Die großen Mächte im Morast des Nahen Ostens

Die russische Militärintervention in Syrien zeigt: Wichtige äußere Akteure haben aus der Geschichte nichts gelernt.

Kaum haben russische Kampfflugzeuge damit begonnen, Ziele in Syrien anzugreifen, scheinen sich auch schon die Zweifel zu bestätigen, dass der russische Einsatz hauptsächlich der Stärkung des Regimes von Präsident Bashar al-Assad und nicht der Bekämpfung des Islamischen Staates gelte.

Wenn Russlands Präsident, Wladimir Putin, von einer gezielten Vernichtung der Terroristen in Syrien als einziger Möglichkeit im Kampf gegen den islamischen Extremismus spricht, kann man nicht umhin, sich zu fragen, wer diese Terroristen tatsächlich sind und wo sich diese Leute mit so umstrittener Identität und schwer berechenbarer Loyalität inmitten der anarchischen Bürgerkriegslandschaft Syriens tatsächlich befinden.

Die ersten russischen Luftangriffe haben gezeigt, dass es darüber unterschiedliche Auffassungen in der internationalen Gemeinschaft gibt. Diese verlaufen vor allem entlang der altbekannten und längst tot geglaubten Bruchlinien zwischen Ost und West. Die Art und Weise der Argumentation und das Verhalten Russlands sowie die Reaktionen der USA darauf erinnern jedenfalls bedenklich an Szenarien aus dem Kalten Krieg.

 

Moskaus Interesse: Stabilität

Russlands Interessen im Nahen Osten sind wie einst schon jene der ehemaligen Sowjetunion auf die Stabilisierung der Region in der weiteren Nachbarschaft ausgerichtet. Um dass zu erreichen, soll den autoritären Systemen bei der Absicherung ihrer Macht unter die Arme gegriffen werden. Die logische Konsequenz dieser Haltung Moskaus ist die Aufrechterhaltung kontinuierlicher Beziehungen zur Herrscherfamilie Assad.

Demgegenüber haben sich die USA – nicht zuletzt aufgrund ihres Triumphes im Kalten Krieg – das Recht vorbehalten, die sogenannte freie Welt global zu repräsentieren und all jene zu unterstützen, die durch liberale, demokratische Bestrebungen Mitglied dieser Welt werden möchten. Die Interessen der beiden großen Rivalen sind also klar erkennbar. Nur: Wer sind denn nun diese jeweils von ihnen zu unterstützenden Parteien inmitten des komplexen Gewirrs des nahöstlichen Schachbretts?

Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte zeigt, dass genau diese Definitionsschwierigkeiten den Einfluss externer Mächte in der Region oft in paradoxe und gegenläufige Bahnen gelenkt haben.

So war das wohl augenscheinlichste Charakteristikum des Kalten Krieges im Nahen Osten die Geschicklichkeit, mit der regionale Akteure die Interessen der beiden Supermächte gegeneinander auszuspielen versuchten, um sich selbst und dem eigenen Land Vorteile zu verschaffen.

Die komplexen regionalen Konstellationen haben dabei zu paradoxen Situationen geführt, in denen die Seiten und Loyalitäten ständig gewechselt wurden. Saddam Husseins Irak ist nur ein besonders prominentes Beispiel für diese Verkettungen.

Waffenlieferungen an lokale Gruppen in den diversen Krisenherden des Nahen Ostens haben ihre eigene Dynamik eines regionalen Wettrüstens bewirkt – und so die Militarisierung der Region und die Brutalisierung des Umgangs miteinander vorangetrieben. Das Resultat der externen Eingriffe ist daher eine zusätzliche Verzerrung der regionalen Machtverhältnisse und die Konsolidierung von nicht repräsentativen und für die Mehrheit der beteiligten Parteien unattraktiven Diktatoren.

Der Blick zurück auf die Geschichte des Kalten Krieges im Nahen und Mittleren Osten legt auch den Schluss nahe, dass die ideologischen Streitigkeiten der ausländischen Mächte die aufkommenden, demokratischen Bewegungen der 1950er-Jahre bereits im Keim erstickt haben, sodass ein Demokratisierungsprozess in der Region viel träger und erfolgloser verlief als in anderen Weltgegenden.

