Der idyllische freie Markt? Den gibt es nicht!

Folgen einer verfehlten Agrarpolitik auf EU- und auf nationaler Ebene.

Essen – wir alle brauchen es täglich. Trotzdem wissen nur noch wenige, was hinter unseren Lebensmitteln steckt. Die romantischen Bilder in der Werbung und im Supermarkt suggerieren beim Einkaufen, dass wir in Österreich nur die Wahl zwischen „gut“ und „besser“ haben. Wer allerdings einen Blick über den Regalrand hinaus wirft, sieht die äußerst unromantische Realität.

„Die Landwirtschaft ist auf dem Markt angekommen“, heißt es dazu im Dokumentarfilm „Bauer unser“. Die Devise dazu lautet „Wachse oder weiche“. Angesichts der milliardenschweren Subventionen für den Agrarsektor scheint es für viele längst überfällig, dass sich auch die Landwirtschaft dem Kapitalismus beugen sollte.

Doch gerade auf Bauernhöfen zeigt sich, warum man nicht immer nur rechnen darf und warum der freie Markt nicht alles regeln kann. Ökonomisch betrachtet wäre es beispielsweise manchmal vernünftig, ein krankes Jungtier ohne Behandlung verenden zu lassen, da die Behandlungskosten den finanziellen Wert des Tieres übersteigen.

Freier Markt bewirkt auch eine stärkere Ausbreitung der industrialisierten Landwirtschaft, und bäuerliche Familienbetriebe sind gezwungen, ihre Höfe aufzugeben. Die Konsequenz ist eine Intensivierung der Produktion in den Gunstlagen und eine Aufgabe der Landwirtschaft in benachteiligten Gebieten.

 

Veränderte Kulturlandschaft

Die daraus resultierenden Veränderungen in unserer Kulturlandschaft und der Rückgang der ökologischen Vielfalt wirken sich letztendlich auch ökonomisch negativ auf uns alle aus (etwa in Bezug auf Erholungswert oder Tourismus).

Da auch höhere Preise für agrarische Urprodukte diese Mechanismen nicht durchbrechen können, scheinen staatliche Ausgleichszahlungen für Leistungen, die der Markt nicht honoriert, sinnvoll. Im Speziellen wären das Förderungen von ökologischen Maßnahmen in Verbindung mit einer Unterstützung von kleinbäuerlichen Familienbetrieben.

 

Forcierter Strukturwandel

Diese Kombination wäre laut Einschätzung von Experten des Weltagrarrates das vielversprechendste Mittel, um den weltweiten Hunger zu bekämpfen und die Umweltschäden, verursacht durch die Landwirtschaft, zu reduzieren. Sowohl auf EU- als auch auf nationaler Ebene wurde es bisher allerdings verabsäumt, mithilfe von Subventionen die Landwirtschaft gezielt in eine zukunftsfähigere Richtung zu lenken.

Zwar gibt es zielgerichtete Zahlungen für Umweltleistungen. Ein Großteil der Förderungen ist aber nach wie vor flächenbezogen, wodurch der Strukturwandel weiter vorangetrieben wird. Durch diesen gehen Arbeitsplätze in ländlichen Regionen verloren und betriebswirtschaftliche Entscheidungen auf Kosten von Mensch, Tier und Umwelt rücken verstärkt in den Vordergrund.

Die kurzfristigen Maßnahmen der Politik, um landwirtschaftliche Betriebe in der derzeitigen Situation finanziell zu unterstützen, wirken visionslos. Der beschlossene teilweise Erlass der Sozialversicherungsbeiträge für alle Betriebe im 4. Quartal 2016 als Entschädigung für geringe Preise und wetterbedingte Ertragseinbußen beispielsweise hilft keinem Betrieb zu überleben und verstärkt das negative Image der Bauernfamilien als Almosen-Empfänger.

Hinzu kommt, dass dieses Geld früher oder später der Sozialversicherung fehlen wird. Wenn die Agrarpolitik und unsere Standesvertretung ihren Kurs nicht ändern, wird es in Zukunft nicht mehr viele geben, deren Interessen sie zu vertreten haben.

Dr. Paul Ertl studierte Agrarwissenschaften an der Universität für Bodenkultur Wien und ist Biobauer in Spittal an der Drau, Kärnten.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2017)

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