFair eine Kunstmesse, die sich spürbar um Profilierung bemüht, aber eines zusätzlichen Katalysators bedürfte, um wirklich nachhaltige Impulse zu setzen. So wichtig dabei Projekte wie „Lebt und arbeitet“ in der Kunsthalle Wien oder – wie in diesem Jahr – der Versuch, mit „curated by“ internationale Kuratoren nach Wien zu bringen, auch sind, um junge österreichische Künstler in eine internationale Umlaufbahn zu bringen, so sehr bedarf es doch einer immer wieder in Stellung gebrachten Trägerrakete, um eine starke und dauerhafte Bündelung kreativ-künstlerischer Energien zu bewirken.

Die weltweit bedeutendste Kunstmesse Art Basel hat es vorgemacht: Mit der integrierten Großausstellung „Art Unlimited“ zeigt man meist große installative Arbeiten, deren Zusammenstellung von kuratorisch-inhaltlicher Neugier geleitet ist und nicht primär von Verkaufsinteresse. Somit entsteht eine spannende Dialektik zwischen dem merkantilen Kerngeschäft und jenem intellektuell-kreativen Überschuss, mit dem die Kunst die Alltagswelt zu transzendieren imstande ist.


Standortvorteile für Wien

Es gibt natürlich auch gute Gründe, sich dem Wanderzirkus der globalen Kunstszene zu verweigern. Zum einen gilt immer noch das Gorbatschow-Wort: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Zum anderen wird es im allgemeinen Biennalen-Gründungsfieber immer schwieriger, noch etwas Neues, Spektakuläres, wirklich Sehenswertes zu erfinden.

Doch Wien hat ein paar „Standortvorteile“, die das Investment in eine Biennale sinnvoll erscheinen lassen. Angesichts der geografischen Lage der Stadt – Schnittstelle zwischen Ost und West, multikulturelle Geschichtstradition – könnte eine auf zwei Monate befristete, auf den Dialog der Kulturen konzentrierte, hochqualitative Kunstpräsentation im Sinne des deutschen Philosophen Axel Honneth „zu einer schrittweisen Erweiterung von Anerkennungsbeziehungen beitragen und Formen gesellschaftlicher Teilhabe fördern“. Eine weitere, alle zwei Jahre inhaltlich modifizierte Feinabstimmung in Richtung bildende Kunst und Musik wäre im Sinne einer „unique position“ zu diskutieren.

Darüber hinaus verfügt Wien über eine Vielzahl attraktiver Orte, teilweise noch von der imperialen Tradition imprägniert, teilweise von den städtebaulichen und architektonischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts definiert, die als Kontrastfolien und Widerspruchsszenarien durch eine zeitgenössische Biennale attraktiv bespielt werden könnten. Der dem Messegelände benachbarte Prater etwa wäre ein idealer Ort, um kuratorisch spannende Wechselspiele zwischen zeitgenössischer Kunst und Volksvergnügen zu inszenieren.

Das Erdreich, aus dem eine Biennale wachsen könnte, ist gut gedüngt: Gerade im direkten Vergleich mit Berlin verfügt Wien über eine beachtliche Zahl im internationalen Vergleich hervorragender zeitgenössischer Kunstinstitutionen, die sich einen gesunden, harten Konkurrenzkampf liefern, und auch die jahrzehntelang für den Kunststandort Wien kämpfende Galerienszene hat durch internationale Präsentationen und viele junge Neugründungen Gegenwartsbewusstsein und inhaltliche Tiefenschärfe ausgebildet. Hier könnte eine Biennale mithelfen, die auf zahlreiche Akteure verteilte Kreativität zu bündeln und gewissermaßen als Leuchtturm Signale zu senden, die ihrerseits wieder dem kulturellen Alltag eine Zielorientierung geben.

Wir leben heute in einer Epoche, in der Kunst, die sich immer noch als autonom und kritisch versteht, von verschiedenen Seiten her unter Beschuss genommen wird: Es gibt den Druck eines expandierenden Erlebnismarktes, der den kulturellen Subjekten Menschen, Tiere, Sensationen und vor allem digitale Scheinwelten verspricht, es gibt einen Trend hin zu Creative Industries, die den Künstler tendenziell in Dienst nehmen und über die ursprüngliche Idee der Kunst als metaphorischen Ort der gesellschaftlichen und politischen Selbstbefragung und der individuellen Seinsbestimmung ein Fliegengitter der ökonomischen Zweckrationalität ausbreiten.


Ein Ort der Transzendenz

Umso wichtiger wäre es, in einer Zeit der gesellschaftlich verordneten Zerstreuung, die den „flexiblen Menschen“ (Richard Sennett) für immer prekärere Arbeitsverhältnisse weichkochen soll, Orte der Konzentration zu schaffen. Zwar mag eine Biennale durchaus den zeitgenössischen Event- und Spektakelanforderungen entsprechen, doch gleichzeitig ist sie ein Ort höchster ästhetischer Energieverdichtung und theoretischer Selbstbefragung. „Kunst ermöglicht eine bestimmte Form der Transzendenz – die Überschreitung des begrenzten Horizontes unserer Lebenswelt“, hat der ehemalige deutsche Staatsminister für Kultur, Julian Nida-Rümelin einmal gesagt.

Eine Kunst-Biennale in Wien – wie ich sie verstehe – hätte gute Chancen, als ästhetisches Paralleluniversum gesellschaftsformende Kraft zu entwickeln.

Gerald Matt ist seit 1996 Direktor der Kunsthalle Wien. 2007 wurde er zum Gastprofessor an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien bestellt.


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