Gastkommentar

Roland Düringer sagt: Meine Stimme gilt. Ist das so?

Ein freches Angebot an alle jene, die sich von der Politik abgehängt fühlen.

Der Bart ist gestutzt, die Holzkugeln sind weg. Roland Düringer könnte jetzt glatt als seriöser Politiker durchgehen. Und er meint es ernst. Mit seiner kürzlich gegründeten Partei, nein, mit seinem Kunstprojekt, wie er betont, will er zur nächsten Nationalratswahl antreten. Er will all jenen eine Stimme geben, die bisher weiß gewählt haben, nicht mehr zur Wahl gegangen sind oder zähneknirschend das kleinste Übel angekreuzt haben.

Ich bin gemeint. Roland Düringer kennt man. Als Kabarettisten, Schauspieler und Typ schätze ich ihn, bin also neugierig und skeptisch zugleich. So geht es mir bei fast allem Neuen und Politischem sowieso. Ich lese: Gilt hat kein Programm, keine Ideologie, keine Inhalte. Okay, das war's! Warum jemandem eine Stimme geben, der nicht einmal Inhalte zu bieten hat? Moment. Wo keine Inhalte sind, gibt es keine Versprechen. Wenn ich von Politikern etwas nicht mehr hören kann, sind es schöne Reden und Versprechen.

Das bleibt mir erspart. So hat sich Politik noch nie angefühlt. Gut und richtig. Frech und ungeheuchelt. Mit Gilt wähle ich nichts. Mir gefällt der Gedanke, dass meine Stimme geschützt ist vor Missbrauch. Nichts anderes ist es doch, wenn Versprechen und Ankündigungen nicht gehalten werden. Damit wird letztlich jede Stimme zu einer ungültigen.

Experiment mit offenem Ende

Gilt ist die perfekte Wahl für alle, die Politikern nichts mehr abnehmen. Und die trotzdem ihre Stimme nicht wegwerfen wollen. Leute, denen Demokratie und Wahlfreiheit etwas bedeuten, die aber keine Wahlmöglichkeiten finden. Der Vegetarier am Fleischbuffet greift auch nicht zum Steak, damit er nicht das Schnitzel essen muss.

Niemand kann sagen, wie das Experiment Gilt ausgehen wird. Im schlimmsten Fall verpufft es, ohne irgendwas zu hinterlassen, also auch keinen Schaden. Das ist mehr, als man von vielen Politikern erwarten kann. Im besten Fall löst Gilt bei den Regierenden ein Umdenken und Handeln aus. Das Potenzial liegt bei etwa 25 Prozent. Bei voller Ausschöpfung könnte sich das positiv auswirken.

Viel Luft nach oben

Wenn heute 95 Prozent der Politik aus Inszenierung bestehen, wie jüngst unser Bundeskanzler behauptet hat, dann ist jedenfalls Luft nach oben. Sagen wir, für Reformbrocken wie bessere Schulen und Bildung, leistbare Wohnungen, Steuer- und Pensionsgerechtigkeit – was politische Arbeit eben so mitbringen sollte. Man kennt es. Aber halt nur aus Wahlprogrammen und Wahlreden. Seit wie vielen Jahr(zehnt)en? Sind unsere Regierenden und Beamten nicht Angestellte der Republik? Würde ich ein ähnliches Arbeitstempo vorlegen, hätte ich nach kurzer Zeit mit meinem Arbeitgeber ein Problem.

Dass Gilt nichts verspricht, ist übrigens nicht feig, sondern nur konsequent, oder zumindest ehrlich. Gilt sagt von vornherein: Wir wissen nicht, wie so was geht, wie man ein besseres Schulsystem macht, Arbeitsplätze schafft oder die Pensionen sichert, also versprechen wir auch nichts. Gilt macht kein Angebot und ist daher das optimale Angebot für Leute wie mich. Für Verweigerer und Enttäuschte, von den Medien auch als „Abgehängte“, „Verlierer“, „angry white trash“ betitelt. Meinetwegen. Stimmt ja, ich fühle mich von der Politik abgehängt. Aber ist das wirklich alles meine Schuld?

Gilt ist der leere Teller. Und manchmal bleibt einem nichts anderes übrig, als demonstrativ zum leeren Teller zu greifen. So gesehen ist Gilt das einzige Statement, das noch bleibt. Der Stinkefinger an die Massenküche, der sagt: Behaltet euch euren Fraß!

Günter Klinger arbeitet seit 1989 in der Werbung als Texter und Creative Director für verschiedene Agenturen und ist Mitglied beim Creativ Club Austria (CCA).

E-Mails an: debatte@diepresse.com


[NDDI9]

(Print-Ausgabe, 10.03.2017)

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