25.05.2012 19:04 | Meine Presse Merkliste 0

Wir wollen neue Wahlen, keine Revolution

GASTKOMMENTAR VON LEILA SALEHI-RAVESH (Die Presse)

Die Iraner haben sich für eine vernünftige Staatsführung entschieden. Nun ist es eine Frage der Zeit, bis sie auch Realität wird.

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Was wollen die Iraner? Die globalen Medien berichteten in den letzten Tagen ununterbrochen von tausenden Demonstranten, die ihr Leben riskierten und auf die Straße gingen, um ihre Stimme zurückzuverlangen. Ist das der Anfang einer zweiten Revolution? „Nein!“, schreibt Neda, eine Informatikstudentin, in einem Beitrag auf ihrer Facebook-Seite. „Wir wollen eine Wahlwiederholung, keine neue Revolution!““ steht auf einem Transparent in einer Demonstration in der Teheraner Valiasr-Straße.

Tatsächlich haben es die Iraner satt, ständig in einer instabilen Situation zu leben. Nach einer blutigen Revolution wurde ihnen ein langer, zerstörerischer Krieg aufgezwungen, der viele Tote und Verwundete zurückgelassen hat. Nach einer Wiederaufbauphase unter Rafsanjani erhofften sich die Iraner eine Änderung, eine bessere Zukunft. Das, was sie sich bei der iranischen Revolution im Jahr 1979 gewünscht und wofür sie gekämpft haben: Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie.

In Mohammed Khatami sah die Mehrheit der Iraner, insbesondere Frauen und junge Akademiker, einen Mann, der es schaffen würde, der Welt ein anderes Gesicht zu zeigen. Einen freiheitsliebenden, toleranten und offenen Iran. Dieser Traum war aber sehr schnell vorbei. Innerhalb des Iran haben die radikalen Kräfte dafür gesorgt, dass die Regierung des Iran mit ständigen Krisen zu kämpfen hatte. International wurde der Iran trotz offener Haltung und Angeboten zur Kooperation mit der Weltgemeinschaft, zum Beispiel in Afghanistan, von der Bush-Administration ignoriert, schlimmer noch, als Teil der Achse des Bösen bezeichnet.

Nach den gescheiterten Reformbemühungen und zunehmender internationaler Isolation verspürten die Iraner Enttäuschung und haben die nächste Präsidentschaftswahl weitgehend boykottiert. Sie wollten ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen. Eine Fehlkalkulation. Niemand hat sich dafür interessiert, dass Mahmoud Ahmadinejad aufgrund geringer Wahlbeteiligung erst nach einer Stichwahl zum Präsidenten gewählt wurde. Der ehemalige Bürgermeister von Teheran wurde dank seiner aggressiven Rhetorik zum Präsidenten des Iran. Durch seine polarisierenden Auftritte füllte er die Titelseiten internationaler Medien.

Während dieser Zeit hat sich die iranische Gesellschaft weiterentwickelt. Proteste und Demonstrationen. sind in den letzten vier Jahren zum Bestandteil des täglichen Lebens der Iraner geworden. Die Frauenaktivisten und die Arbeiterbewegung haben sich, trotz massiven Drucks, ausgebreitet. Die Welt hat aber kaum davon mitbekommen. Das iranische Atomprogramm war das, was die Welt am meisten interessierte. Kambuzia Parto, ein iranischer Regisseur, hat in seiner kurzen Ansprache am 23. Mai gesagt, dass er sich vier Jahre für die Lügen eines kleinen Mannes, des Präsidenten, geschämt hat. Viele sind in den letzten Jahren ins Ausland gegangen, weil ihre Ansichten, ihre Rechte und nicht einmal ihre Bekleidungsweise in ihrem Land respektiert wurden.


Junge, Alte, Frauen, Männer

Während dieser Zeit wurde der Iran durch seine Nuklearpolitik auch zu einem der wichtigsten geopolitischen Themen, und immer mehr Menschen stellten sich die Frage: Wann wird der Iran angegriffen? Nach diesen schmerzhaften Jahren haben die Iraner begriffen, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen. Dass sich im Falle eines weiteren Wahlboykotts nichts ändern würde. Deswegen sind alle wählen gegangen. Junge, Alte, Frauen und Männer. Alle diejenigen, die seit 30 Jahren jegliche Wahlen im Iran boykottiert haben. In der Hoffnung, dass ihre Stimme die Situation friedlich ändern wird.

