Gastkommentar

Dann macht halt auch mit

Das Frauenvolksbegehren 2.0 istinitiiert worden, damit in Österreichs Gesellschaft etwas weitergebracht wird.

Wir machen ein Frauenvolksbegehren, weil wir etwas verändern wollen. Dabei kann man nicht immer alles richtig machen. Aber den Vorwurf, nicht genügend unterschiedlichen Frauen zugehört zu haben, verstehen wir nicht.

Vor gut einer Woche gingen wir mit dem Projekt an die Öffentlichkeit. Ein neues Frauenvolksbegehren starteten wir aus einem Gefühl der Dringlichkeit heraus. Wir wollen nicht länger in einem Land leben, das Geschlechterzuschreibungen so stark internalisiert hat, dass sein gesamtes Sozial-, Steuer-,und Wirtschaftssystem darauf aufbaut. Doch wie es die österreichische Mentalität so will, wird man eher für die Ambition, etwas ändern zu wollen, kritisiert, als für ein Beibehalten des Status quo.

Inzwischen sind wir der Kritik von unterschiedlichsten Seiten ausgesetzt: Wir seien nicht radikal genug, wir seien zu radikal; unsere Forderungen seien unrealistisch; wir seien nicht intersektional genug – und überhaupt zu links. Frau Anna Vetter fühlt durch das Frauenvolksbegehren ihren Feminismus überhaupt negiert, wie sie in ihrem Gastkommentar am 5. Mai schrieb, weil wir uns mit liberalen Feministinnen angeblich nicht an einen Tisch setzen wollen.

Zusammensetzen, zuhören

Unsere Forderungen entstanden aber genau so: Wir haben uns mit unterschiedlichen Frauen an einen Tisch gesetzt und zugehört. Wir kontaktierten diverse Organisationen, die sich seit Jahren für Frauen in unterschiedlichen Lebensbereichen einsetzen und haben gefragt: Was kann die Politik umsetzen, damit es den Frauen nächstes Jahr besser geht.

Da waren Gewaltschutzeinrichtungen, Sozialarbeiterinnen, Steuerexpertinnen, Unternehmerinnen und Migrantinnenvereine dabei. Wir haben relativ wenig darüber nachgedacht, ob wir links oder rechts sind, sondern uns gefragt, warum 43 Prozent der Alleinerzieherinnen unter der Armutsgrenze leben und warum Frauen noch immer 80 Prozent der unbezahlten Arbeit allein zuhause erledigen. Die Forderungen sind unser Lösungsansatz.

Politisches Kleingeld

Männer wie Frauen, die auch etwas verändern wollen, sind eingeladen, mitzumachen und ihre Vorschläge einzubringen. Viele tun das auch, schreiben uns Mails mit Ideen für Aktionen und Diskussionsabende oder unterstützen unsere Crowdfunding-Kampagne. Denn wir kämpfen gerade um jeden Cent, damit unsere Ideen gehört werden.

Manche Politikerinnen haben unsere Initiative dafür genutzt, um sich selbst medial als die besseren Feministinnen zu inszenieren, deren Ideen von einer Bürgerinnenbewegung ausgeschlossen werden. Auf unserem Rücken wird bereits der nächste Wahlkampf vorbereitet und politisches Kleingeld gemacht.

Im Gegensatz zu Frau Vetter arbeiten wir alle nicht hauptberuflich in der Politik, sondern verbringen jede Minute unserer Freizeit damit, Inhalte aufzuarbeiten, Aktionen zu planen, Geld einzutreiben. Dazu gehört auch, sich mit konservativen, liberalen und linken Politikerinnen an einen Tisch zu setzen, weil wir an eine solidarische Vision für Österreich glauben, die wir nur gemeinsam erreichen können. Die Vision einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer unabhängig von ihren sozialen Verhältnissen, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder sexuellen Identität für einander einstehen.

Darum laden wir Frau Vetter zu einem Treffen ein und möchten ihr noch ein Zitat von Simone de Beauvoir mitgeben, die sie so gerne liest: „Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – sie bekommen nichts.“ Wir sind gespannt auf Vetters Vorschläge jenseits von Verbots- und Sozialpolitik.


Teresa Havlicek, 28, ist Mitinitiatorin des Frauenvolksbegehrens 2.0
und Journalistin in Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com


[NJ4EY]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2017)

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