Immer wieder gibt es Nachrichten über Gewalt in der Schule, über Amokläufe mit Todesfolgen. Die Diskussion darüber läuft nach einem bekannten Ritual ab. Alle sind betroffen. Es melden sich Fachleute zu Wort, Maßnahmen werden empfohlen: mehr Polizei, mehr öffentliche Kontrolle, mehr Gewalttraining, mehr soziale und psychologische Betreuung, härtere Strafen. Nachdem dieses Ritual abgelaufen ist, kehrt man zum Alltag zurück. Die Bildungspolitik schwadroniert über die Abschaffung des Sitzenbleibens, und eine betriebsame Leere bestimmt die Diskussion, niemand redet noch von Haltung und Charakter.
Es lässt sich aber nicht übersehen, dass hier ein Problem herandrängt, das über die tragischen Einzelfälle hinausgeht: dass hier eine Generation heranzuwachsen scheint, die nicht weiß, was Disziplin ist, die die Achtung vor dem Menschenleben verloren zu haben scheint, denen die Anerkennung der Autorität von Eltern und Lehrern gründlich ausgetrieben ist.
Die gängige Analyse wird schnell auf bekannte Phänomene stoßen: Die Jugendlichen haben keine Perspektive, sie haben keine Frustrationstoleranz, sie erleben in den Medien und bekannten Computerspielen, dass Gewalt zum Erfolg führt. Alles das kann man beklagen. Diese Klage wird angesichts der Tendenzen der gegenwärtigen Bildungspolitik scheinheilig. Schon in den Schulen und in manchen Elternhäusern herrscht genau jener Geist, und die Erziehungswissenschaft hat sich zur Komplizin dieser Tendenz gemacht.
Der andere ist nicht nur Konkurrent
Ihre Programme sind auf brauchbare und messbare Leistungen ausgerichtet. Der andere wird als Konkurrent gesehen, allenfalls noch als Mitarbeiter im Team. Erziehung zur Mitmenschlichkeit kommt weder in der Schule noch im gesellschaftlichen Leben vor. Mitleid wird als Schwäche ausgelegt. Die Schule gerät mit PISA und den anderen Evaluationsvorhaben in einen ständigen Konkurrenzkampf über die bessere Lerneffektivität. Hier hat Erziehung keinen Platz, es geht nicht mehr um Haltung, Charakter oder Gewissen. Wissen und Können dienen vorwiegend dem profitbringenden Nutzen. Wer spricht heute noch davon, dass man lernen muss, mit seinem Wissen verantwortlich umzugehen? Auch in der Schule hat die Frage nach dem Sinn des Wissens vor dem lauten Gerede von Kompetenzen, Modulen und Evaluationen keinen Ort.
Sinnfragen werden, weil mögliche Antworten sich nicht in Zahlen oder Statistiken fassen lassen, erst gar nicht gestellt. Das gilt auch für pädagogische Hochschulen. Im Wahn von moderner Wissenschaftlichkeit haben sie sich ganz und gar der Förderung des instrumentellen Gebrauchs der Vernunft ergeben. Philosophisches Denken wird gerade noch als schöngeistiger Oberbau zugelassen.
Im Zeichen eines platten Pluralismus wagt auch niemand, eine eindeutige Position zu beziehen, damit er nicht als Dogmatiker diskriminiert wird.
Und die Religion: Auch sie verflacht in einem nichtssagenden Pluralismus und geriert sich vielfach skeptisch, sie glaubt, keine orientierende Antwort mehr anbieten zu können. Will man der zunehmenden Gewaltbereitschaft pädagogisch entgegentreten, dann muss Erziehung wieder als zentrale Aufgabe der Pädagogik anerkannt werden. Es geht nicht um die Anhäufung messbarer Wissenschaftsdaten, sondern darum, sich um Argumente zu bemühen, auf den anderen zu hören, ihn in seinen Auffassungen ernst zu nehmen, ohne sich anzupassen. Auch das pädagogische Prinzip des Dialogs ist kein Freibrief für geschwätzige Standpunktlosigkeit, auch er fordert Disziplin. Disziplin ist kein Unwort, sondern ein bleibendes Gebot, das nicht deshalb falsch ist, weil die Nationalsozialisten diese missbraucht haben.
Dr. Marian Heitger, geb. 1927 in Deutschland, ist Erziehungswissenschaftler und emeritierter Professor an der Universität Wien.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2009)















