Wie aus einer guten Nachricht eine schlechte wird

Mit relevanten Größen berechnet, ist die Bildungsmobilität recht hoch.

In der aktuellen Ausgabe von „Bildung in Zahlen“ widmet sich die Statistik Austria dem Thema der Bildungsmobilität. Eine der – international üblichen – Kennziffern bestimmt den Anteil an Studienanfängern, von denen mindestens ein Elternteil bereits einen Hochschulabschluss vorweisen kann. Je höher der Anteil der sogenannten Akademikerkinder, desto geringer die Bildungsmobilität und daher die soziale Durchlässigkeit. Und umgekehrt.

Bei der Berechnung dieser Kennzahl wurden drei Vorentscheidungen getroffen, die Auswirkungen auf die öffentliche Wahrnehmung der Ergebnisse haben.
Erstens wurden die ausländischen Studienanfänger mitgezählt. Das erhöht zwar den Anteil an „Akademikerkindern“, weil diese meist aus höheren Bildungsschichten kommen. Aber eine ausländische Matura sagt über die Mobilität des österreichischen Bildungssystems nichts aus.
Zweitens erstellten die Statistiker keine gemeinsame Kennziffer der Studienanfänger an Unis und Fachhochschulen, sondern behandelten diese getrennt. Das bot die Möglichkeit, lediglich die spektakulärere Zahl herauszugreifen.
Drittens wurden die elterlichen Abschlüsse an Universitäten und Akademien (Sozial- oder Pädagogische Akademie) in einer Kategorie zusammengefasst. Dies, obwohl Akademieabsolventen keineswegs mit Uni-Absolventen gleichgesetzt sind; Erstere tragen ja auch keinen akademischen Titel.

 

Veränderte Botschaft

Das Ergebnis wurde in der offiziellen Pressemitteilung korrekt so zusammengefasst: „44,3 Prozent aller Erstsemestrigen an öffentlichen Universitäten und 32,4 Prozent aller Studienanfänger einer Fachhochschule haben zumindest einen Elternteil mit Hochschul- oder Akademieabschluss.“ Nur: Wer weiß schon, was unter dem Begriff „Akademien“ gemeint ist? Auch wurden die angeführten drei Vorentscheidungen weder erwähnt noch begründet.

Wie beim Stille-Post-Spiel hatte sich die Botschaft verändert, bis sie in den Medien auftauchte. Weder die APA noch Tageszeitungen stellten die Lage differenziert dar. Als Ergebnis bleibt die spektakulärste Zahl in den Köpfen hängen: 44,3 Prozent Akademikerkinder!

 

Soziale Durchlässigkeit

Ist diese Art der Auswertung sinnvoll? Eher nicht. Schon seit Jahren wird die Frage der Bildungsherkunft der Studienanfänger im Rahmen der Studierenden-Sozialerhebung des IHS ausführlich analysiert, zuletzt 2015. Allerdings wurden hier andere Vorentscheidungen getroffen: Untersucht wurden nur die inländischen Studienanfänger, Universitätsabschlüsse und solche an Akademien wurden nicht vermischt. Der Unterschied im Ergebnis ist gravierend:

„Insgesamt ist bei 28 Prozent aller Studienanfänger zumindest ein Elternteil Akademiker“, schreibt der Autor des Berichts. „Knapp drei Viertel der Studienanfänger sind also potenzielle Bildungsaufsteiger, da weder Vater noch Mutter einen Hochschulabschluss haben.“

Zweifellos ein positiver Befund zur sozialen Durchlässigkeit unseres Bildungssystems. Österreich befindet sich damit an viertbester Stelle unter den EU-Ländern. Und zweifellos war dieser Befund der Statistik Austria bekannt. Warum sie dennoch – aufgrund diskutierbarer Vorentscheidungen und ohne die Datenbasis der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen – eine Neuberechnung vorgenommen hat, die zu viel schlechteren Zahlen führt, ist nicht nachvollziehbar. Aber es trägt sicherlich zur Verwirrung in der bildungspolitischen Diskussion bei. Und es schwächt das Vertrauen in die Seriosität öffentlicher Institutionen.

Dr. Wolfgang Feller ist Projektleiter
für den Bereich Bildung bei der
Denkfabrik Agenda Austria.

 

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2017)

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