Die Empörung über das Urteil des EGMR ist nachvollziehbar, weil:
1. das Kreuz nicht nur ein religiöses, sondern für unser europäisches Wertesystem auch ein kulturelles Symbol ist;
2. weil die Weltreligionen von heute sich in ihren offiziellen Organen eindeutig zu den grundlegenden Werten eines menschenwürdigen Zusammenlebens bekennen, und weil das Kreuz für die Christen kein destruktives Kampfsymbol, sondern erinnerndes Symbol leidender und erlösender Liebe ist;
3. weil die Religion der Christen heute weltweit Menschen zum Einsatz für Menschenrechte und gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Tötung inspiriert, animiert und ermutigt;
4. weil die Staaten und Staatenverbände ihre Friedens- und Wohlfahrtsfunktion nur erfüllen können, wenn die Religions- und andere Gesinnungsgemeinschaften das dafür notwendige religiöse, ethische und rechtliche Bewusstsein schaffen und kultivieren. Der renommierte deutsche Staatsrechtler J. Isensee hat daher treffend formuliert: Nicht die Kirche braucht die Kreuze in den Schulen, sondern der Staat.
Dem widerspricht nicht die Tatsache, dass die Geschichte der Religionen auch durch Inhumanität belastet ist. Dies ist eben Schicksal aller irdischen Institutionen. Es geht auch nicht um die Verteidigung problematischer Sekten. Im Blickpunkt der Religion als Begründung, Vertiefung und Überhöhung humaner Grundwerte stehen hier in erster Linie die sogenannten anerkannten Religionsgemeinschaften.
Die Pflege der Religion ist nicht zuletzt für das Wohl des staatlich und überstaatlich geeinten Volkes wichtig. Denn Religion ist kein zufälliges Phänomen dieser Welt, sondern mit dem Menschen und der Welt samt ihren vielen Geheimnissen und Rätseln zuinnerst verbunden. Das Volk ist daher gut beraten, der Förderung und Kultivierung der Religion samt ihren Institutionen und Symbolen entsprechende Beachtung zu schenken. Sonst droht die Gefahr des Abgleitens und Missbrauchs der religiösen Veranlagungen und Sehnsüchte in den gefährlichen Untergrund terroristischer Ersatzreligionen. Die Diktatur-Ideologien des Nationalsozialismus und Stalinismus kann man auch als Ersatzreligionen betrachten.
Valentin Zsifkovits, Jahrgang 1933, ist emeritierter Universitätsprofessor für Ethik und Sozialwissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz.
meinung@diepresse.com