1956: Was die Geschichte uns lehrt – und was nicht

Wir empfinden Krisenzeiten immer als singulär - und graben dann doch hilfesuchend nach Parallelen in der Geschichte.

Wir fühlen uns in einem Zeitalter des Epilogs und mäandern zwischen Desillusionierung, Furcht und Erschöpfung. Migration, Umwelt, Klima, Wirtschaftseinbrüche, Politikversagen, Terror: Einmal empfinden wir die Häufung von Krisen als noch nie da gewesen und entwerfen Szenarien vom Untergang der EU, Europas, ja des Abendlandes. Dann wieder graben wir nach Parallelen in der Vergangenheit und bedienen uns für Halt, Trost und Erklärungen aus dem Steinbruch der Geschichte.

Gedenkjahre wie 1914 oder 1945 füllen Bücherregale, helfen aber selten weiter. Manche Jahre sind weniger rund, etwa 1956, bei uns durch die Ungarn-Krise präsent. Bald werden wir den 60. Jahrestag unserer Großzügigkeit in damals eigener Armut feiern und unsere heutige reiche Hartherzigkeit gegenüber Flüchtlingen beklagen. Unsere Erinnerung ist nicht von außen verfälscht, eher von innen zurechtgebogen. Die Ungarn einst wurden durchgewinkt, von 200.000 blieben kaum 18.000. Und rasch war die Grenze – von der anderen Seite – mittels Stacheldraht und Minen wieder dicht. Überforderung kam keine auf. Wir durften uns frei, gut und gefährdet fühlen.

 

Die Wiederkehr des Gleichen?

Doch jenes Jahr 1956 brachte auch die Suezkrise und einen Nahostkrieg mit Involvierung der Weltmächte, bei der der Westen nicht geeint auftrat; der Korea-Krieg mit Millionen Toten war kaum vorbei; Frankreich war gedemütigt aus Indochina abgezogen; die USA machten die Dominotheorie zur Maxime ihrer Außenpolitik; der Algerien-Krieg und die Dekolonialisierung Afrikas änderten Europas Selbstverständnis.

Vom Kommunismus fühlte sich der Westen existenziell bedroht. Wir waren 1956 nicht vom Überleben unseres freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsmodells überzeugt – oder gar von seinem Sieg.

Revolutionen und Bürgerkriege erschütterten Asien, Afrika und Lateinamerika. Fidel Castro und Che Guevara landeten 1956 in Kuba. Befreiungsbewegungen entwickelten eine magische Anziehungskraft. Klammheimliche Häme über Amerikas naiv-aggressive Außenpolitik wurde bei uns fast mehrheitsfähig. Dazu kam – wie auch heute – eine seltsame Selbstbezichtigung moralischer Schwäche, obwohl Europa Ziel von Migration ist.

Zyniker meinen, unser Kontinent mit seinen hochgehaltenen Werten wie Demokratie, Solidarität und Menschenrechten wäre ein Stern, der nur noch aus der Ferne leuchte, während er längst schrumpfende Schlacke sei. Einst koloniale Beherrschung der Welt, heute Kälte gegenüber Flüchtlingen – es ist eine seltsame Sache mit der eurozentristischen Hybris, auch als Umkehrbild: Man kann sich auch in scheinbarer Verwerflichkeit einzigartig fühlen. Im Glorifizieren der Vergangenheit und Schlechtreden der Gegenwart sind wir recht gut. Damals Atom(krieg), heute Klima(katastrophe), damals Kommunismus, heute Islamismus: Aus der Palette unserer Ängste malen wir die Zukunft in den dunkelsten Farben.

Bei der Lektüre von „1984“ dachten wir als Schüler noch: wie absurd. Angesichts des Orwell'schen Newspeak, bei dem Kriege Friedenseinsätze heißen, Flüchtlingskrise nicht Menschen auf der Flucht bedeutet, sondern Krise unseres Gemeinwesens, und Willkommensseligkeit unversehens in Rechtsbrüche kippt, haben Dystopievisionen wie jene Boualem Sansals mit seinem Roman „2084“ wieder Konjunktur. Vorbei die Hoffnung nach 1989, als – etwas verkürzt – Francis Fukuyama ein Ende der Geschichte verhieß.

