Gastkommentar

Pflegeregress? Ja, bitte wieder her damit

Angesichts des Zustands der Pflege wäre ein Rückgriffsrecht der Hilfsbedürftigen auf den Staat wünschenswert.

Das Parlament hat den Pflegeregress abgeschafft. Eine sinnvolle Maßnahme, die dringender Ergänzung bedarf. Wichtiger noch als die Abschaffung des bisherigen Regresses bei der Altenpflege in Heimen ist die Etablierung eines neuen Rückgriffrechts der Hilfsbedürftigen auf jenen Staat, der das System der 24-h-Pflege etabliert und sich dabei nonchalant aus jedweder Verantwortung geschlichen hat. Denn die Zustände in der 24-h-Pflege spotten jeder Beschreibung. Der Autor dieser Zeilen weiß, wovon er schreibt, denn er ist leider gezwungen, sich dieses Systems zu bedienen, und jetzt ist er bedient.

 

Mediokre Kurse und Zeugnisse

Das heimliche Grundprinzip der 24-h-Pflege: Möglichst unqualifiziertes Personal wird auf Basis mediokrer Zeugnisse über die Absolvierung mediokrer Kurse in Oststaaten auf die wehrlosen österreichischen Pflegebedürftigen losgelassen. Diese brennen dafür Beträge, die selbst halbwegs gut situierte Mittelständler in den finanziellen Ruin jagen. Im Gegenzug erhalten sie oft eine Betreuung, die die Bezeichnung 24-h-Folter verdient und nicht das beruhigende Wort „Pflege“.

Glücklich jene wenigen Auserwählten, die das Glück haben, sofort auf kompetente, engagierte und einfühlsame 24-h-Pfleger zu stoßen. Das ist nicht bloß die persönliche Erfahrung des Schreibers, der inzwischen aus einem reichen Fundus von Erlebnissen schöpft, die vielen seiner Schicksalsgenossen in diesem System widerfahren sind. Das Wort „Skandal“ wäre eine generöse, verantwortungslose Untertreibung, wollte man mit einem Wort die herrschenden Zustände beschreiben. (Was sich übrigens in manchen Bereichen der Altenpflege abspielt, ist – systemisch gesehen – die Vorlage für die ins Extreme extrapolierten Umtriebe im 24-h-System.)

Die vor allem in der 24-h-Pflege oft kaum gegebene und praktisch nicht eingeforderte Kompetenz des Personals beruht auf einer These, die ebenso bestechend einfach wie dumm ist: Jeder und jede kann sich waschen, kann einkaufen, kochen, putzen etc. Folglich kann auch jedermann als 24-h-Pflegekraft an Menschen herumpfuschen. Merkwürdigerweise scheint sich aber gerade unter diesem 24-h-Personal ein besonders hoher Prozentsatz von Leuten zu finden, die keine dieser angeblich so simplen Disziplinen beherrschen.

 

Wenig fachgerechte Pflege

Minimalwissen über Grundsätze fachgerechter Pflege sollte man sich ohnehin nicht erwarten. Das Hygieneverständnis vieler Pflegender spottet jeder Beschreibung, wenn sie etwa ihre Schützlinge ohne einen einzigen Wechsel der Einweghandschuhe von Kopf bis Fuß „reinigen“.

Während das hoch qualifizierte Pflegepersonal in Spitälern und mobilen Einrichtungen mit unglaublichem Engagement, Empathie und persönlichem Einsatz bei mittelprächtiger Bezahlung bis an die Grenzen des Machbaren bemüht ist, die Patienten die Resultate diverser Spitalsreformen möglichst nicht spüren zu lassen, kommt der aus dem Spital entlassene „Pflegefall“ voll in den Genuss der Umsetzung kruder Ideen durchgeknallter Gesundheitsökonomen, wenn er ahnungslos in das 24-h-System gestoßen wird. Denn das System (und das betrifft auch die Altenpflege) soll nicht sparsam, sondern billig sein. Das sind zwei ziemlich verschiedene Dinge.

 

Keine anständigen Gehälter

Da man staatlicherseits nicht bereit ist, in den Pflegeberufen anständige Gehälter zu bezahlen (bzw. den zu Pflegenden eine anständige Entlohnung des Pflegepersonals zu ermöglichen) und damit auch für ausreichend Personal zu sorgen, hat man sich der Verantwortung entledigt und ein besonders zynisches System ausgeheckt. Billige Kräfte aus den Oststaaten erledigen die Arbeit und werden im Monatsrhythmus in ihre Heimat, wo sie eigentlich leben, zurückverfrachtet.

