25.05.2012 19:28 | Meine Presse Merkliste 0

Das Kreuz ist kein destruktives Symbol

VALENTIN ZSIFKOVITS (Die Presse)

Wieso wir Kreuze in den Klassenzimmern brauchen.

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Die Empörung über das Urteil des EGMR ist nachvollziehbar, weil:

1. das Kreuz nicht nur ein religiöses, sondern für unser europäisches Wertesystem auch ein kulturelles Symbol ist;

2. weil die Weltreligionen von heute sich in ihren offiziellen Organen eindeutig zu den grundlegenden Werten eines menschenwürdigen Zusammenlebens bekennen, und weil das Kreuz für die Christen kein destruktives Kampfsymbol, sondern erinnerndes Symbol leidender und erlösender Liebe ist;

3. weil die Religion der Christen heute weltweit Menschen zum Einsatz für Menschenrechte und gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Tötung inspiriert, animiert und ermutigt;

4. weil die Staaten und Staatenverbände ihre Friedens- und Wohlfahrtsfunktion nur erfüllen können, wenn die Religions- und andere Gesinnungsgemeinschaften das dafür notwendige religiöse, ethische und rechtliche Bewusstsein schaffen und kultivieren. Der renommierte deutsche Staatsrechtler J. Isensee hat daher treffend formuliert: Nicht die Kirche braucht die Kreuze in den Schulen, sondern der Staat.

Dem widerspricht nicht die Tatsache, dass die Geschichte der Religionen auch durch Inhumanität belastet ist. Dies ist eben Schicksal aller irdischen Institutionen. Es geht auch nicht um die Verteidigung problematischer Sekten. Im Blickpunkt der Religion als Begründung, Vertiefung und Überhöhung humaner Grundwerte stehen hier in erster Linie die sogenannten anerkannten Religionsgemeinschaften.

Die Pflege der Religion ist nicht zuletzt für das Wohl des staatlich und überstaatlich geeinten Volkes wichtig. Denn Religion ist kein zufälliges Phänomen dieser Welt, sondern mit dem Menschen und der Welt samt ihren vielen Geheimnissen und Rätseln zuinnerst verbunden. Das Volk ist daher gut beraten, der Förderung und Kultivierung der Religion samt ihren Institutionen und Symbolen entsprechende Beachtung zu schenken. Sonst droht die Gefahr des Abgleitens und Missbrauchs der religiösen Veranlagungen und Sehnsüchte in den gefährlichen Untergrund terroristischer Ersatzreligionen. Die Diktatur-Ideologien des Nationalsozialismus und Stalinismus kann man auch als Ersatzreligionen betrachten.

Valentin Zsifkovits, Jahrgang 1933, ist emeritierter Universitätsprofessor für Ethik und Sozialwissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2009)

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10 Kommentare
Gast: PAN
17.11.2009 12:21
0 0

Also ok...

Zsifkovits, Schönborn und andere wollen also das Kreuz im Klassenzimmer, weil es halt so ein Friedenssymbol ist. Gut, dann hängen wir also Bilder einer Friedenstaube in die Klassen (auch ein Friedenssymbol, wie der Name schon sagt), und ich freue mich jetzt schon auf das Geheul vom Schönborn, weil dann sein Christentum nicht mehr gnädig und mahnend auf alle Schulkinder runterschauen kann...

Gast: schlÄchter
16.11.2009 16:55
0 0

sg herr prof zsifkovits

danke - sehr guter gastkommentar.
+ von mir

mfg
s.

Gast: desaster city
14.11.2009 09:57
0 1

Denkt!

Der EGMR hat auf der Basis der Europäischen Menschenrechtskonvention entschieden. Die Liebhaber des Kreuzes scheinen also ein Problem mit den Menschenrechten zu haben - einschließlich Kardinal Schönborn, den totalitäre Phantasien anwandeln. Der staatliche Raum hat alle Überzeugungen gleich zu behandeln und keine zu bevorzugen. Ob Kirchen u.a. in der Landschaft stehen, ist dagegen eine Frage der Bauordnung und des Denkmalschutzes, keine der Menschenrechte. Eine Universitätsprofessur hilft wohl auch nicht beim Denken.

komajo
12.11.2009 08:10
0 1

Lieber Herr Dr. Dr.!

