Angekommen im Zeitalter der Voodoo-Politik

Gastkommentar. Was haben Donald Trump, Jarosław Kaczyński und Wladimir Putin gemeinsam? Alle drei zeigen sich empfänglich für abstruse Verschwörungstheorien. Sie machen damit Politik und manipulieren schamlos die Öffentlichkeit.

Was verbindet den „Amerika zuerst“-Präsidenten, Donald Trump, den politischen Strippenzieher Polens, Jarosław Kaczyński, und Russlands Präsidenten, Wladimir Putin?

Trump und Kaczyński, beide brusttrommelnde Nationalisten, sollten Russlands revanchistisches Staatsoberhaupt für seine Expansionspolitik in postsowjetischen Staaten wie Georgien und der Ukraine eigentlich schmähen. Doch Trump ist voll des Lobes für Putin, während Kaczyński vermehrt dessen autokratische Methoden nachahmt. Und alle drei scheinen nicht nur empfänglich für abstruse Verschwörungstheorien, sondern nutzen diesen Glauben, um Politik zu machen und die Öffentlichkeit zu manipulieren.

 

Überall Verschwörungen!

Putin wittert überall Verschwörungen, die Russlands Größe unterminieren sollen – zumeist angezettelt von den Geheimdiensten der USA und Großbritanniens. Die Theorien, die er vertritt, entbehren oft jeder Grundlage, aber man kann zumindest nachvollziehen, warum er ihnen glauben könnte: Für einen einstigen KGB-Agenten ist ein gewisses Misstrauen, dass die Dinge nicht immer so sind, wie es scheint, nicht gerade überraschend.

Trumps Empfänglichkeit für radikale Verschwörungstheorien lässt sich nicht so einfach erklären. Schließlich ist er alles andere als ein Ränkeschmied. Es scheint klar, dass sein Chefstratege, Stephen Bannon, Zeit seines Lebens ein antiliberaler Märchenonkel, die dumpfe Weltanschauung seines Chefs verstärkt. Aber nicht einmal Bannons Einfluss kann Trumps fiebrige Tweets erklären, in denen er Barack Obama vorwarf, er habe vor der Wahl die Telefone im Trump Tower angezapft.

Da er seine Vorwürfe nicht belegen kann, hat Trump eine Untersuchung gefordert – so wie zuvor, als er massiven Wahlbetrug (zugunsten seiner Gegnerin Hillary Clinton) untersuchen lassen wollte, den es nie gegeben hat. Seine jüngste Schimpftirade war so grotesk und unglaubwürdig – sogar für einen Präsidenten, der sich übers Kabelfernsehen informiert und twittersüchtig ist –, dass man sich fragen muss (was viele tun), ob Trump an einer psychischen Störung leide.

Kaczyński hat seine eigenen paranoiden Theorien. Er glaubt, dass Polens früherer Ministerpräsident und derzeitiger Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk, sich einst mit Putin verschworen habe, um seinen Zwillingsbruder, den damaligen Präsidenten Lech Kaczyński, zu ermorden. Der Flugzeugabsturz in der Nähe von Smolensk, bei dem 92 polnische Würdenträger ums Leben kamen, einschließlich Lech Kaczyński, ist gründlich untersucht worden – und es liegen keinerlei Beweise vor, die Kaczyńskis Behauptung unterstützen würden. Aufgrund seiner Wahnvorstellungen intrigierte er dennoch in Brüssel wild gegen die Wiederwahl von Donald Tusk – freilich vergeblich.

 

Der paranoide Stil

Was der verstorbene Historiker Richard Hofstadter als „paranoiden Stil“ bezeichnet hat, sitzt jetzt an den Schalthebeln der Macht in den USA und in Polen. Die Frage ist, wie diese beiden Demokratien in den Bann von Politikern geraten sind, die eher an Putin erinnern als an konventionelle westliche Staatenlenker. Möglicherweise lässt sich diese Frage weder mit herkömmlichen politischen Analysen noch mit Psychologie beantworten.