In den Wochen und Tagen bis zum 12. Juni fieberten die Iraner mit verschiedenen Kandidaten, die versuchten, ihnen die Hoffnung zu geben, dass eine solche Veränderung möglich ist. Ein Kandidat war besonders sympathisch. Ex-Premierminister Moussavi, ein Künstler, der sein 20-jähriges Schweigen brach, um die gefährliche Situation des Iran zu ändern. Frauen waren von ihm begeistert, weil zum ersten Mal nach der Revolution ein Kandidat mit seiner Frau, einer Universitätsprofessorin, den Wahlkampf antrat. Junge Menschen interessierten sich für seine moderaten Ansichten und vernünftige Haltung. Er hat in seiner Fernsehdebatte mit Ahmadinejad zwei Arten von Staatsführung gegenübergestellt und meinte, dass Iraner in dieser Wahl zwischen diesen zwei wählen sollen:
• Die eine basiert auf abenteuerlustigem, instabilem und schaulustigem Verhalten, das imaginäre Feinde sucht und die Wahrheit versteckt. Eine kurzsichtige Staatsführung, die stets von Über- und Untertreibung geprägt ist.
• Die andere ist eine vernünftige, realistische Art, die Aberglauben bekämpft und für Transparenz und Ehrlichkeit steht. Eine Staatsführung, die auf Gesetzmäßigkeit Wert legt und einen weitsichtigen Blick und einen Weg sucht, um den Iran in der Welt erfolgreich zu machen.

Die Mehrheit der Iraner hat sich am 12. Juni 2009 gegen die erste Art von Staatsführung entschieden und seitdem in Protesten für die Anerkennung dieses Wahlergebnisses gekämpft und dafür ihr Leben auf den Straßen riskiert. Die Ereignisse der letzten Tagen zeigen, dass große Teile der iranischen Gesellschaft sich für den ersten Weg entschieden haben. Es ist nun eine Frage der Zeit, wann und wie sich diese Unterschiede auch im politischen System widerspiegeln werden. Iraner sind geduldige Menschen!

Ein Interview mit Leila Salehi-Ravesh ist am Sonntag um 12.30 Uhr in der Religionssendung „Orientierung“ (ORF2) zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2009)

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5 Kommentare
Murray
26.06.2009 14:07
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Der Haken an der Sache

besteht darin: ohne Revolution wird es im Iran keine freien Wahlen geben.

Antworten Gast: Franz
30.06.2009 20:05
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Re: Der Haken an der Sache

Da haben Sie vollkommen recht. Und es ist auch sehr fraglich ob es mit den sog. "Reformern" eine solche geben kann.
Schließlich stehen sie alle loyal den Prinzipien der "Islamischen" Republik gegenüber, und die ist schon in ihren Grundpfeilern undemokratisch
(siehe Verfassung und der Doktrin Khomeinis: "die Herrschaft der Rechtsgelehrten")

Antworten Gast: gast
26.06.2009 14:32
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Re: Der Haken an der Sache

Seh ich auch so, natürlich gibt es unter dem Regime keine freie Wahlen.

Da die Kandidaten nur nach OK des Regimes antreten können. Weil damit wirklich fortschrittliche Kräfte von Anbeginn ausgeschlossen sind.

Trotzdem unterstütze ich die Forderung nach Neuwahlen, die auch von der Mehrheit der Protestierenden im Iran gefordert wird.
Wenn die Hardliner weg sind, muss dann auch die Einführung freier Wahlen gefordert werden. Wenn freie Wahlen erreicht werden können, wird die Islamische Republik Iran Geschicht sein, an die sich die Menschen im Iran und im Exil nur mit Grauen erinnern.

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Re: Re: Der Haken an der Sache

Einstweilen haben die der Staatsführung verbundenen Kräfte nach wie vor die Oberhand: Polizei, Milizen, Militär und Internet- bzw. Handyüberwachung funktioniert noch auf der ganzen Linie und die fortgesetzte Politik systematischer Einschüchterung verfehlt dabei keineswegs ihre demoralisierende Wirkung!

Und dann kommt noch etwas hinzu: Gerade der bei uns im Westen so gefeierte kreative Umgang iranischer Oppositioneller mit den neuen Medien erweist sich, "dank" entsprechender Entschlüsselungssoftware (aus dem Westen!) zunehmend als zweischneidiges Schwert: Das Regime braucht nur seine Permanentüberwachung der diigitalen Info-Übermittlungsvorgänge zu intensivieren - schon werden ihr die aufmüpfigen Reformer gleichsam wie auf einem silbernen Tablett serviert.

Für die endgültige Installierung eines "Gottesstaates" gehen die schwarzen Turbane ohne zu Zögern über Leichen. Was ihre Bürger wirklich wollen, ist ihnen dabei völlig egal. Hauptsache, man denkt und lebt im Sinne des Koran...

Gast: Leila Salehiravesh
25.06.2009 19:33
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Korrektur

Ein Fehler in dem letzten Absatz wird hiermit korrigiert: "Die Ereignisse der letzten Tagen zeigen, dass Teile des politischen Systems sich für den ersten Weg entschieden haben. Es ist nun eine Frage der Zeit, wann und wie sich diese Unterschiede auch im politischen System widerspiegeln werden. Iraner sind geduldige Menschen!"

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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