Gastkommentar

Sollte uns öfter Danke sagen

Europa ist großartig! Kein Wunder, dass Menschen von überall zu uns streben – und sich hier niederlassen wollen.

Nein, ich lasse mir mein Europa nicht schlechtreden! Wir in Europa dürfen uns aufrecht hinstellen und stolz auf all das sein, was wir an Gutem in den letzten Jahrzehnten geschaffen haben. Was in früheren Zeiten nicht so gut gelaufen ist und auch heute noch ungut ist – das haben wir lang genug reflektiert und uns dessen auch schuldig bekannt. Auch das ist ein feiner Zug von Europäern – und in vielen Ländern undenkbar.

Ich danke allen, die daran mitwirken, diesen Kontinent so hochwertig, erstrebenswert und lebenswert zu gestalten.

Ich liebe mein Europa. Der Kontinent ist reich an schöner Natur, aber ziemlich arm an Bodenschätzen. Wir sind nicht wohlhabend geworden durch Erdöl, Gold, Diamanten oder andere seltene Bodenschätze, die auf der ganzen Welt benötigt und teuer gehandelt werden. Unser Reichtum ist überwiegend durch unsere Arbeit entstanden. Fleiß ist ein Motiv bei uns.

Man hat uns Bildungswillen beigebracht, und dass wir als Erwachsene arbeiten sollen und somit an der Finanzierung des Staatswesens mitwirken. Wie wir mit unseren Bedürftigen und Kranken umgehen, ist beispielhaft und in anderen Kontinenten so kaum anzutreffen. Kein Wunder, dass alle zu uns streben und an den Errungenschaften unseres Sozialstaats teilhaben wollen. Wir sollten allerdings jetzt ehrlich zugeben, dass wir nicht alles finanzieren können und die Schuldenlast nachrückende Generationen bedrücken wird.

 

Wir behandeln alle gleich

Wir Ärzte wirken auch an einem wunderbaren Europa mit, und wir behandeln alle gleich. Jeder Kranke bekommt die notwendigen Behandlungen und muss sich keine Sorgen um die Finanzierung machen. Eine kolossale Errungenschaft, die in anderen Ländern unbekannt ist. Wir behandeln die Illegalen, die E-Karten-Betrüger, die Asylwerber und Abgelehnten, die schwerstbehinderten Nachziehenden aus Familienzusammenführung. Wir behandeln alle und machen keine Unterschiede.

Darauf können wir stolz sein. Und nur logisch, dass wir Bedürftige aus allen Ländern magisch anziehen. Wenn wir aber irgendwann sagen, wir können oder wollen nicht alle aufnehmen – dann müssen wir uns Vorwürfe aus aller Welt anhören. Das ist unfair!

Wir sind großartig im Umgang mit religiösen Minderheiten und sollten das auch laut sagen. Toleranz ist ein Bestandteil unserer christlichen Religion. Wenn ich dagegen aber selbst in meiner Ordination keinen Händedruck von Männern mit einer anderen Religionen bekomme, nehme ich das hin und behandle natürlich auch deren Kinder mit Sorgfalt.

Man sollte uns öfter Danke sagen! Danke, ihr Menschen im starken Europa, dass ihr euch kümmert, dass ihr für andere da seid, dass ihr fleißig mitarbeitet an der Zukunft der nächsten Generation! Danke! Und ich bin stolz auf euch und stolz auf mich und mein Europa. Europa ist großartig!

Dr. Lucia Kautek studierte Medizin an der Universität Erlangen und ist seit 2005 Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde in Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2017)

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