Wer nicht mit dem Gesetz Gottes regiert . . .

Eine Terrorwelle überrollt die Türkei. Aber anstatt die Politik zu überdenken, erfindet Ankara immer neue Feinde des Islam.

Innerhalb eines Jahres wurden in der Türkei bei etwa 20 Attentaten mehr als 300 Menschen getötet und über 1000 verletzt. Und den jüngsten, dem islamischen Staat zugeschriebenen Attacken dürften in den kommenden Monaten weitere folgen – zumindest wurde das von der Terrormiliz in ihren Medien angekündigt. Damit sind die türkischen Pläne einer Neuordnung der Region, auch wenn nun auf nationaler wie internationaler Ebene Korrekturen anstehen, als gescheitert zu erachten.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass hinter dem Anschlag in Istanbul offenbar Terroristen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion stehen – Subjekte also, die in muslimischen Kreisen stets als heldenhafte Kämpfer gegen die Ungläubigen gefeiert wurden. Nun scheinen sich diese Kämpfer als Geister zu erweisen, die man rief und nicht mehr loswird, indem sie sich gegen ihre eigenen Verehrer wenden, das Spektrum ihrer Angriffsziele also um Angehörige ihrer eigenen Religion erweitern.

Gemäß der Theologie, auf die auch der IS sich beruft, sind nicht nur Menschen, die nicht beten – wie ein bekannter türkischer Theologe erst kürzlich verlauten ließ –, weniger wert als Tiere, sind nicht nur die Juden Feinde Gottes, deren Anerkennung – so ein anderer Theologe in einem seiner staatlich finanzierten Vorträge – in Widerspruch zum Wort Gottes stünde.

 

Theologie der Ausgrenzung

Diese Theologie besagt auch, dass Muslime, die außerhalb eines islamischen Staates leben, den Zorn Gottes auf sich ziehen. Wer der Einladung, in einem islamischen Staat zu leben, nicht folgt, kann kein wahrer Muslim sein.

Solche Äußerungen, auch wenn sie nicht explizit zu Gewalt aufrufen, bereiten dennoch einer Geisteshaltung den Weg, die sich berechtigt wähnt, gegen andere, abweichende Lebensweisen vorzugehen: Hat man bestimmte Menschen einmal – theologisch fundiert – als minderwertig bezeichnet und damit ihr Existenzrecht infrage gestellt, ist nicht nur jegliche Empathie für sie hinfällig. Im Gegenteil – dann liegt der Gedanke nicht fern, dass sie eigentlich vernichtet gehörten und man selbst aus heiliger Pflicht, als Werkzeug Gottes zur Tat schreiten müsse.

Die türkische Regierung könnte sich angesichts der jüngsten Ereignisse die Frage stellen, warum über 10.000 Landsleute in den Reihen des IS ihr eigenes Land mit Terror überziehen. Sie könnte zum Schluss kommen, dass religiöse Fanatisierung früher oder später – siehe Ägypten und andere islamische Länder – in Gewalt umschlägt und diese Ereignisse zum Anlass nehmen, ihre Islamisierungspolitik zu überdenken.

Dies auch deswegen, weil in der Türkei neben dem IS noch eine andere Gefahr heranwächst, ausgehend von der Muslimbruderschaft und der Hamas. Zwar dient die Türkei diesen Organisationen als Basis für die weltweite Propagierung des politischen Islam, bei dessen Durchsetzung mit den Mitteln des Terrors sie sich der großzügigen Förderung seitens des türkischen Staates erfreuen dürfen.

Scheich Qaradawi, ein Gelehrter der Muslimbruderschaft, hat Recep Tayyip Erdoğan denn auch zum Beschützer des Islam und der Scharia erklärt. Noch richtet sich deren Terror nicht gegen Erdoğan, sondern gegen Ägypten und Syrien. Doch auch ohne über eine prophetische Gabe zu verfügen, kann man sich dessen gewiss sein, dass die Türkei ins Visier auch der Hamas oder der Muslimbruderschaft geraten wird, sollten diese Kräfte zum Befund gelangen, sie lasse es an der Wahrnehmung der ihr zugedachten Aufgabe mangeln.

