10.02.2012 16:10 | Meine Presse Merkliste0

EU-Information jenseits von Klischees

GASTKOMMENTAR VON RICHARD KÜHNEL (Die Presse)

Eine Replik auf Wolfgang Böhms Kommentar „Die Propaganda der EU“.

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Kommunikation, so wie die Kommission sie versteht, bedeutet Debatte, Austausch verschiedener Standpunkte, Diskussion. Es erstaunt mich daher, dass unser Bemühen um eine offene und moderne Informationspolitik als „Propaganda“ (miss-)verstanden wird. Wurden wir früher gerügt für unsere trockene, wenig inspirative Kommunikation mittels Kommuniqués, so reibt man sich jetzt an unserem Versuch, neue Formen der Kommunikation aktiv zu nutzen. Liegt es an uns, oder liegt es an der Macht der Klischees, die noch immer besser „ziehen“ als profunde, sachliche Analysen?

Setzen wir uns mit dem Wesen politischer Information auseinander, stellt sich daher die Frage: Ist politische Information gleich Propaganda? Dieser Begriff hat eine Reihe negativer Konnotationen wie Agitation, Demagogie, Stimmungsmache. Bei Propaganda geht es um die Manipulation des Denkens durch gezielte Steuerung oder Verfälschung von Informationen. Es ist eine Politik, derer sich totalitäre Systeme bedienen. Bei allem Verständnis für EU-Kritik: In dieses Fahrwasser gehört unsere Informationspolitik nicht.


EU als Wertegemeinschaft

Die Darstellung der eigenen Politik ist, wenn man diesen Begriff nicht entwerten möchte, keine Propaganda. Jede Regierung, jede Interessengemeinschaft kommuniziert die Position, von der sie überzeugt ist. Das kann man auch der EU zugestehen. Wer diese Art der Information als „Propaganda“ bezeichnet, spielt jenen in die Hände, die tatsächlich Propaganda betreiben, indem sie bewusst ihr Zielpublikum manipulieren. Die EU ist – außer, dass sie der größte Markt der Welt ist – aber auch eine Wertegemeinschaft. Es ist daher unsere Aufgabe, die gemeinsamen Werte der europäischen Integration zu kommunizieren. Wir haben auch nie gesagt, die EU ist „perfekt“, sondern „work in progress“. Wenn Information über gemeinsame Werte und Ziele, über darauf aufbauende Erfolge und den oft mühsamen Weg bis zu ihrer Erreichung als „tendenziös“ gesehen wird, dann bekennen wir uns gerne schuldig im Sinne der Anklage!

Der Vorwurf, den Böhm in Zitierung der Timbro-Studie aufgreift, geht aber noch weiter: „Die EU will nicht nur aktiv die europäische Integration verfechten, sondern auch eine freie Debatte über die Zukunft Europas unterbinden.“ Im Ernst? Die Politik der EU – und, spezifischer gesagt, gerade der Barroso-Kommission in den letzten Jahren – war genau darauf ausgerichtet, diese freie Debatte über Europa zu stimulieren. In diese Debatte treten wir mit völliger Offenheit für Kritik ein. Unser Beitrag dazu ist vor allem sachliche Information, auch wenn uns das – ganz im Gegensatz zur Verdächtigung als Propagandisten – den Vorwurf einträgt, zu „bürokratisch“ oder „technisch“ zu sein.

Lassen Sie mich klarstellen: Es ist unbestritten, dass wir unsere Kommunikation – speziell mit den Bürgern – weiter verbessern und intensivieren können und müssen. Doch bei aller berechtigten Kritik sollte man bei der Bewertung unserer Kommunikationspolitik auch die Fortschritte anerkennen, die unter der Barroso-Kommission gemacht wurden: die Etablierung einer Kommunikationsstrategie, die auf Dialog und Zuhören statt auf Einweginformation setzt, die Professionalisierung des EU-Medienservice, die Anpassung an Zielgruppen und regionale Gegebenheiten, um die Information verständlicher zu machen, die stärkere Nutzung moderner Kommunikationsmittel wie des Internets, nicht zuletzt um die Jugendlichen besser zu erreichen. All diese Neuerungen waren die Reaktion auf anhaltende Kritik über „elitäre Abgehobenheit“ und „Mangel an Transparenz“. Es sollte zu denken geben, dass nun genau dieses Bemühen als „Propaganda“ abgewertet wird.

Die kritisierte Unterstützung der Kommission für Radio- und TV-Netzwerke sowie für Euronews ist Teil unserer aktiven Kommunikationspolitik. Ein wesentliches Merkmal dieser europäischen Öffentlichkeit ist die Meinungsvielfalt, welche z.B. die unterschiedliche Rezeption der EU-Politik bzw. die unterschiedlichen Anliegen der Mitgliedsländer berücksichtigt und dennoch – oder gerade dadurch – den „europäischen Gedanken“ vermittelt. Das Manko einer solchen europäischen Öffentlichkeit wurde zuletzt bei den Wahlen zum Europäischen Parlament deutlich, als es nicht gelang, die europäischen Themen unserer Zeit – Finanzkrise, Energieversorgung, Klimaschutz – ausreichend zu debattieren.


