Gehen die Juden den Rechten auf den Leim?

Über die Hoffnung von zahlreichen Juden in Europa, in rechtspopulistischen Parteien ein Rezept gegen den islamistischen Antisemitismus zu finden: Sie ist naiv und zeugt auch von mangelndem politischen Urteilsvermögen.

Medien in Israel berichteten unlängst vom Plan einer schrittweisen Annäherung der jüdischen Gemeinde an die FPÖ. Das Dementi seitens der Israelitischen Kultusgemeinde erfolgte prompt: Einen solchen Plan gebe es nicht! Dennoch ist damit das Thema nicht vom Tisch, weil ihm ein tiefer reichendes Problem zugrunde liegt.

Europaweit bringen sich die Rechtspopulisten nicht nur als wahr- und wehrhafte Hüter des christlichen Abendlandes in Stellung, sondern auch als neue Schutzmacht jüdischer Interessen in Europa. Der Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz und Moskauer Oberrabbiner, Pinchas Goldschmidt, wies in einem Interview mit dem „Kurier“ darauf hin, dass die antimuslimische Propaganda der Rechten nicht wenige Juden in Europa dazu verführe, Rechtspopulisten wie der Chefin des Front National in Frankreich, Marine Le Pen, oder auch dem knapp gescheiterten FPÖ-Präsidentschaftskandidaten, Norbert Hofer, ihre Stimme zu geben.

 

Dreifache Bedrohung

Nicht wenige Juden sehen in den Rechtsparteien das kleinere Übel angesichts eines sich ausbreitenden und radikalisierenden Islamismus und islamischen Antisemitismus mitten in Europa. Diese Hoffnung ist naiv und zeugt überdies von mangelndem politischen Urteilsvermögen.

Die Juden haben es heute mit einer dreifachen antisemitischen Bedrohungslage zu tun. Einmal mit einem gewaltbereiten, sich globalisierenden islamistischen Antisemitismus. Von ihm geht derzeit die größte Gefahr für Leib und Leben der Juden aus. Dann gibt es – fest verwurzelt in den kollektiven Tiefenschichten europäischer Gesellschaften – immer noch einen latenten bis manifesten kirchenchristlichen Antisemitismus.

Es gibt drittens den auf breite gesellschaftliche Zustimmung stoßenden Antizionismus und Antiisraelismus, der zu einer alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringenden, Linke wie Rechte verbindenden Ideologie geworden ist.

Nimmt man diese unterschiedlichen Antisemitismen zusammen, ergibt das eine giftige Mixtur antisemitischer Stereotype, Klischees und Weltverschwörungsfantasien. Die gemeinsame Schnittmenge zwischen diesen drei Antisemitismen ist der Hass auf den jüdischen Staat. Dieser Hass entspringt nicht nur den Köpfen von Migranten aus der Türkei und arabisch-islamischen Herkunftsländern, sondern gedeiht auch auf dem fruchtbaren Boden europäischer Mehrheitsgesellschaften. Das macht die besondere Brisanz der Situation aus.

Sie besteht darin, dass sich islamischer Judenhass mit antisemitischen Ressentiments, die im christlich geprägten kollektiven Unbewussten europäischer Gesellschaften fest verankert sind, zu einer explosiven Mischung amalgamieren. Die europäischen Mehrheitsgesellschaften, insbesondere jene der Nachfolgestaaten des Dritten Reiches, Deutschland und Österreich, haben selbst eine ausgeprägte antisemitische Immunschwäche. Sie vermögen dem islamischen Antisemitismus nichts Entscheidendes entgegenzusetzen.

Nun aber sollen ausgerechnet diejenigen, die nicht müde werden, in diesem antisemitischen Bodensatz zu wühlen und mit antisemitischen Ressentiments, Vorurteilen und Verschwörungstheorien Politik zu machen, die Juden gegen muslimischen Judenhass in Schutz nehmen?