Die Schriftstellerin Joan Didion kommt der Politik von Trump und Kaczyński vielleicht am ehesten auf die Spur. In ihrem Essay „Notes Toward a Dreampolitik“ beschreibt Didion Menschen, die sich durch die Welt bewegen und „immerzu Bäume in einer inneren Wildnis fällen“. Sie sind „heimliche Grenzgänger, die inmitten des fantastischen elektronischen Pulsierens umherwandern“, das das moderne Leben ausmacht, und sie „beziehen Informationen ausschließlich aus der dürftigsten Verkettung von Gerüchten, Hörensagen, und dem, was zufällig durchsickert“. Sie sind „nominell gebildet“, doch „die nationalen Ängste sind für sie verschwommen, wie in einem dunklen Spiegel“.

Es ist beängstigend genug, dass der US-Präsident auf die meisten seiner täglichen Briefings durch Experten des Außenamtes und der Geheimdienste verzichtet. Wirklich erschreckend ist die Tatsache, dass er stattdessen auf Fox News, rassistische Blogs und die Hetztiraden in Radio-Talkshows zurückgreift. Der Anführer der freien Welt hat sich an den irren Rändern des politischen Diskurses in den USA eingerichtet.

 

Informationen aus Untiefen

Polen unter Kaczyński scheint sich auf Informationen aus ähnlichen Untiefen im Internet und in Radio-Talkshows zu verlassen. Tatsächlich zählt der rechtskatholische Radiosender Radio Marya zu den berüchtigtsten der „heimlichen Grenzgänger“.

Doch wie Putins Führung gezeigt hat, ist der paranoide Stil mehr als eine Form persönlicher Schwäche. In seinem Buch „Voodoo Histories: The Role of the Conspiracy Theory in Shaping Modern History“ beschreibt der britische Journalist David Aaronovitch diese politische Paranoia als eine Art Voodoo im Zeitalter der sozialen Medien. Die Wortwahl ist vielsagend.

Der Voodoo-Doktor François „Papa Doc“ Duvalier hat während seiner fast 15 Jahre währenden Diktatur in Haiti gezeigt, dass die Paranoia des Herrschers unerbittlich sein muss, wo der politischen Legitimation jegliche Grundlage fehlt. Papa Doc hat Angst in die schwärzeste Form politischer Magie verwandelt. Wer seine Herrschaft infrage stellte, musste damit rechnen, von den Tonton Macoute ermordet zu werden – der gefürchteten Miliz Papa Docs. Sie ging oftmals mit größter Brutalität und öffentlich gegen ihre Opfer vor.

 

Taktiken der Verunglimpfung

Kritiker aus dem Ausland sahen ihren guten Ruf beschmutzt. Graham Greene, der mit seinem Buch „Die Stunde der Komödianten“ eine vernichtende Analyse der Herrschaft Papa Docs vorlegte, wurde von den Propagandisten des Regimes als Junkie verunglimpft. Putin sind solche Taktiken nicht unbekannt. Und nun erlebt der Westen etwas Ähnliches.

US-Präsident George H. W. Bush hat einst vor „Voodoo Economics“ gewarnt. Heute haben wir es mit einer Form von Voodoo-Politik zu tun: eine Herrschaft basierend auf „alternativen Fakten“ und haltlosen, nicht überprüfbaren Theorien, die eine eigene Art von Zauber für Menschen entfaltet, die Schwierigkeiten damit haben, eine globalisierte Welt zu verstehen, die nicht mehr die ist, die sie kennen.

Trump, Kaczyński und Putin machen sich diese Vorgehensweise zu eigen, weil sie funktioniert. Unabhängig davon, ob und in welchem Maße sie ihren eigenen Behauptungen Glauben schenken, können sie zuversichtlich sein, dass der Zauber für viele ihrer Anhänger nie verblassen wird – egal, wie blamabel sie scheitern oder wie dreist sie lügen.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.
Copyright: Project Syndicate, 2017

 E-Mails an:debatte@diepresse.com

DIE AUTORIN

Nina L. Chruschtschowa (geboren 1964) studierte an der Moskauer Staatsuniversität und dissertierte in Princeton. Sie ist die Enkelin des früheren Sowjetführers Nikita Chruschtschow. Derzeit Professorin für internationale Beziehungen, stellvertretende Studiendekanin der New School und Senior Fellow am World Policy Institute. Ihr neues Buch: „The Lost Khrushchev: Journey into the Gulag of the Russian Mind“. [ Project Syndicate ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2017)

Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Angekommen im Zeitalter der Voodoo-Politik

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.