Mit sechs Monaten Arbeit kommen diese Menschen auf ein Nettoeinkommen, das im Schnitt dem Dreifachen dessen entspricht, was sie in ihren Herkunftsländern verdienen könnten. So widmen sich inzwischen ganze Familienclans diesem Modell und verteilen die Pflegejobs unter sich. Die diesbezüglichen Zustände sind mit dem Wort „mafiös“ in vielen Fällen zutreffend beschrieben. Ökonomisch gesehen werden damit die kaputten Strukturen in den Oststaaten verfestigt und die inländischen Arbeitslosen geschädigt, von denen viele bereit und fähig wären, sich entsprechende Kenntnisse anzueignen (anstatt in abstrusen AMS-Kursen herumzulungern), und damit endlich eine befriedigende Arbeit zu bekommen, von der man auch leben kann.

Die Qualitätskontrolle ist eine Farce, ein nicht geringer Teil der Vermittlungsorganisationen von 24-h-Pflegern führt die entsprechenden – reichlich laschen – Vorschriften ad absurdum. Oststaatler mit drei Tanten und einem Onkel mutieren zu unkontrollierten Vermittlungsbüros. Leider geht es auch bei etablierten Organisationen oft nicht besser zu. Das Finden eines brauchbaren „Pflegers“ gerät zu einem Mix aus Leidensweg und Glücksspiel „against all odds“.

Denn eine ernsthafte Prüfung der Fähigkeiten der Möchtegernpfleger findet weder durch die Vermittler noch irgendeine Behörde statt (jeder Würstelstand wird schärfer kontrolliert!), sodass jene Pfleglinge, die noch über entsprechende Wahrnehmungsfähigkeiten oder engagierte Verwandte verfügen, selbst herausfinden dürfen, ob die Pflegekraft den Unterschied zwischen Körperverletzung und Pflege kennt. Auch den Eigentumsbegriff legen manche dieser Pfleger, die von den Organisationen vermittelt werden, durchaus eigenwillig aus. Es geht hier nicht um einzelne schwarze Schafe, sondern um riesige Herden selbiger – gezüchtet von einem politischen System (inkl. Sozialversicherung), das sich jeder praktischen Verantwortung entzogen hat.

 

Mittelalterliche Romantik

Den Menschen wird heute totale Flexibilität abverlangt, und während manche mit der einen Hand neue Formen der Familie im Parlament niederstimmen, zerstören sie gleichzeitig die alten Familienstrukturen, was im Zeitalter des Unterordnungszwangs unter angebliche ökonomische Zwänge die Idee der pflegenden Verwandtschaft zur mittelalterlichen Romantik reduziert.

Alle jammern über Industrie 4.0. Dabei gäbe es mehr als genug Arbeit. Man müsste sich bloß darauf besinnen, dass der Mensch noch immer das Modell 1.0 ist – egal, ob inländischer Arbeitsloser oder Pflegebedürftiger. Anstatt den hiesigen Arbeitsmarkt zu schädigen und die Zustände in den Oststaaten schamlos auszunutzen, muss die Politik deutlich mehr Geld in die Pflege alter oder kranker Menschen investieren.

Dies ist nämlich eine öffentliche Aufgabe wie Wasserversorgung oder Sicherheitswesen. Dass damit eine völlige Neuaufstellung des Sozialversicherungswesens (Umstellung von Versicherung auf Steuer) im Raum steht, versteht sich von selbst. Wäre das nicht ein lohnendes Wahlkampfthema?

DER AUTOR

Michael Amon (*1954 in Wien) lebt als freier Autor in Gmunden und Wien. Der Romancier und Essayist ist außerdem geschäftsführender Gesellschafter einer kleinen Steuerberatungskanzlei. Zuletzt erschienen zwei Bücher von ihm: „Panikroman“, sowohl Psychogramm eines Börsenhändlers als auch der Finanzmärkte, und „Nachruf verpflichtet“ als Band drei der „Wiener Bibliothek der Vergeblichkeiten“. [ Privat ]

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2017)

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