21.11.2009 16:18 | Meine Presse Merkliste0

Der Fluch der bösen Tat

GASTKOMMENTAR VON PETER A. ULRAM (Die Presse)

In Österreich sind Wohl und Wehe von Parteien wie Kandidaten der skrupellosen Machtausübung eines greisen Boulevardmoguls ausgeliefert.

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Die SPÖ hat ein Wahldebakel erfahren, nicht nur wegen des Verlusts von über einem Viertel der Wähler, sondern auch, weil ihr beide Wählergruppen davongelaufen sind: EU-freundliche Wähler zu Martin, zur ÖVP und zur Stimmenthaltung, EU-Gegner zu Martin, FPÖ und zu den Nichtwählern. Weg sind sie alle, und die Niederlage und das damit verbundene Dilemma haben einen Namen: Werner Faymann (und seine Erfinder sowie die, die ihn hingenommen haben). Faymann hat, gemeinsam mit Gusenbauer – damit nur keine nostalgischen Gefühle aufkommen –, die Europapolitik der SPÖ an die „Krone“ verscherbelt. Die „Krone“ hat dafür für ihn bei der NR-Wahl 2008 wahlgekämpft und der SPÖ den ersten Platz gesichert. So weit, so gut für die SPÖ und so schlecht für die österreichische EU-Politik.

Inzwischen ist dies auch ein paar SPÖ-Politikern aufgefallen (Voves, Häupl), nur wären diese Herren glaubwürdiger, wenn sie ihre Kritik beim Erscheinen des Faymann/Gusenbauer-Unterwerfungsbriefes geäußert hätten und nicht ein Jahr später, mit der Angst vor den kommenden Landtagswahlen im Nacken. Offenbar ist nicht nur „die Wahrheit eine Tochter der Zeit“ (Andreas Khol – und der muss es ja wissen), sondern auch die politische Moral. Faymann hat auch in der Folge sein Desinteresse an der EU – außer er wollte Geld von ihr – mehr als deutlich bekundet und antifaschistische und SPÖ-herzerwärmende Phrasen gedroschen („gegen rechte Hetzer“, „für ein soziales Europa“) bzw. seinen Europakandidaten starke Sprüche klopfen lassen.

Hat nur nichts genutzt, denn die Wähler sind inzwischen woanders („voters are no fools“), und die „Krone“ hat ihr Liebkind H.-P. Martin gepusht. Zum einen, weil sie den von ihr aufgeganselten EU-Frust lenken musste, zum anderen, weil sie die SPÖ im Allgemeinen und den Neffen von Onkel Hans im Besonderen daran erinnern wollte, dass deren politisches Überleben von ihrem Status als „Hofschranzen“ im Vorhof der (Dichand-)Macht abhängt. Womit wir wieder beim SPÖ/Faymann-Dilemma wären: Ohne „Krone“ geht nichts und mit ihr immer weniger. Das Mitleid mit dem selbst verschuldeten Unglück dürfte und sollte sich in Grenzen halten. Manchmal wendet sich halt gnadenloser Opportunismus gegen den gnadenlosen Opportunisten.

Der Fluch der bösen Tat trifft nicht nur die SPÖ. Die Grünen haben nach den Retrolinken von Attac geschielt, Silberrücken geschlachtet, ihre Spitzenfrauen in pseudorevolutionärer Pose plakatiert und damit erfolgreich Wählervertreibung praktiziert.

Und die FPÖ? Sie hat sich zwar gegenüber dem historischen Tiefststand von 2004 auf 13 Prozent verdoppelt, nur sind das immer noch nur halb so viele wie 1996 oder 1999. Wer vom unappetitlichen Kreuzeschwingen (gegen islamische Vampire?) zum blanken Antisemitismus absteigt, darf sich nicht wundern, dass ein Teil der Protestwähler die weniger unappetitliche Protestvariante wählt.

Die ÖVP hat sich alles in allem recht wacker geschlagen. Zum Ersten, weil sie wieder gelernt hat, wie man Wahlkämpfe führt; zum Zweiten, weil sie grosso modo die proeuropäische Linie gehalten hat; und zum Dritten, weil jene Wähler, die die versuchte Anbiederung an Dichand – das „Vorbild“ von Strasser – nun wirklich nicht schätzten, mit Karas eine glaubwürdige Alternative hatten und ihm eine Vorzugsstimme geben konnten. Die Partei wird jedoch gut daran tun, die Warnzeichen der Wähler ernst zu nehmen – sie hat einen Vertrauensvorschuss erhalten, aber keine sichere Bank.