Dass sich die Lage für die Juden durch die Migrationswelle verschärft hat, steht außer Frage. Nach einer 2014 vom britischen Kantor-Center veröffentlichten Untersuchung sind die antisemitischen Angriffe europaweit um 38 Prozent gestiegen. Die Statistik zeigt: Die Mehrzahl der antisemitischen Übergriffe in Europa wird von Muslimen verübt.

Zu Recht hat der amtierende Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, deutlich gemacht, dass viele Asylsuchende aus Kulturen kommen, in denen der Hass auf Juden und religiöse Intoleranz tief verwurzelt sind.

 

Hass differenziert nicht

Empirische Erhebungen geben Schuster recht und machen seine Sorge um die Sicherheit der Juden in Deutschland und anderswo in Europa verständlich: In den Ländern des Mittleren und Nahen Ostens sowie Nordafrikas findet sich weltweit die höchste Konzentration antisemitischer Haltungen – nämlich bei drei Vierteln der Bevölkerung.

Aber all das macht die Rechtspopulisten dennoch nicht zu natürlichen Verbündeten der Juden in der Diaspora. Wer so denkt und wählt, muss sich fragen: Sind die neofaschistischen, rechtspopulistischen Feinde meiner islamistischen Feinde deswegen schon meine Freunde?

Und: Könnte es nicht – schneller als manchen unter den jüdischen Wählern von Hofer oder von Strache lieb sein mag – ein bitteres Erwachen geben, wenn die Rechte einmal an der Macht ist und sich das Blatt im populistischen Wind wieder dreht?

Dazu kommt ein weiterer Umstand: Die zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Polarisierung in der Gesellschaft schaffen ein Klima des Hasses, das nicht nur Muslime trifft. Das aufgeheizte Meinungsklima verschärft die antimuslimischen Ressentiments, und es verschärft auch die antisemitischen Ressentiments. Denn Hass differenziert nicht. Wenn Asylheime brennen, dann können jederzeit auch Synagogen wieder brennen.

Man möge sich nicht der Illusion hingeben zu meinen, im Windschatten der Aversion und Abneigung gegen Muslime in Europa blieben die Juden ungeschoren.

 

Absurde Annahmen

Die Juden werden in den europäischen Gesellschaften um nichts positiver gesehen, nur weil der Islam zunehmend negativ gesehen wird und im Schlagschatten des islamistischen Terrors in Europa die rechtspopulistisch angeheizte Abneigung gegen Muslime in Europa zunimmt. Die wachsende Intoleranz gegenüber Muslimen neutralisiert nicht die gesellschaftlich immer noch fest verwurzelte Phobie vor allem Jüdischen.

Nicht weniger absurd ist die Annahme, die „gemäßigten“ Muslime wären die natürlichen Verbündeten der Juden, weil ja auch sie gegen den islamistischen Terror seien. Abgesehen davon, dass nicht wenige „gemäßigte“ Muslime im Westen Sympathien für den IS und seine radikale Feindschaft gegen ebendiesen Westen und dessen Wertesystem haben – wo denn treten Muslime glaubhaft gegen den Antisemitismus in ihren eigenen Reihen auf?

Ob Zweckbündnisse – seien sie mit Rechtspopulisten oder mit „gemäßigten“ Muslimen – das halten können, was sie versprechen, entscheidet sich an einer einzigen Frage: Wie ernst nehmen sie den Kampf gegen den Antisemitismus, in welcher Erscheinungsform auch immer? Solange hier Zweifel bestehen, sind auch solche Zweckbündnisse zweifelhaft, weil sie ihren Zweck verfehlen: nämlich dazu beizutragen, dass – 70 Jahre nach der Schoah – Juden in Europa ein Leben in Sicherheit und sozialer Anerkennung führen können.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Maximilian Gottschlich (geboren 1948 in Wien) ist emeritierter Professor
für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.
Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema jüdisch-christliche Versöhnung. Sein jüngstes Buch zum Thema: „Unerlöste Schatten – Die Christen und der neue Antisemitismus“, Verlag Ferdinand Schöningh. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2016)

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