Tolerante Menschen lassen andere Meinungen neben der eigenen gelten. Lassen wir daher das Kreuz an der Wand und lassen den leeren Fleck daneben für die Bekenntnislosen. Für die Verehrer Mohammeds würde ich einen Teppich in Richtung Mekka an die Wand nageln. Der EMRK garantiert uns freie Religionsausübung öffentlich und privat. Er irrt aber, wenn er das Wort "öffentlich" ignoriert und gleich so weit geht alle Symbole zu verbieten, was bedeutet, dass die Atheisten bevorzugt werden.

Gast: Agnostiker
12.11.2009 06:34
3 0

Wie kam das "Kreuz-Urteil" zustande - wer waren die Richter?



Der Europäische Gerichtshof in Straßburg,
vertreten durch nachstehenden 7 Richter,
alsda sind:

Francoise Tulkens (Belgien, Präsident), Vladimiro Zagrebelsky (Italien),
Ireneu Cabral Barreto (Portugal),
Danute Jo?ien? (Litauen),
Dragoljub Popovic (Serbien),
Andras Sajo (Ungarn)
und Isil Karakas (Türkei),

fällten ein Urteil,
das historisch
BISLANG beispiellos ist
und, das die Souveränität und Gebräuche des italienischen Volkes nachhaltigst mißachtet.

Übrigens:
Was
hat der türkische Richter in diesem Gremium verloren?


Antworten Gast: nanana
12.11.2009 08:26
1 0

Re: Wie kam das

Die Türkei ist schon länger Mitglied des Europarats als Österreich und hat auch die Europäische Menschenrechtskonvention früher ratifiziert (schon in den frühen 50er Jahren). Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte wurde von den unterzeichnenden Staaten, eben auch Italien, damit beauftragt, die Einhaltung dieser Konvention zu überprüfen. Nicht mehr oder weniger hat er getan.

Gast: Gast
12.11.2009 03:04
0 2

Gegen Ihre private Religiosität ist nichts einzuwenden,

aber bitte erkennen Sie, dass das Handeln nach dem europäischen Wertesystem auch völlig ohne Religion in der selben Intensität möglich ist.
Wäre es nicht vielmehr erbärmlich, würde man diese Werte nur leben, um einer Religion und damit einem Regelwerk zu genügen? Wer diese Werte aus seinem innersten heraus lebt, aus wirklicher Überzeugung, braucht keine Religion!
(Ich anerkenne, dass das Christentum einige dieser europäischen Werte etabliert hat, andere wiederum wurden jedoch gegen das Christentum erkämpft.)

Steininger
11.11.2009 22:28
0 3

Das Kreuz ist ein kulturelles Symbol?

Für was bitte? Für welche kultur?
Das simple Kreuz, ober kürzer als unten ist ein religiöses Symbol. Man soll sich nicht für dumm verkaufen lassen!
Das Symbol steht für das Christentum! Nicht mehr und nicht weniger!
Für alle die nicht dieser Religion angehören ist das ganz klar. Ist jemand Buddhist oder Sufi oder sonstwas, so kann er mit dem Kreuz ganz klare Konnotationen verbinden.
Ein Zeichen, als solches, für die westliche Kultur oder für den Humanismus gibt es nicht, wäre auch unnötig.
Ein Edelmann kommt ohne Parteien aus, so sagte schon Konfuzius vor 2500 Jahren. Ein Symbol für den Rockaufschlag braucht niemand der das nicht nötig hat, sage ich!
Also: In den Räumlichkeiten in denen Schulkinder unterrichtet werden sollte keine staatlich empfohlene Religion ihre Symbole aufhängen dürfen. Keine Religion sollte für Schulkinder staatlich empfohlen sein!
Hier geht es um gesellschaftlichen Zwang und seine Durchsetzung, um nicht mehr oder weniger!

Gast: Dr. Jakob Cornides
11.11.2009 19:41
5 0

geschichtslose Gutmenschen

"Dem widerspricht nicht die Tatsache, dass die Geschichte der Religionen auch durch Inhumanität belastet ist."

Warum dieser alberne Satz? Wessen Geschichte nicht auch durch Inhumanität belastet ist, der hat in Wirklichkeit keine. Das ist ja genau die Masche der heutigen Gutmenschen, am EMRK und anderswo: sie bekennen sich zu keiner geistigen Tradition, sondern glauben alle, sie hätten das Rad neu erfunden.

Die Geschichte des Christentums, von Jesus Christus über Franz von Assis zu Mutter Teresa, ist aber vor allem ein Grund, dankbar zu sein. Für die ganze Menschheit.


Antworten darkblaze
13.11.2009 13:19
0 0

Die ganze menschheit

soll also den christen dankbar sein? Allmachtsphantasie? Da gäbe es einige, die sich schön bedanken würden, wären sie noch am leben!

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