Gastkommentar

Soldatsein heute: Ein Job wie jeder andere?

Mit der Abkehr von ideellen Perspektiven und der Metamorphose des Soldaten zum reinen Arbeitnehmer ist der Soldatenberuf zugleich in den Wettbewerb mit Jobs in der Wirtschaft geraten. Halt schlechter bezahlt.

Eine Verteidigungsministerin geht zum Angriff auf die eigene Armee über und attackiert ihre Generäle, Majore und Hauptleute: grotesk, paradox und dennoch geschehen in Berlin. Die in der ersten Aufregung abgeschossenen Wortgeschosse von Ursula von der Leyen: Versagen der inneren Führung, fehlende Haltung, falsch verstandener Korpsgeist auf mittlerer Ebene, also vor allem bei Bataillonskommandeuren und Kompaniechefs.

Der Anlass: Ein Oberleutnant, der sich auch als syrischer Asylant registrieren ließ und im Verdacht steht, „völkisch zu denken“ und Anschläge gegen linkslastige Politiker geplant zu haben.

Die Ministerin hat inzwischen den Rückzug angetreten und bedauerte öffentlich, dass sie vergessen hat, ihre Kritik mit einem Lob für die Truppe zu verbinden. Aber da waren die Scherben schon nicht mehr zu kitten.

 

Ausblutende Truppe

Auch in Österreich hat das Militär mit Problemen zu kämpfen, die über das Berliner Tagesgeschehen hinausreichen. Im Raum steht letztlich die Frage nach der Fähigkeit, das eigene Land in einer aus den Fugen geratenen Welt militärisch zu schützen.

Beide Armeen leiden an akutem Personalmangel. „Die Truppe blutet aus“, heißt es. Immer weniger junge Männer wollen zum Heer. In Österreich meldet sich rund jeder zweite Wehrpflichtige zum Zivildienst. Die Zivildiener fehlen der Armee.

Dramatisch ist die Personalnot in Deutschland, wo es seit 2011 keine Wehrpflicht mehr gibt. Derzeit gelingt es nicht einmal, die 170.000 Planstellen für Berufs- und Zeitsoldaten zu besetzen. Besonders drastisch ist der Mangel an Fachkräften in IT-, Ingenieur- und medizinischen Berufen. Dennoch sind neuerdings auch Bewerber ohne regulären Schulabschluss in der Bundeswehr willkommen.

Das Berufsbild Soldat hat in der jüngeren Geschichte seine früheren Wesenszüge verloren und sich zu einem bloßen Broterwerb, einem Job ohne ideellen Hintergrund verändert. Vorherrschend ist in der westlichen Welt ein rein technokratisches Grundverständnis, das der frühere CIA-Chef, General Michael Hayden, zynisch auf den Punkt gebracht hat: „Im Töten sind wir ziemlich gut.“ Töten ist also zum beruflichen Fach verkommen, der eigene Tod zum Betriebsunfall. Der Einsatz des Lebens steht konsequenterweise in keiner Jobdescription. Die Situation erinnert an die Söldnerheere im Mittelalter.

Mit der Abkehr von ideellen Perspektiven und der Metamorphose des Soldaten zum reinen Arbeitnehmer ist der Soldatenberuf zugleich in den Wettbewerb mit Jobs in der Wirtschaft geraten. Dort gibt es allerdings eine erheblich bessere Bezahlung. Der Wettbewerb mit der freien Wirtschaft wird außerdem durch den demografischen Wandel, nämlich die Ausdünnung der jüngeren Alterssegmente, erschwert.

 

Rekrutierung von Ausländern?

Natürlich versucht man gegenzusteuern. In Deutschland locken Werbekampagnen mit dem Versprechen moderner Unterkünfte, Kinderbetreuung, Teilzeit- und Telearbeit. Die Ressortministerin denkt sogar an die Rekrutierung von EU-Ausländern. Diese Absicht schlägt sich allerdings mit dem deutschen Soldatengesetz, das besagt: „Der Soldat hat die Pflicht, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“ Könnte man die Erfüllung dieser Pflicht auch von einem Griechen oder Tschechen in deutscher Uniform erwarten?

