Säkularität in die Verfassung

Wichtig ist nicht, dass es Freiheit für Religion gibt, sondern auch Freiheit von Religion.

Die Religionsfreiheit wird auch seitens der Kirche als wichtig empfunden, obwohl von der Aufklärung gegen den Widerstand der Kirche durchgesetzt. In der Tat ist Religionsfreiheit für die moderne Welt eine der Stützen für ein friedliches Zusammenleben, vor allem in einer globalisierten Welt, in der es viele Religionen gibt, die alle behaupten, die Wahrheit zu vertreten.

Die großen Kirchen haben sich damit arrangiert und halten Seminare ab, wie man zu einem friedlichen Zusammenleben mit anderen Religionen kommt, meist unter dem Titel „Dialog mit . . .“.

 

Keine Vorschriften

Dass es Menschen gibt, die solche Seminare gar nicht brauchen, liegt daran, dass sich diese Menschen heraushalten und anderen keine Vorschriften machen wollen, was sie zu denken und zu tun haben. In Anlehnung an Farkas könnte man formulieren, dass die Religion uns von den Problemen befreit, die wir ohne sie gar nicht gehabt hätten. Diese Menschen schwören auf Religion im stillen Kämmerlein oder überhaupt auf Religionsabstinenz. Aber sie schwören auch wie einst Voltaire darauf, dass sie ihr Leben dafür geben wollen, dass der andere seine Meinung sagen kann, auch wenn sie diese für falsch oder vielleicht sogar für kompletten Stuss halten.

Dafür ist wichtig, dass es nicht bloß Freiheit für Religion gibt, sondern auch Freiheit von Religion. Viele Religionen tun sich damit schwer und wollen – auf gut Österreichisch – das Semmerl und das Weckerl. Man kann nicht die Freiheit der Religion in Anspruch nehmen und die Freiheit von Religion verweigern. Auch bei größter Toleranz muss man der Religion Grenzen setzen, vor allem dann, wenn Menschen aus einem Land kommen, in dem mir als Atheisten der Tod drohte.

In den meisten Ländern haben Atheisten noch mit großen Nachteilen im Berufsleben zu rechnen. Ein Mormone, der an die Offenbarung eines Joseph Smith auf zwei vergrabenen Goldplatten glaubt, wonach die Ureinwohner Amerikas aus Palästina stammen, kann jederzeit Präsident werden, nicht aber ein Atheist.

Einwanderer müssen nicht die gleiche Kultur haben, und Parallelgesellschaften gibt es eine ganze Menge. Aber sie müssen die gleichen Werte vertreten, die unsere Gesellschaft zusammenhält, dazu gehören die Religionsfreiheit mit der Freiheit von Religion. Egal, ob blau, grün, rot oder schwarz: Menschen, die andere verachten, weil sie ungläubig sind, disqualifizieren sich selbst für das Leben in Österreich.

 

Freibrief für Attacken

Religionsfreiheit klingt gut in den Ohren von Gläubigen, heißt aber natürlich nicht, dass sie tun können, was sie wollen oder was dem Religionsgründer an Abstrusitäten einfiel, wie Polygamie, Zwangsehen etc. Religion wird leicht zum Freibrief für Attacken gegen andere, die die Religion nicht teilen, bis hin zu Mord und Terror unserer Tage, weil scheinbar von Gott gebilligt oder sogar beauftragt.

Was uns jedoch wirklich heilig sein sollte, ist die Religionsfreiheit und nicht die Religion. Denn diese tendiert immer dazu, sich und ihren Gott wichtiger zu nehmen als die Rechte eines Bürgers. Es wäre Zeit, nicht Gott, sondern die Säkularität in der Verfassung zu verankern.

Der Autor ist Vorsitzender des Freidenkerbundes Österreich und des Zentralrats der Konfessionsfreien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2016)

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