Gastkommentar

„Zucker-Bashing“ – oder wie der ORF Information vergiftet

Am Küniglberg sollte man sich wieder verstärkt der Recherche widmen.

Der öffentlich-rechtliche ORF hat eine ganze Woche lang sein gesamtes Informationsangebot unter den Schwerpunkt: „Zucker – Das süße Gift“ gestellt. Wie ist allein dieser Titel mit den journalistischen Grundsätzen von Genauigkeit und Unterscheidbarkeit vereinbar (siehe Ehrenkodex für die österreichische Presse)? Da vermutet man statt Information platte Meinungsmache. Haben der ORF und wir das notwendig?

Oder muss ein Sender einfach nur mehr möglichst reißerisch auftreten, um im Medien-Overflow überhaupt noch Aufmerksamkeit erzielen zu können? Wohl nicht, denn der ORF finanziert sich aus Gebühren, die jeder Besitzer eines Fernsehgeräts („Rundfunkempfangseinrichtung“) zahlen muss. Und – das ist freilich der zentrale Punkt – der ORF hat einen gesetzlichen Bildungsauftrag. Warum dann dieser in jeder Hinsicht unsachliche Themen-Schwerpunkt?

 

 

Der ORF hat damit leider eine Chance versäumt: Fundiert über Lebensmittel und Ernährung zu berichten und das ohne unqualifizierte, pauschalierende oder tendenziöse Angriffe. Gerade zum Thema Zucker hätten sich in der Tat jede Menge Informationen und Diskussionen unterbringen lassen.

Aufklärung, nicht Panikmache

Spannend wäre das sicher auch gewesen. Denn der Bogen der Argumente zum Zucker kann weit gespannt werden: Er reicht vom perfekten Energielieferanten, der als Traubenzucker „Freund der Sportler“ ist, bis zum klassischen Geschmacksträger und zur technologischen Zutat; er reicht vom Zucker als regionales und von österreichischen Rübenbauern nachhaltig produziertes Lebensmittel bis sozialen und ökologischen Standards bei der Zuckerrohrproduktion in Entwicklungsländern.

Klar ist: Geht es um gesundes Leben, spielen Essen und Trinken eine Rolle. Aber eben nur eine Rolle. Denn mehrere Faktoren haben Einfluss darauf, ob jemand übergewichtig ist oder nicht. Dazu gehören das Pensum an Bewegung, Schlaf, Stress oder auch genetische Veranlagung. Zentral ist das Wissen rund um Lebensmittel. Da kommt es auf Sachinformationen an, nicht auf Angstmache.

Zucker per se macht nicht dick

Tatsache ist: Zucker per se macht weder dick noch zuckerkrank. An Übergewicht und Stoffwechselerkrankungen sind nie einzelne Lebensmittel oder Bestandteile der Ernährung „schuld“, sondern ein Mix aus Faktoren. Einfach gesagt: Wird dem Körper mehr Energie zugeführt als dieser verbraucht, entsteht Übergewicht.

Zucker trägt zur Kalorienaufnahme ebenso bei wie der Verzehr anderer Kohlenhydrate, Fette oder Eiweiße. Die Diskussion über einen einzelnen Nährstoff ist daher schlichtweg falsch. Wichtig für ein gesundes Leben sind vor allem ausreichend Bewegung und ein aktiver Lebensstil.

Allerdings hätte man dafür recherchieren müssen, hätte auch andere Meinungen einholen und in gleicher Form darstellen müssen. Das ist harte journalistische Arbeit. Andere Medien, vor allem Printmedien, haben sich nicht vor den Karren tendenziöser Meinungsmache spannen lassen. Und moderne Medienkonsumenten, auch in sozialen Netzwerken unterwegs, sind auf diese Stimmungsmache ebenfalls nicht hereingefallen. Das „Zucker-Bashing“ beschränkte sich auf den ORF. Es blieb also nur ein Sturm im „zuckersüßen“ Wasserglas. . .

Der ORF wäre gut beraten, sich in Zukunft wieder verstärkt für journalistische Qualitätsarbeit einzusetzen. Das Potenzial und die Möglichkeiten dazu hätte er ohne Zweifel. Lassen wir uns überraschen!

DI Oskar Wawschinek MAS MBA, Food Business Consult und Pressesprecher für den Fachverband der Lebensmittelindustrie.

E-Mails an: debatte@diepresse.com


[NGPI6]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2017)

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