 

Digitale Stammesgesellschaften

Die Diskussion über Migration zwischen Altruismus und kollektivem Egoismus entwickelt sich vom Kampfsport zum verbitterten Ernst, der den Zusammenhalt Europas erschüttert. Beim Wort Solidarität wittern Osteuropäer eine alte sozialistische Propagandaformel. Viele empfinden Deutschlands Forderung nach gesamteuropäischer Offenheit gegenüber Migration als moralischen Imperialismus. Ein „Wir gegen die anderen“ macht sich breit, und wer nicht mitmachen will, tut sich im Diskurs zunehmend schwer.

Angesichts primitiver Reflexe und politisch korrekter Polemiken zwischen vehement eingeforderter Willkommenskultur und rabiater Islamophobie wird die einst breite Mitte auch sprachlich zerrieben. Wir erleben Alleingänge und Separatismen, ein drohendes Zerbrechen der EU, selbst ihrer Werte, und eine Fragmentierung in gleich gesinnte Gruppen.

Wir suchen Schuldige; Lagerdenken feiert in „sozialen“ Netzwerken fröhliche Auferstehung, mit Rechthaberei bis zur Paranoia.

In den digitalen Stammesgesellschaften wird weniger debattiert als diffamiert und gehasst. Mangel an Streitkultur zieht sich als Lamento durch die postmoderne Systemkritik.

 

Unerfüllte Hoffnungen

Die Aufbruchstimmung 1989 ähnelte in manchem der Stunde null 1945. Wie auch 1956 sehen wir heute die Hoffnungen auf Frieden, Überwindung der Gewalt und Konfliktlösungskompetenz durch EU und Dis-United Nations als nicht erfüllt. Die Weltordnung war auch 1956 keine fest gefügte. Es herrschte die Gefühlslage, in einer unsicheren Zeit zu leben. Doch begannen damals die letztlich erfolgreichen Bewegungen gegen die Rassentrennung in den Vereinigten Staaten und in Südafrika ebenso wie die Entstalinisierung in der Sowjetunion.

Der Kommunismus ist untergegangen. Doch auch der Traum à la Fukuyama von der ultimativen Konvergenz aller globalen Gesellschaften zu freiheitlichen Demokratien ist nicht realisierbar. Selbst das Projekt Europa begeistert im Moment kaum die gutwilligsten Zeitgenossen. In einer Welt aus den Fugen wird Politik als hilflose Verwaltung des Untergangs empfunden. Mut gegen Zukunftsangst wird allenthalben propagiert.

Nicht naive Heilsversprechungen sind gefragt, sondern Herausforderungen sind zu bewältigen. Ressentimentgeladener, populistischer Aktionismus ist kein Schicksal. Gegen Vertrauensverlust und Politikverdrossenheit hilft weniger eine Lobby- oder plebiszitäre, sondern eine Beteiligungsdemokratie mit konstruktiven, moderierten Konsultationsverfahren.

 

Endzeit oder Déjà-vu?

Etliche Analogien drängen sich auf. Manche führen in die Irre. Herbeizitierte historische Vergleiche haben eine Tendenz zu hinken, auch jene mit dem Jahr 1956, als es dank Konjunktur jährlich mehr zu verteilen gab. Doch eine gelassene Rückschau kann helfen, uns etwas hellsichtiger Fragen zu stellen.

Die Geschichte kann eine hervorragende Lehrerin sein. Gute Lehrer sind bekanntlich nicht jene, die uns Fakten einbläuen, sondern solche, die genaues Hinsehen schulen, unsere Offenheit und Urteilsfähigkeit in komplexen Situationen fördern. Konflikte sind Teil der Natur. Wir Menschen haben die Möglichkeit, sie zu managen, auch solche um Verteilung und soziale Gerechtigkeit.

Karl Popper wusste, dass uns nicht Geschichte, Theorien oder Prophezeiungen beherrschen dürfen, sondern unser Verstand und unsere Verantwortung.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Gunther Neumann
(*1958 in Linz) studierte Geschichte, Anthropologie und Internationale Beziehungen an der Uni Wien. Er war 20 Jahre lang in leitender Position bei internationalen Organisationen tätig, u. a. als stellvertretender Direktor bei der OSZE. Heute ist er Vizepräsident des Kelman Institute for Interactive Conflict Transformation. [ Nambou Mounikou] ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2016)

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