 

Intellektuelle ausgeschaltet

So wurden im ideologischen Wahn des Kalten Krieges kommunistische und sozialdemokratische Kräfte mit westlicher Unterstützung ausgelöscht – und mit ihnen auch die meisten Intellektuellen der Nahost-Region. Übrig blieben jene, die sich den diktatorischen Regimen unterwarfen oder sich zusammen mit ihnen bereicherten.

Die Beteiligung amerikanischer und britischer Geheimdienste am Sturz von Mohammad Mossadegh im Iran und die darauf folgende Restauration des Schah-Regimes 1953 sowie deren Mitwirkung am Staatsstreich gegen Iraks Machthaber Abd al-Karim Qasim im Februar 1963 sind nur zwei prominente Beispiele. Beide mündeten in eine Welle von Verhaftungen und Hinrichtungen linksgerichteter „Regimegegner“.

Die Langzeitfolgen der ideologisch verzerrten Unterstützung sind erst im Rückblick klar ersichtlich: Die säkulare Opposition dieser Länder wurde in den Untergrund gezwungen. Eine Entwicklung, die nicht nur das demokratische Potenzial in Nahost verminderte, sondern auch den Aufstieg der religiösen Kräfte beschleunigte und nachhaltig sicherte.

 

Die Folgen der Einmischung

Wer die Geschichte der Region studiert hat, wird sich daher wenig wundern, dass die Opposition zu den diktatorischen Regimen vor allem aus dem islamischen Lager kommt. Das Ergebnis der ersten freien Wahlen nach dem Arabischen Frühling in Tunesien und Ägypten hat diese Konsequenz nur noch einmal deutlich gemacht.

Der Kalte Krieg mit seinem internationalen Wetteifer um die vermeintlich „richtige“ Weltanschauung ist mittlerweile vorbei. Die Sowjetunion existiert nicht mehr, die bipolaren Machtkonstellationen von einst sind einer mehr oder minder multipolaren Staatengemeinschaft gewichen. Die Folgen der äußeren Einmischung im Nahen und Mittleren Osten wirken heute noch nach und zeigen sich gerade auch in der derzeitigen Situation in Syrien.

Solange es keine Einigkeit auf internationaler Ebene zwischen den großen Mächten gibt, bietet sich jede Art der Intervention von außen zur Manipulation an. Das spielt letztendlich immer jenen in die Hände, die das Eingreifen überhaupt erst nötig gemacht haben.

Präsident Barack Obamas größte diplomatische Leistung wird daher für künftige Historiker, die das heutige Geschehen bewerten werden, die Zurückhaltung der US-Außenpolitik in Bezug auf die Entwicklungen des Arabischen Frühlings sein. Dies, obwohl sich nach Ende des Kalten Krieges der politische Islam als der gewichtigste ideologische Gegenspieler des Westens herausgebildet hat.

 

Einseitige Machtspiele

Russland hingegen hat sich für entschlossenes militärisches Eingreifen entschieden. Die westlichen Reaktionen auf die russischen Kampfhandlungen in Syrien deuten aber bereits darauf hin, dass wieder einmal aus der Geschichte nichts gelernt wurde. Anstatt einen gemeinsamen internationalen Standpunkt zum syrischen Bürgerkrieg zu finden, wird dieser Konflikt nun erneut für einseitige Machtspiele instrumentalisiert.

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen – und zwar in genau der Form, wie es Karl Marx einmal treffend formuliert hat: zum ersten Mal als Tragödie, zum zweiten Mal nur noch als Farce.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DIE AUTORIN



Kathrin Bachleitner
studierte Politikwissenschaften an der Uni Salzburg und Internationale Beziehungen an der Paul H. Nitze School of Advanced International Studies, Johns Hopkins University, Washington, D.C. Derzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit an der Universität Oxford. Ihr Spezialgebiet: Geschichte und Politik des Nahen Ostens. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2015)

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