Propaganda sieht anders aus

In den von der Kommission initiierten Netzwerken und -kooperationen sind die Medien Partner, nicht Instrumente. Daher wird den beteiligten Medien selbstverständlich volle redaktionelle Freiheit garantiert. Die Vorstellung, dass diese als Haus- und Hofsender der EU fungieren, ist naiv. Die Kritik an der Unterstützung einer objektiven, pluralen Medienberichterstattung in Europa mutet noch grotesker an, wenn man zum Beispiel bedenkt, dass der europäische Film nicht zuletzt wegen der aktiven Filmförderung der EU gerade sein beeindruckendes Revival erlebt. Ist Pedro Almodóvar aufgrund der Tatsache, dass er von der EU gefördert und ausgezeichnet wurde, je in Versuchung geraten, einen EU-Propagandafilm zu drehen? Wohl kaum!

Man kann gerne darüber diskutieren, ob alles so aufgegangen ist, wie wir es uns vorgenommen haben. Aber bei aller Offenheit für Kritik sollten wir es der EU zugestehen, dass sie ernsthaft bemüht ist, einen konstruktiv-kritischen Diskurs zu ermöglichen und Menschen für die Mitgestaltung des Projekts Europa zu interessieren. Propaganda sieht anders aus.

Mag. Richard Kühnel ist Jurist und Leiter

der Vertretung der Europäischen Kommission

in Österreich.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2009)

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10 Kommentare
Gast: EU-Skeptiker
17.08.2009 12:54
0 0

Korrektur

In meiner Antwort (siehe Volltext unten), muss es natürlich heißen: "Es ist leicht, Gegenargumente (Zusatz: die niemand überprüfen kann und wird) aufzufahren, aber sehr schwer, etwas konstruktiv zur Debatte beizutragen. Kühnel hat das getan, und das ist positiv zu bewerten.

Re: Leider auch nur ziemlich schwache Argumente...
Wäre Richard Kühnel auf die einzelnen Argumente eingegangen, hieße es wieder: "EU-Propaganda". Es ist nicht leicht, Gegenargumente aufzufahren, aber sehr schwer, etwas konstruktiv zur Debatte beizutragen. Kühnel respektiert die Journalistenmeinung und bringt eine ironisch-gelassene Gegendarstellung. Wäre es Ihnen wirklich lieber, dass er alle Argumente von Böhm kontert und damit gar keine eigene Meinung (noch dazu die eines Journalisten) zuläßt? Wenn ein EU-Vertreter offen für andere Meinungen ist und damit sein ehrliches Interesse an einer Diskussion bekundet,
dann, für diesen wahrhaft seltenen Fall - sollten auch die EU-Skeptiker, so wie ich,
das anerkennen. Und noch eines ist zu bedenken: Wolfgang Böhms Kommentar ist natürlich überspitzt und polemisch und Kühnel kontert auf demselben Niveau. Ich werde meine EU-Skepsis durch diesen Kommentar nicht verlieren, aber zumindest hat er mein Interesse geweckt. Vielleicht gibt es doch EU-Beamte, die über den Tellerrrand schauen? Und von wegen Propaganda: schauen Sie sich doch die Regierungsinserate an, mit Steuergeld finanziert!Zumindest soetwas habe ich bei der EU noch nicht gesehen....

Antworten Arethas
18.08.2009 19:36
0 0

Re: Korrektur

Richard Kühnel spricht das eigentliche, ja geradezu einzige Thema, das die EU bewegen müsste, eben nicht an.
Es geht beim Projekt EU um die Identität Europas im 21. Jhdt: Was wollen wir Europäer, was haben wir mit anderen gemeinsam, was unterscheidet uns, wer ist Freund und Feind.
Es gehören die Karten auf den Tisch: Bundesstaat oder Staatenbund, Europa oder Eurasien.
Und die alles entscheidende Frage: Wollen wir Europäer herrschen oder beherrscht werden? Tertium non datur.

2 0

Leider auch nur ziemlich schwache Argumente...

Die auf nachvollziehbaren Fakten basieren Hinweise in Wolfgang Böhms Kommentar werden von Richard Kühnel in keiner wie immer gearteten Weise entkräftet. U.a. auch deshalb, weil er erst gar nicht wirklich konkret darauf eingeht.

Schon in der Bibel steht: "An ihren Taten sollt Ihr sie erkennen!". Die tägliche erfahrbare EU-Realität wird auch durch noch so viele Werbesendungen und Zeitungsinserate besser. Und wenn der Autor als Ausrede für die zahlreichen Unzulänglichkeiten sich des Hinweises bedient, die EU sei halt "noch in der Entwicklung", so überzeugt auch das mich nur wenig: Man kann sich schließlich auch trotz allem Eifer in eine völlig falsche Richtung bewegen...

