21.11.2009 14:53 | Meine Presse Merkliste0

Ein Hilfeschrei aus der Schule!

GASTKOMMENTAR VON HARALD WALSER (Die Presse)

Es liegt vieles im Argen im österreichischen Schulsystem. Mehr Sanktionsmöglichkeiten werden die Probleme aber nicht lösen.

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Die Jugend liebt heute den Luxus, hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität“, vor allem aber „tyrannisiert sie die Lehrer“. Darauf will nun endlich jemand reagieren. Der Christgewerkschafter Walter Wernhart hat genug von „Schülern, die dem Lehrkörper keinen Respekt mehr entgegenbringen“, und möchte, dass „Lehrer wieder strafen dürfen“. Übrigens: Das Eingangszitat wird Sokrates zugeschrieben und ist somit fast 2500 Jahre alt.

Also die Forderung nach mehr Strafen schlicht ignorieren? Natürlich nicht. Man kann zwar darauf verweisen, dass wir schon jetzt eine Reihe von Sanktionsmöglichkeiten haben: die Vorladung der Erziehungsberechtigten, das Versetzen in die Parallelklasse, die Verständigung des Jugendamtes, die Verhaltensnote, den Ausschluss von Schulveranstaltungen usw. An den Schwierigkeiten vieler Kinder, ihrer Eltern und eben auch der Lehrerinnen und Lehrer ändert das aber nichts.

Ob Jugendliche heute disziplinierter oder undisziplinierter sind als früher, können wir objektiv nicht feststellen. Sicher aber ist, dass sie anders sind. Im Zeitalter von Videoclips und Internet sind Kinder und Jugendliche ständig vielfältigen medialen Reizen ausgesetzt und können oft kaum mehr konzentriert arbeiten. Die Ergebnisse der Hirnforschung – etwa jene von Manfred Spitzer – bestätigen das. Unser Schulsystem reagiert darauf aber kaum: Es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten fast nicht verändert.


Benachteiligte Kinder

Typisch sind die zunehmend feststellbaren Sprachdefizite vieler Kinder. Betroffen sind hauptsächlich – aber nicht nur – Kinder aus einem migrantischen Umfeld. Die letzte Sprachstandsfeststellung hat ergeben, dass jedes vierte Kind 15Monate vor Schuleintritt sprachlichen Förderbedarf hat und eigentlich spezielle Unterstützung bei der Sprachaneignung braucht. Unser Schulsystem ist zwar sehr teuer, aber nicht in der Lage, auf dieses Problem zu reagieren. Somit kommen in Österreich jedes Jahr fast 20.000 Kinder in die erste Klasse Volksschule, die von Anfang an keine reelle Chance auf einen erfolgreichen Schulabschluss haben. Wundert es da noch jemanden, dass 21,5Prozent unserer Jugendlichen nach absolvierter Schulpflicht nicht sinnerfassend lesen können?

Unser Schulsystem ist nicht nur ineffizient, es benachteiligt auch Kinder aus unterprivilegierten Familien. Wenn die Eltern einen Studienabschluss haben, liegt für ein Kind die Chance, in die AHS-Unterstufe zu kommen, bei 79 Prozent. Wenn die Eltern maximal einen Pflichtschulabschluss haben, liegt die Chance bei zehn Prozent. Diese Ungerechtigkeit erzeugt Frust und Aggression bei den Jugendlichen, setzt zudem eine negative Spirale in Gang und mindert so die Lernleistung, was wiederum zu größerem Stress bei Lehrern führt usw.


Burn-out bei Lehrern

Die Lehrerschaft wird mit diesen Problemen alleingelassen. Das viel zitierte Burn-out ist eine Folge. In Finnland ist das anders, Burn-out bei Lehrerinnen und Lehrern fast unbekannt. Dort ist die Lehrerschaft dazu da, wofür sie ausgebildet wurde: zum Unterrichten. Und dazu gibt es an den Schulen, je nach Schultyp, bis zu 14 Prozent unterstützendes Personal – aus den Bereichen Sozialarbeit, Psychologie, Logopädie, Legasthenie, Dyskalkulie usw. Bei uns hingegen sollen Lehrerinnen und Lehrer alle anfallenden sozialen und psychologischen Probleme ihrer Schülerinnen und Schüler selbst lösen.