Verfehlte und feige Medienpolitik

Bleibt trotzdem die „Erbsünde“ der österreichischen (Medien-)Demokratie. Nein, nicht die „rechte Gefahr“, mit der „besorgte“ Linksintellektuelle die Kommentare und Diskussionsrunden füllen und die sensationsgeilen Marktschreier ihre Hochglanzmagazine. Angeblich fördert ja „die Krise“ die (je nach Gusto) Nachfahren von Hakenkreuz und Kruckenkreuz. Womit die diversen Wahlverlierer auch schon ihre Ausrede zur Hand haben – so wie der Bundes- und Wiener-AK-Präsident Tumpel, der seine minus 13 Prozent in Wien natürlich nicht der eigenen Selbstüberschätzung und seiner Verwicklung in die Bawag-Pleite (Wiederaufnahme der Karibikgeschäfte) verdankt, sondern diesen bösen Mächten zum Opfer gefallen ist.

Die Rede ist vielmehr vom heimischen Politik/Medien-Sumpf. Eine jahrzehntelange verfehlte und feige Medienpolitik hat Wohl und Wehe von Parteien wie Kandidaten an die skrupellose Machtausübung eines greisen Boulevardmoguls und seiner journalistischen Nachttopfträger ausgeliefert. Davon profitiert haben – je nach Befindlichkeit des Obigen – einmal der „mandschurische Kandidat“ (Faymann), ein anderes Mal der „Krone“-Serien-Autor (Martin), das nächste Mal wer auch immer, jedes Mal diverse Schleimer. Die Widerständigen – Schüssel, Busek, Plassnik, Vranitzky, Voggenhuber etc. – wurden „verräumt“. Das Gros der österreichischen Journalisten (nicht alle) – ob rechts, links, Mitte oder wo auch immer – wühlt lieber im Dreck anderer als im Dreck der eigenen Kollegen. Vielleicht muss man ja morgen bei Herrn Pandi anheuern.

Die österreichischen Deutungseliten arbeiten sich gerne an Silvio Berlusconi ab. Man kann ihm jede Menge vorwerfen, nur: Bei seinen Partys und in seinen TV-Kanälen entblößen andere ihren Körper vor Kameras und Fotografen und nicht er selbst. Vor allem aber ist er nur Handlanger seiner selbst und stellt sich dem Votum der Wähler. Bei uns stellen viele lieber ihre eigene Gesinnungsblöße in die Auslage und sind die Handlanger derer, die das Risiko einer Wahl selbst nicht eingehen. Ganz nach dem Motto „Dafrurn san scho vüle, daschtunkn is no kana“. Wer dieses echt österreichische, garantiert gentechnikfreie Biotop nicht trockenlegen will, soll sich auch nicht über seine Ausdünstungen beschweren.

Peter A. Ulram ist Dozent für Politikwissenschaft an der Uni Wien (Schwerpunkt empirische Wahlforschung) und Bereichsleiter für Politikforschung bei GfK Austria.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2009)

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7 Kommentare
mcmil
16.06.2009 14:30
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Ja, die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit...

Schön, wenn ein Dozent für Politikwissenschaft Quellen angibt. (Ein Minister - notabene Wissenschaftsminister - tat dies in seiner Dissertation ja nicht…)

Aber Ehre, wem Ehre gebührt. Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit stammt nicht von Andreas Kholius, sondern von Aulus Gellius (aus den Noctes Atticae).

I.ü.: Wenn die voters are no fools, warum dann die Aufregung über Dichand? Und wenn die Krone das Wahlverhalten steuert, warum soll dann Tumpel eine Schuld bei sich suchen..? Nur, um ein paar Widersprüchlichkeiten im Artikel zu erwähnen.

Was schließlich den Versuch, Berlusconi positiver als Dichand zu sehen, betrifft, so sei darauf hingewiesen, daß der psiconano (Beppe Grillo) weniger wegen seiner Parties problematisch ist, sondern wegen seiner Neigung zu Ad-hoc-(und pro-Berlusconi-)Gesetzgebung, seiner Ablehnung des demokratischen Parlamentarismus und seiner problematischen und insgesamt erfolglosen Art, Politik zum Wohl des Landes zu betreiben, wie jüngst ein Beitrag der New York Times, die da wohl als ziemlich neutraler Beobachter bezeichnet werden kann, gezeigt hat.

mcmil
16.06.2009 14:20
0 0

Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit...

Schön, wenn ein Dozent für Politikwissenschaft Quellen angibt. (Ein Minister - notabene Wissenschaftsminister - tat dies in seiner Dissertation ja nicht…)

Aber Ehre, wem Ehre gebührt: Veritas filia temporis stammt nicht von Andreas Kholius, sondern von Aulus Gellius (aus den Noctes Atticae).

I.ü. Wenn voters are no fools, warum dann die Aufregung über Dichand? Und wenn die Krone schuld war, warum muß dann Tumpel Fehler bei sich selbst suchen? Nur, um ein paar Widersprüchlichkeiten des Beitrags zu erwähnen...