Früher einmal war Soldatsein gleichbedeutend mit Einsatzbereitschaft für Heimat und eigene Lebenswelt. Es hatte den Anstrich eines fast priesterlichen Dienstes für das eigene Land und die Bewahrung seiner Traditionen. Kennzeichnend für das Soldatentum war überdies ein hohes Sozialprestige, gepaart mit feudalen Attributen und dem Anstrich des Elitären, das sich auf Furchtlosigkeit und Opferbereitschaft gründete. „Wer dem Tod ins Angesicht schauen kann/der Soldat allein ist der freie Mann“, dichtete Schiller.

 

Unzeitgemäße Eidesformel?

Soldatsein war letztlich mehr, als nur einen Job auszuüben. Diese philosophische Untermauerung spiegelt sich auch im Treuegelöbnis wider. Die Kernformel des Soldateneids lautet hierzulande: „Ich gelobe, mein Vaterland, die Republik Österreich, und sein Volk zu schützen und mit der Waffe zu verteidigen [. . .] und mit allen meinen Kräften der Republik Österreich und dem österreichischen Volke zu dienen.“ Die jungen Deutschen geloben ebenfalls, „. . . die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“.

Aber ist diese Eidesformel noch zeitgerecht? Für denkende Rekruten dürfte es recht schwer sein, sie in Einklang mit einem Zeitgeist zu bringen, der Vaterlandsliebe und Heimatverbundenheit allzu gern als gestrig, nationalistisch, extremistisch und gefährlich brandmarkt. Der Rekrut muss sich fragen, was er mit dem Wort „Volk“ anfangen soll, das ihm einerseits die Eidesformel vorschreibt, andererseits aber als verpönter faschistischer Begriff und Synonym für „Blutgemeinschaft“ ausgelegt wird. Welche Beziehung besteht ganz allgemein zwischen „Volk“, „Bevölkerung“ und „Nation“? Sind diejenigen, die auf dem Charakter des Staatsvolks beharren, wie beispielsweise die Briten, Demokratiegegner?

Außerdem muss sich der Rekrut fragen, ob wir nicht allesamt schon längst in einer Parallelgesellschaft mit verschiedenen Ethnien, Kulturen, Besitzern von Doppelpässen und doppelten Identitäten leben. Für wen soll sich der heutige Jobkrieger also einsetzen? Für eine multikulturell durchmischte Gesellschaft, die sich im eigenen Land selbst vor religiösem Terror schützen muss? Und welcher Ranglatz auf der soldatischen Werteskala kommt der Verteidigung Europas zu?

 

Veritable Sinnkrise

Aber da ist noch etwas: Der im Krieg Gefallene gilt, so lehrt die jüngere Geschichte, nur dann als verehrungswürdig, wenn er für die nach jeweils gängiger Meinung „richtige“ Idee sein Leben hingegeben hat. Unter diesem Aspekt wird der Tod von Millionen junger Menschen, die im Zweiten Weltkrieg im naiven Glauben, ihre Heimat verteidigen zu müssen, gefallen sind, aus der historischen Diskussion verdrängt, als Gesprächsstoff tabuisiert, wenn nicht gar in das Licht der Unredlichkeit gerückt. Die Toten von Stalingrad, Monte Cassino oder in der Normandie werden hinsichtlich ihrer moralischen Qualität den Tätern eines politisch entarteten Regimes gleichgesetzt.

Was spricht dafür, den Soldateneid zu schwören, wenn der Einsatz des eigenen Lebens im Handumdrehen als verabscheuungswürdig gedeutet wird? Die Armeen Österreichs und Deutschlands haben, so gesehen, nicht nur Personalprobleme, sondern auch eine veritable Sinnkrise. Was fehlt, sind nicht nur Soldaten, sondern auch das soldatische Selbstverständnis und das Motiv des Dienens.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR




Andreas

Kirschhofer-Bozenhardt war Journalist in Linz, ehe er 1964 in die empirische Sozialforschung wechselte. Er war Mitarbeiter am Institut für Demoskopie Allensbach und zählte dort zum Führungskreis um Professor Elisabeth Noelle-Neumann. Ab 1972 Aufbau des Instituts für Markt- und Sozialanalysen (Imas) in Linz. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2017)

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