Keine Freude am Lernen

Eltern und Lehrerinnen/Lehrer machen dieselbe grundlegende Erfahrung: Die meisten Kinder kommen neugierig und lernbegierig in die Schule, viele verlieren aber mit zunehmendem Alter die Freude am Lernen. Das ist – auch – eine Frage des Schulsystems und der Rahmenbedingungen. Alternativschulen und auch immer mehr staatliche Schulen zeigen, wie es geht: Dort bleiben Kinder neugierig, können im Unterricht forschen und entdecken, werden teamfähig, behalten und entwickeln die Freude an der Auseinandersetzung mit dem Stoff. Doch die paar guten Beispiele sind zu wenig. Es liegt vieles im Argen im österreichischen Schulsystem. Mehr Sanktionsmöglichkeiten werden die Probleme nicht lösen, doch die Forderung danach ist als Hilfeschrei zu verstehen. Wir tun gut daran, genau hinzuhören!

Dr. Harald Walser (*1953) ist Germanist,

Historiker und Bildungssprecher der „Grünen“. www.haraldwalser.at


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2009)

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5 Kommentare
Gast: Donald
29.10.2009 11:26
0 0

Wie rührend

"...dass jedes vierte Kind 15Monate vor Schuleintritt sprachlichen Förderbedarf hat und eigentlich spezielle Unterstützung bei der Sprachaneignung braucht. Unser Schulsystem ist zwar sehr teuer, aber nicht in der Lage, auf dieses Problem zu reagieren. Somit kommen in Österreich jedes Jahr fast 20.000 Kinder in die erste Klasse Volksschule, die von Anfang an keine reelle Chance auf einen erfolgreichen Schulabschluss haben."

Da kommen einem glatt die Tränen. So schriebt einer, der klug daherquatschen will, aber von der Materie keine Ahnung hat.
Fakt ist, dass die überwiegende Mehrheit der ach so armen Jugendlichen mit Migrationshintergrund gar nicht die deutsche Sprache lernen will. Grund: Dies würde ja ein bisschen Leistungsbereitschaft und Anstrengung erfordern, und das ist diesen Leuten oft absolut fremd.
Da ist es doch viel einfacher, mitleidheischend zu jammern und zu klagen, wie schwer nicht alles sei.

Stephanos
24.10.2009 01:48
0 0

Undiszipliniert?

Keine Spur davon am Montag. Da wähnt man sich in einem Altersheim, so erschöpft wie sie vom Wochenende sind.

Gast: Bösewicht
23.10.2009 12:16
5 0

.

Der Herr Walser hat Recht, es gibt genug Sanktionsmöglichkeiten. Man müsste diese lediglich aktivieren.

Die verhaltensoriginellen Kinder werden einfach in eine Klasse zusammengefasst und von eine(r/m) grünen Sozialpädagog(i/e)n beaufsichtigt. Sitzenbleiben gibt es nicht, nach Absitzen der vorgeschriebenen Schulzeit gibt es ein Maturazeugnis, mit dem Vermerk, dass diese Kinder einen besonderen sozialpädagogischen Schwerpunkt aufweisen.

Die übrigen, lernwilligen Kinder bleiben in ihren Klassen und können endlich ungestört lernen und sich entwickeln.

Antworten Gast: Schüler
24.10.2009 00:30
0 1

Re: .

Wir brauchen keine Sanktionsmöglichkeiten, wir sind schon genug durch diese asoziale, arrogante, schwarze Profitgier-Politik gestraft, die alles niederwalzt.

Wenn die erwachsene Gesellschaft etwas von den Jungen fordern will, darf sie sich nicht selbst wie der letzte Mensch aufführen, sondern muss ein besseres Vorbild sein.

Viele Junge ziehen sich in ihre Computerwelt zurück, weil sie sich dort wenigstens sicher fühlen.

Bei Leuten wie Grasser findet die Justiz keinen Disziplinierungsbedarf und die verarmten Schüler sollen sich in Disziplin üben? Die üben sich unentwegt in Disziplin, sonst wären sie an der ganzen Ungerechtigkeit schon längst explodiert!

Die Jungen haben genug von rücksichtslos profitgierigen Blutsaugern, Politikern, Managern und Nazi-Ideologen, die allen anderen keinen Respekt mehr entgegenbringen!

Gast: Lehrer
23.10.2009 10:34
1 0


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