Besonders putzig finde ich das Argument, die EU fördere doch so toll den europäischen Film: Grenzen und Kulturen überschreitend war der doch schon vor 60 Jahren! Italienische, französische und schweidische Filme füllten auch im deutschsprachigen Raum die Kinosäle und waren künstlerisch ein Begriff. Ganz OHNE EU...

Antworten Gast: EU-Skeptiker
17.08.2009 11:25
0 0

Re: Leider auch nur ziemlich schwache Argumente...

Wäre Richard Kühnel auf die einzelnen Argumente eingegangen, hieße es wieder: "EU-Propaganda". Es ist nicht leicht, Gegenargumente aufzufahren, aber sehr schwer, etwas konstruktiv zur Debatte beizutragen. Kühnel respektiert die Journalistenmeinung und bringt eine ironisch-gelassene Gegendarstellung. Wäre es Ihnen wirklich lieber, dass er alle Argumente von Böhm kontert und damit gar keine eigene Meinung (noch dazu die eines Journalisten) zuläßt? Wenn ein EU-Vertreter offen für andere Meinungen ist und damit sein ehrliches Interesse an einer Diskussion bekundet,
dann, für diesen wahrhaft seltenen Fall - sollten auch die EU-Skeptiker, so wie ich,
das anerkennen. Und noch eines ist zu bedenken: Wolfgang Böhms Kommentar ist natürlich überspitzt und polemisch und Kühnel kontert auf demselben Niveau. Ich werde meine EU-Skepsis durch diesen Kommentar nicht verlieren, aber zumindest hat er mein Interesse geweckt. Vielleicht gibt es doch EU-Beamte, die über den Tellerrrand schauen? Und von wegen Propaganda: schauen Sie sich doch die Regierungsinserate an, mit Steuergeld finanziert!Zumindest soetwas habe ich bei der EU noch nicht gesehen....

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Re: Leider auch nur ziemlich schwache Argumente...

Korrektur eines sinnstörenden Fehlers!

Im zweiten Absatz müßte es heißen:

Die täglich erfahrbare EU-Realität wird auch durch noch so viele Werbesendungen und Zeitungsinserate NICHT besser.

Gast: EU-Skeptiker
14.08.2009 19:57
1 0

Erstaunlich

Der Kommentar erstaunt mich: das ist nicht die übliche "Propagandakeule", sondern eine sehr differenzierte Darstellung. Und ganz und gar nicht so dogmatisch, wie üblich. Man liest interessiert weiter und denkt auch über die pro-Argumente nach. Herr Kühnel, sagen Sie auch den Herrschaften in Brüssel, dass diese Haltung glaubwürdiger ist als die Arroganz, die man gemeinhin erlebt. Ich bin jedenfalls froh, dass Sie der EU-Vertreter in Österreich sind.


Gast: Dr. Herbert Kotzab
14.08.2009 05:59
0 0

Kommunikation hin, Propaganda her

Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich in Dänemark und wohne familienbedingt in Österreich. Leider überwiegen die gefühlten Nachteile die Vorteile des gemeinsamen Marktes. Anstatt am Prinzip des größten gemeinsamen Nenners zu arbeiten, gilt innerhalb der EU das umgekehrte Prinzip. Das Thema Sozialversicherung stellt so eine "Baustelle" dar, das ich jedes Jahr erleben kann. Es herrschen noch immer Grenzen vor, denn es sollte keinen Unterschied machen, ob zwischen Wien und Bregenz oder Wien und Kopenhagen bspw. gependelt wird. Ist doch EU, doch leider ist die eine Distanz innerhalb eines Landes und die zweite zwischen zwei Ländern, and so it begins..

Antworten Gast: Richard Kühnel
14.08.2009 16:07
1 0

Re: Kommunikation hin, Propaganda her

Aber der Umstand, dass Sie in Dänemark überhaupt so ohne weiteres arbeiten und leben können, dass Ihre Qualifikationen angerechnet werden etc, ist wohl auf der Habenseite zu verbuchen? Es ist das Recht auf Freizügigkeit innerhalb der EU, das Ihnen dies in erster Linie ermöglicht. Natürlich gibt es aber, wie Sie sagen, immer noch Baustellen, die EU ist eben "work in progress"...

Antworten Antworten Arethas
14.08.2009 18:24
1 0

Re: Re: Kommunikation hin, Propaganda her

Folgende Überlegungen:
EU als Wertegemeinschaft - welche konkreten Anstrengungen unternimmt die EU, um sicherzustellen, dass Europa in 100 Jahren noch europäisch ist?
Da wohl nicht alle Staaten der Welt aufgenommen werden: Wann ist mit der Erweiterung Schluss?
Die oben angesprochenen Themen sind global: Finanzkrise, Energieversorgung, Klimaschutz, nicht eigentlich europäisch! Was sind Themen, die hauptsächlich die Europäer betreffen?
Die oben angesprochenen Probleme sind doch schon durch
EWG zu lösen, dafür bräuchte es keine EU.

Antworten Antworten Arethas
14.08.2009 17:53
0 0

Re: Re: Kommunikation hin, Propaganda her

Sind Sie echt?

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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