Kontrahent
16.06.2009 13:48
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Kein Wunder,

daß für diesen Artikel sogar in 'der Standard' ein Hinweis in einem Forum existiert. Genau erkannt und umrissen wie es ist !

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Die Geister die ich rief ...

Hr. Ulram spricht "ein großes Wort gelassen aus" (wie die Redewendung so schön heißt), die Verhaberung des System in Österreich. Sind schon die Gewaltentrennungen zwischen legislative, exekutive und judikative mehr als aufgeweicht, so ist die sogenannte 4. Gewalt im Staat (die Medien) alles andere als frei und unabhängig.

Und wenn man versucht, diese 4. Macht in die Gewalt des Staates zu bekommen, dann besteht die Gefahr der Gegenreaktion: Der Staat beherrscht die Medien - bis auf ein kleines Format, das stark genug ist und den Staat beherrscht.

"Es ist der Fluch der bösen Tat, ..." (s. Schiller und Ulram) Oder auch "die Geister die ich rief ..." (s. Goethe)

Endlich ein Kommentar, der sich mit den wirklich demokratiegefährdenden Vorgängen und Ussancen in Österreich beschäftigt - und nicht diese hinter der "Gefahr von rechts" versteckt. Zufall, das dieser genau nach der Wahl erscheint?

Gast: gast
09.06.2009 18:03
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In Österreich sind Wohl und Wehe der skrupellosen Machtausübung eines greisen Boulevardmoguls ausgeliefert.

Das ist meiner Meinung nach ein starkes,
um nicht zu sagen,
ein " Schurken-Stück" !

Die Presse is nun mal
die vierte Gewalt im demokratischen Meinungsbildungsprozeß!
Aber jeder erwachsene Bürger
ist AUCH Herr seiner Entscheidungen!

übrigens....
wen oder was präferierte der
angeblich/nachweislich unabhängige ORF
bei den jüngsten wahlen?

Wenn nun in der KRONE " MARTIN "
präferiert wird - " whats that "?

Es beweisst doch
dass,
der angeblich protegierte,
MARTIN mit seinen profunden Aussagen,
einer Vielzahl von Wählern,
WIDERSPRÜCHE UND AUSWÜCHSE IN DER EU - nahebringen durfte
- sozusagen den
den Finger auf die "WUNDEn der EU" legte.

Mehrheitlich ist die Überzeugung der Bürger,
ja sowieso KLAR!
warum diese scheinheiligkeit?

DIE EU IST ENDLICH
- DIE TÜRKEI HAT ALS
GLEICHBERECHTIGTES MITGLIED
in der EU NIX
- ABER WIRKLICH GAR NIX -
VERLOREN!

Heißt; dass jedwede
weitere Ausdehnung DER EU kontraproduktiv ist.

liebe, aufgeheizte freunde,
nun mal an gang langsamer;
vergießt hier nicht krokodilstränen die EUCH kana abnimmt.


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Re: In Österreich sind Wohl und Wehe der skrupellosen Machtausübung eines greisen Boulevardmoguls ausgeliefert.

Da bin ich absolut Ihrer Meinung! Einmal ganz abgesehen davon, daß z.B. im US-Wahlkampf seit jeher Tageszeitungen entweder mit dem einen oder dem anderen Kandidaten recht offen sympathisieren: Die geballte Anti-Krone-Phalanx unter unseren Printmedien hätte eigentlich stark genug sein müssen, irgend etwas POSITIVES über die EU zu konstruieren, was über die sattsam bekannten "Friedensprojekt"-Phrasen hinaus gegangen wäre...

Und wenn ständig gefaselt wird, man hättte "die eigenen Leistungen nicht richtig kommuniziert", so frage ich mich, warum man nicht dafür irgend eine kreative Agentur gebucht hat, die aus dem vorhandenen Fakten-Material mundgerechte, sprich: allgemein verständliche Happen anbieten hätte können?

Desweiteren bin ich davon überzeugt, daß die anderen Parteien wesentlich mehr Funktionäre aufbieten konnten, die als Plakatierer, Ständeraufsteller und Propagandazettelverteiler die "Laufarbeit" erledigten. Da wird mit Martin ein Bedrohung aufgebaut, die lächerlich ist...

Ganz genau.

Der feige Dichand soll sich verdammt noch mal endlich selber einer Wahl stellen, bevor seine Zeit abläuft! Zumindest als Präsidentschaftskandidat.

Nur das übliche pro-ÖVP-Geschreibsel von Herrn Ulram ist bei nur 12% (!) der WahlBERECHTIGTENstimmen für die ÖVP wohl eher unangebracht.

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