Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht voran“ – so lautet das berühmte Zitat des belgischen Diplomaten in österreichischen Diensten, Charles Joseph de Ligne, aus der Zeit des Wiener Kongresses. Diplomatisch ging es auch beim dreitägigen Olympischen Kongress in Kopenhagen zu. Die Welt der Olympischen Bewegung hat sich vollständig versammelt, um ihre wichtigsten strategischen Themen zu beraten: aktuelle und ehemalige Staatsoberhäupter, die Hocharistokratie und Industrielle mischen sich mit einer Heerschar an ehren- und hauptamtlichen Sportfunktionären aus den 205 Nationalen Olympischen Komitees und den 33 olympischen Sportverbänden sowie einer Entourage aus Sponsoren und Medien.
Gleich zur Eröffnung schmückt sich der autonom organisierte und selbstregulierte Sport mit einem Referat von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon. Alles könnte so schön sein, wenn es da nicht ein kleines Problem gäbe: Die Jugend droht, das Interesse an Olympischen Spielen zu verlieren.
IOC-Präsident Jacques Rogge ist die Dramatik dieser Situation schon länger bewusst. Rogge ist klar, dass sich die strukturkonservative Olympische Bewegung verändern muss, um für die Kinder und Jugendlichen des 21. Jahrhunderts relevant zu sein. Da geht es nicht nur um ein Vermittlungsproblem, um die Unbeholfenheit im Umgang mit den Möglichkeiten des Internets, sondern auch um die Substanz. Die Marketingmaschine IOC – die übrigens kaum Overheadkosten hat – hat Probleme mit ihren Produkten. Doping, Wettbetrug und Korruption in den eigenen Reihen greifen die Glaubwürdigkeit der Olympischen Spiele an. Die Öffentlichkeit ist kritischer geworden, die Werte verschieben sich: mit einer Kultur, die eine Goldmedaille über Gesundheit und Leben stellt, wollen viele Junge nichts zu tun haben. Auch ehrgeizige Talente gehen lieber Skateboarden und Sportklettern, unverkrampft und mit ungleich mehr Freude als im olympischen Spitzensport.
Sommerspiele für 15- bis 18-Jährige
Für eine Organisation wie das IOC, die sich der Vermittlung der olympischen Idee und der olympischen Werte „Streben nach Exzellenz“, „Freundschaft“ und „Respekt“ verschrieben hat, ist ein Verlust an Vertrauenswürdigkeit besonders bedrohlich. Wenn die emotionalen Geschichten der Olympischen Spiele nicht mehr stimmig sind, lässt zwingend auch die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit nach. Der Olympische Kongress diskutiert diesen Themenkreis in homöopathischen Dosen, immerhin würden ernsthafte Veränderungen jeden Einzelnen der Versammelten ganz persönlich betreffen.
Der deutsche Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette spricht von der Unfähigkeit des Sports zur Selbstreflexion. Dazu müsste nämlich über das von der eigenen Biografie bestimmte Alltagsdenken und über anekdotische „Wahrheiten“ hinaus gedacht werden. Vielfach überfordern selbst relativ einfache Aufgaben, wie beispielsweise negative Folgewirkungen des Sporttreibens zu erkennen und vorbeugend zu berücksichtigen. Was not tut: die Öffnung hin zu neuen Partnern in Gesellschaft und Jugendkultur sowie die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit denselben.
Die von IOC-Präsident Rogge initiierten Olympischen Jugendspiele sind dafür ein gutes Beispiel. Die ersten Sommerspiele der 15- bis 18-Jährigen finden 2010 in Singapur, die ersten Winterspiele 2012 in Innsbruck statt. Die Herausforderung wird dabei sein, die altehrwürdige olympische Tradition mit Sphären wie Tanz, Musik, sozialen Netzwerken im Internet und sogar Mode zu verbinden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2009)
