 

Religiöse Sekten als Verbündete

Ein nicht weniger besorgniserregender Faktor, der in der Politik der Türkei eine gewichtige Rolle spielt, ist die Vielzahl an religiösen Sekten und Stiftungen. Präsident Erdoğan pflegt seine Verbündeten nicht unter Intellektuellen zu suchen, sondern wendet sich diesbezüglich immer wieder religiösen Gruppen zu, die ihn als einen Führer der Muslime verehren. Daher zeigt er selbst nach so manch bitterer Erfahrung mit diesen Kreisen wenig Bereitschaft, deren Einfluss auf die Politik einzudämmen. Vielmehr lässt er, fällt eine Gruppierung in Ungnade, sogleich eine andere an deren Stelle treten.

Doch selbst wenn die Türkei aus den letzten Terroranschlägen gelernt haben und ihr Verhalten diesen Organisationen gegenüber korrigieren sollte, bleibt eine andere – die eigentliche – Herausforderung bestehen, nämlich die Neudefinition der Rolle der Religion in der Gesellschaft aus einem säkular-pluralistischen Gesellschaftsverständnis heraus.

Solange die immer mehr dem Salafismus zuneigenden theologischen Fakultäten und Stiftungen, die sich hauptsächlich durch religiösen Dogmatismus und die Erteilung von Denkverboten auszeichnen und reformorientierte Theologen in die Isolation treiben, mit Wohlwollen und Förderung des Staates rechnen können, wird sich die Gesellschaft immer wieder mit theologisch begründeter Gewalt konfrontiert sehen.

 

Muslime in der Opferrolle

Ein weiteres wichtiges Element der türkischen Außen- wie Innenpolitik, das auch eine Herausforderung für die in Europa lebenden Muslime darstellt, ist die Bekräftigung der Opferrolle der Muslime. Das ist auch der Grund, warum der Türkei daran gelegen ist, die Islamophobiedebatte in Europa – unter Einsatz beträchtlicher Mittel – zu fördern und möglichst viele Menschen in diesem Sinn zu mobilisieren.

In dieser Debatte geht es nicht darum, wie die Lage der Muslime im Westen verbessert werden kann, sondern um die Verfestigung einer altbekannten Ideologie, die mit der Parole des Kampfes gegen den dekadenten Westen jeden Anflug von Kritik an der türkischen Religionspolitik als Islam-feindlich diffamiert. Dieser Kampf schließt auch ein, alle Kritiker im Land als Handlanger ausländischer Staaten und derer Geheimdienste zu diskreditieren und mit Schikanen zu belegen; davon betroffen sind Intellektuelle, Künstler, Journalisten, Akademiker und Studierende.

Die fatale Konsequenz, die die Muslime aus diesen Entwicklungen ziehen, ist, dass sie ihre Lage als im Namen der Religion zu erbringendes Opfer hinnehmen und ihnen aus der Perspektive ihrer selbstauferlegten Opferrolle jegliche religiöse Strategie gegen vermeintliche Feinde recht ist. Ablehnung und Ausgrenzung gelten als Prüfung Gottes für seine Auserwählten.

 

Schwäche als Stärke verkauft

Anstatt die zahlreichen Anschläge zum Anlass zu nehmen, die Rolle der Sicherheits- bzw. Religionspolitik infrage zu stellen, erfindet man stets neue Feinde des Islam. Die eigene Schwäche wird als Stärke verkauft, um den Menschen die Gründe zu nehmen, ihre eigene Rolle zu hinterfragen und die Missstände in der Politik kritisch zu beleuchten.

Man möchte hoffen, dass die vom Terror betroffenen Länder, aber auch jene, denen ein solches Schicksal droht, ihre Politik und deren Signale, die terroristische Gruppen als Ermunterung auslegen könnten, überdenken und damit ihren Willen unter Beweis stellen, Frieden und eine stabile gesellschaftliche wie wirtschaftliche Entwicklung herbeizuführen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR




Ednan Aslan
(geboren 1959 in Bayburt, Türkei) studierte ab 1980 Sozialpädagogik, Politikwissenschaften und Pädagogik in Esslingen, Tübingen, Stuttgart, Klagenfurt und Wien. Seit 2008 Universitätsprofessor für islamische Religionspädagogik am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a.: Islam in Europa, Theorie der islamischen Erziehung. [ Jenis ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2016)

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