Es geht um unsere gemeinsame Uni!

Auch wenn Minister Hahn nun nach Brüssel flüchtet, ist damit noch keine Änderung der Wissenschaftspolitik durchgesetzt.

Die Taktik, sich durch ein schnelles geradliniges Studium und eine Vielzahl von Gratispraktika doch noch eine berufliche Zukunft zu sichern, ist in den letzten Jahren für zunehmend weniger Studierende aufgegangen. Irgendwann waren die Hörsäle so überfüllt, dass auch das schnelle Schmalspurstudium des Bachelors keinen Ausweg mehr bot. Wer auf die Studierenden hörte, konnte schon seit Jahren eine wachsende Unzufriedenheit und eine berechtigte Kritik an den Studienbedingungen hören.

Nicht zu Unrecht vermutete manch eine Studentin, dass die Studierenden mit den schlechten Studienbedingungen einfach hinausgeekelt werden sollten. Trotzdem brachte unter den verschärften Studienbedingungen lange kaum jemand die Zeit auf, sich für Proteste zu organisieren. Mit Beginn dieses Studienjahren ist diese Stimmung gekippt. Die letzten Jahre haben tausende Studierenden gelehrt: Wer eine Universität als Raum der Forschung und Lehre sowie der kritischen Reflexion über Gesellschaft und Wissenschaft will, muss um diese kämpfen!

Die plötzlich an das Licht der Öffentlichkeit tretende Studierendenbewegung scheint eine wirkliche Basisbewegung zu sein – mit allen Vor- und Nachteilen: Sie ist spontan und unberechenbar, hat aber auch mit inneren Widersprüchen zu kämpfen. So kam es in den letzten Tagen etwa immer wieder zu Problemen mit sexistischen Übergriffen männlicher Studierender gegen Studentinnen. Viele Aktivisten scheinen hier allerdings lernfähig zu sein, gegen Sexismus in den eigenen Reihen vorzugehen.

 

Prekaristische Arbeitsverhältnisse

Mit ihren Forderungen kämpfen die Studierenden jedenfalls nicht nur für ihre eigenen Studienbedingungen, sondern für unsere Universitäten als Orte der Lehre und Forschung. Die Verteidigung des freien Hochschulzugangs, die Demokratisierung und Ausfinanzierung der Universitäten, die Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetz, eine 50%-Frauenquote beim universitären Personal und die Umwandlung prekärer Dienstverhältnisse an den Universitäten in dauerhaftere und sozial abgesicherte Arbeitsplätze sind auch im Interesse der Lehrenden!

Große Teile der Lehre wird an den österreichischen Unis mittlerweile von prekarisierten Wissenschaftlern abgehalten. In der untersten Reihe der universitären Hackordnung befinden sich die Lektoren. Diese bekommen immer nur von Semester zu Semester Verträge für einzelne Lehrveranstaltungen. Es sitzen zwar immer mehr Studierende in einer Lehrveranstaltung, dafür bekommen sie aber keinen Cent mehr bezahlt. Selbst motivierte Lehrende können mit 80 Studierenden in einem Seminar nicht dieselbe Qualität der Lehre bieten wie bei 20 Studierenden. Obwohl Lektoren in vielen sozial- und geisteswissenschaftlichen Studienrichtungen über die Hälfte der Lehre abhalten, haben sie in den meisten Studienrichtungen weder ein Büro noch sonst eine Infrastruktur. Wer neben seiner Lehrtätigkeit ein Forschungsprojekt oder sonst einen Job hat, kommt zwar über die Runden, aber kaum jemand kann von dem Leben, was er eigentlich tun will: lehren und forschen.

Wir haben in Österreich für junge Wissenschaftler aber ein weiteres ernsthaftes Problem. Dauerhafte Anstellungen sind so gut wie nicht zu bekommen. Auch der neue Mittelbau ist nur mehr befristet angestellt und wird durch die universitäre Auslegung der Kettenvertragsregelung ins Ausland vertrieben. Wenn die Studierenden sich nun auch gegen diese Verhältnisse zur Wehr setzen, kämpfen sie damit letztlich um die Erhaltung der Universitäten und ihres wissenschaftlichen Niveaus!

 

Thomas Schmidinger ist Lektor am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien und Präsident der IG externer LektorInnen und freier WissenschaftlerInnen.

 


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2009)

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