Gastkommentar

Mit Getöse gescheitert

Kontra Heumarkt. Der Unesco geht es um nichts weniger als die langfristige Erhaltung besonderer Stätten für zukünftige Generationen.

Wie groß ist die Welterbe-Kernzone, in der das Bauprojekt am Heumarkt stehen soll? 0,9 Prozent der gesamten Stadtfläche Wiens. Die Kernfrage ist also: Muss ein Hochhaus tatsächlich genau in diesem Teil der Stadt gebaut werden?

Liest man all die Kommentare, Berichte und Postings, könnte man meinen, die Unesco zwinge Staaten den Welterbestatus auf und verhindere im Weiteren alle Veränderungen. Wahr ist: Die Staaten selbst wählen Gebiete aus, um diese bei der Unesco als Kultur- oder Naturerbe einzureichen.

Österreich hat sich damit völkerrechtlich verpflichtet, das „Historische Zentrum von Wien“, das die Innere Stadt sowie Areale von Schloss Schwarzenberg, Schloss Belvedere und dem Kloster der Salesianerinnen am Rennweg umschließt, langfristig und nachhaltig zu schützen, etwa vor Hochhäusern. Im Hochhauskonzept von 2002 gab es Ausschlusszonen für Hochhausbauten in der Kernzone des Welterbes.

Interessanterweise wurden diese aber 2014 – im Zuge der Planungen des Heumarkt-Projektes – abgeschafft. Die Kritik der Unesco bezieht sich aber nicht nur auf die Höhe des Turms (geplant: 66 Meter). Seit 2012 stellte die Unesco fest, dass es eine Beschränkung der Höhenentwicklung, der Verdichtung und der Dachausbauten in der Kernzone des Welterbes geben muss.

Fragwürdiges Konzept

Der Unesco geht es um eine Gesamtbetrachtung des Bauprojekts in Relation zum historischen Stadtkern. Jene 43 Meter, die immer wieder als Unesco-Limit genannt werden, sind durch den Bestand des Hotel Intercontinental begründet. Das heißt: Das Projekt muss aus der bestehenden Stadtstruktur heraus entwickelt werden – und das ist nicht der Fall.

Die Beschränkung der Höhenentwicklung in der Kernzone des Welterbes ist daher auch qualitativ zu verstehen. Auch das architektonische Konzept ist inzwischen fragwürdig geworden: Die Imitation des Stils der 1960er-Jahre ist dadurch, dass das alte Hotel Intercontinental nun abgerissen wird, problematisch geworden.

Zentral auch die langfristigen Planungsinstrumente der Stadt Wien: Ist das Projekt am Heumarkt ein Präzedenzfall für weitere Bauten? Seit 2001 (Jahr der Anerkennung Wiens als Welterbe) fanden drei Unesco-Expertenmissionen statt, die bei allen Projekten – Wien Mitte, Hauptbahnhof und Eislaufverein – ähnliche Beanstandungen ergaben. Seitens der Unesco ist dies alles seit Jahren sehr transparent kommuniziert worden.

Beim Projekt am Heumarkt wurden ein „Kooperatives Verfahren“ und ein Architektenwettbewerb durchgeführt, die die Wünsche des Investors erfüllt, nicht aber die Vorgaben der Unesco berücksichtigt haben. Hätte die Stadt Wien die Rahmenbedingungen im Sinne der Unesco vorgegeben, wären die Probleme nie entstanden.

Der Unesco geht es um bestehende Werte als globales Allgemeingut, nicht um Verwertung. Es geht um nichts weniger als die langfristige Erhaltung besonderer Stätten für zukünftige Generationen. Nicht verstanden als Musealisierung, sondern als Auftrag, sensibel und nachhaltig auszuloten, welche Bebauung wo möglich und verträglich ist. Beim Bauprojekt am Heumarkt ist dies ohne Not mit Getöse gescheitert.

Mag. Gabriele Eschig (*1954) ist Generalsekretärin Österr. Unesco-Kommission.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 


[NHTZY]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2017)

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