China wird seit Jahrzehnten und vor allem seit seinem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahre 2001 mit der Herstellung billiger Imitate diverser Produktkategorien und sogenannter Fälschungen von Markenwaren assoziiert. Erst Ende Januar dieses Jahres veröffentlichte das Streitbeilegungsorgan der WTO einen Bericht in einem von den USA gegen China angestrengten Verfahren zum Schutz und zur Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte, das jedoch aus rechtlicher Sicht eine solche Sichtweise nur in sehr beschränktem Masse bestätigte. Allgemein wird in dieser Debatte neben grober Fehlinformation aber vielfach übersehen, dass es sich dabei um langfristige Entwicklungstendenzen von Gesellschaften und ganzen Kontinenten handelt, die nicht auf Zeiträume von ein paar Monaten oder den Erlass einschlägiger Rechtsnormen reduziert werden können. Hingegen lassen sich manchmal einzelne Faktoren, die neue Richtungen in der Entwicklung solcher Gesellschaften erkennen lassen, ausmachen. Dies trifft eventuell auf die aktuelle chinesische Debatte über Sh?n Zhài zu, die eventuell einen Wendepunkt in der Entwicklung neuer Ideen und Produkte darstellen und sogar den Weg zu einer neuen Gesellschaftsordnung ebnen könnte.
Original oder gute Kopie?
„Sh?n Zhài“ ist derzeit einer der populärsten Begriffe in China, dessen einzelne chinesische Charaktere wörtlich mit „Berg“ und „Dorf“ beziehungsweise „Festung“ übersetzt werden. Solche abgelegenen Orte weisen im übertragenen Sinne auch auf die Existenz eines rechtsfreien Raums hin, eine Art von Banditenhort, ähnlich dem einem Robin Hood als Versteck dienenden Sherwood Forest. Das Vorliegen eines rechtsfreien Raums erklärt in Folge wiederum die Assoziation von Sh?n Zhài mit den auf engste Räume beschränkte Kleinst- und Mittelbetrieben, in denen eine Vielzahl von Produkten hergestellt oder besser „kopiert“ wurden. Daraus erklärt sich in jüngster Zeit auch dessen weit verbreitete Verwendung für billige Imitate von Mobiltelefonen.
In letzter Zeit lässt sich jedoch eine Ausdehnung der Verwendung des Begriffs auf weitere Produktkategorien, von verschiedenen Elektronikgeräten bis hin zu Medikamenten, architektonischen Gebäuden und ganzen Spielfilmen, feststellen. Im Rahmen dieser Ausweitung kommt es auch zu einer interessanten Verschiebung der Grenzen zwischen dem sogenannten „Original“ und seiner vermeintlichen „Kopie“. Dies, weil einige dieser Sh?n-Zhài-Produkte bereits über fortgeschrittene Merkmale und Funktionen beziehungsweise eine größere Leistungsfähigkeit (etwa im Bereich der Akkus) verfügen als die ursprünglich zur Herstellung herangezogenen Originale. Beispielsweise geistern seit geraumer Zeit Gerüchte über eine Miniversion des iPhones durch das Internet, während eine solche Version in China bereits seit geraumer Zeit erhältlich ist.
Wachsendes Selbstbewusstsein
Mit dieser Entwicklung stehen auch neue gewichtige Herausforderungen an die einschlägigen Gesetze und Rechtsvorschriften an, da in solchen Fällen nicht mehr eindeutig festgestellt werden kann, was „imitiert“ und was „innoviert“ wurde. Einige chinesische Firmen haben somit auch von sich aus begonnen, die Verwendung von verletzenden Handelsmustern oder Markennamen aufzugeben und durch ihre eigenen Warenbezeichnungen zu ersetzen. Dieser Übergang von Imitation über Innovation zur Originalität ist ein klarer Hinweis auf ein wachsendes Selbstbewusstsein. Darauf aufbauend entwickelt sich die Debatte über Sh?n Zhài auch in eine weit verbreitete Kulturbewegung, die sogenannten Grassroots-Ebene. Diese oft auch von sozialen Fragen dominierte Bewegung ist heute noch eine Form von Subkultur oder besser eine Avantgardebewegung, die mehrheitlich von der Jugend getragen wird. Morgen wie schon heute gehen daraus jedoch interessante philosophische wie demokratische Prozesse hervor, die auch – gerade in Zeiten der globalen Finanzkrise und einer ideologisch wie philosophisch begründeten Krise des Kapitalismus – in Europa besondere Beachtung verdienen, da daraus neue innovative Ideen und Produkte wie auch eine neue Gesellschaftsordnung hervorgehen können. Dieser Prozess zeigt, dass diese Entwicklungen auch das Resultat nachhaltiger forschungs- und bildungspolitischen Bemühungen Chinas während der letzten Jahre und Jahrzehnte sind. Wichtig dabei ist aber vor allem auch der Wille zum Lernen durch Neugierde und damit die Mittel und Möglichkeiten für Innovation durch Imitation.
Entgegen weit verbreiteter Behauptungen der verschiedenen Kreativindustrien, die im Imitieren vereinfacht nur Verbrechen sehen, ist die Geschichte voll von Beispielen der Innovation durch Imitation. Ausgerechnet die Renaissance als Wiege der europäischen Kultur- und Geistesbewegung verdankt ihre sprichwörtliche „Wiedergeburt“ der Übersetzung und Lektüre klassischer griechischer wie auch arabischer Autoren. Die (noch) anhaltende Vorherrschaft Hollywoods in der Filmindustrie entstand aus einem offenen Bekenntnis zur Imitation und sogenannter „Raubkopien“ europäischer Werke (die auch heute teilweise noch erkennbar ist). Bei der japanischen und taiwanesischen Revolution auf dem Gebiet der Technologie verhielt es sich nicht anders. Selbst heute sind Reverse Engineering und Werkspionage gängige Methoden zur Innovation. Lernen basierte schon immer auf Imitieren, ob in der Kunst oder der Technologie. Neu in unserer Zeit ist nur, die, wie von Walter Benjamin in seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner mechanischen Reproduktion“ (1936) treffend festgestellt wurde, damit einhergehende „wachsende Intensität“.
Arrogante Ignoranz
Und wesentlich in diesem Zusammenhang ist aber der Wille zum Lernen. Dieser Wille aber ist in Amerika und Europa leider vielfach abhandengekommen. Stattdessen übt man sich in arroganter Ignoranz und sucht akribisch nach einem Schuldigen, den man, wie es scheint, in China und anderen asiatischen Ländern gefunden haben will. Doch zutreffender ist, dass während Amerika in der WTO klagt und Europa sich beklagt, in China und Asien geforscht und entwickelt wird. Der ewig fälschliche Aberglaube Europas, dass man nur von Europa lernen könnte, gehört für immer beendet. Wenn man sich fragt, was Europa von Asien und insbesondere China lernen könne, dann ist es, wie kürzlich ein chinesischer Kollege und Europaexperte auf meine diesbezügliche Frage antwortete, dass „Europa von Asien in erster Linie die Lust zum Lernen lernen kann“!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2009)

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