„Tatort“ Wiener Krankenhäuser

Die Hirngespinste eines alten Primarius und das wahre Geschehen im heutigen Krankenhausbetrieb.

Vor Kurzem konnte man im Fernsehen staunend die Aussage eines Direktors der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt vernehmen, in der er mitteilte, dass es sich um ein Dienstvergehen handle, wenn ein diensthabender Arzt des Unfallkrankenhauses Lorenz Böhler an einem Tag, an dem das Operieren verboten war, den Hörer des roten Rettungstelefons abhebt, wenn es geläutet hat.

Viele schüttelten den Kopf und fragten nach dem Sinn dieser Maßnahme, weil sich ja schon seit Jahrzehnten gezeigt hat, dass alle Versuche scheitern, die Arbeitsbelastung in Krankenhäusern durch Reduktion der Patienten- und Patientinnenzahl zu mindern.

Aber man hat dazugelernt und versucht es jetzt mit drastischeren Methoden. So sollten eine Zeit lang nachts zwischen 22 Uhr und 6 Uhr des nächsten Morgens keine Verletzten aufgenommen werden, außer sie kommen per Rettung oder per Hubschrauber. Damit dies aber nicht überhandnimmt, sollen jetzt, wie berichtet wurde, auch diese Aufnahmen an Wochenenden verboten werden; es dürfe auch nicht operiert werden.

 

Wo man noch sparen könnte

Zwar hat man ja an all diesen Tagen zu jeder Stunde entsprechende Dienstmannschaften aller Arbeitsbereiche vorgesehen. Die könnte man dann aber einsparen: die Sekretärinnen, die zur ambulanten oder stationären Aufnahme alle vorbereitenden Arbeiten klaglos fehlerfrei erledigen; die Röntgenassistentinnen, die genau wissen, wie man das Röntgenbild für die Lunge, für das Knie oder das Sprunggelenk einstellen muss; „Flott“ und „Fröhlich“ und alle anderen, die da zusammenarbeiten, die Schwestern, die Hilfskräfte, die Laborantinnen, die Heilgymnastinnen, die Ärztinnen und Ärzte. Sie sind alle zu teuer.

Man überlegt auch, das Röntgen von Freitag bis Montagfrüh nicht zu besetzen oder nur minimal. Wenn man ein dringendes Lungenröntgen bei einem Verletzten braucht, wird sicher ein Radiologe der Umgebung einspringen, oder man schickt den Verletzten gleich samt Bett in ein anderes Krankenhaus.

 

Ansuchen an die Direktion

Der Routinier überlegt, ob man in solchen Fällen nicht schon vorher ein Ansuchen an die Direktion richten sollte, um Bosheitsfälle der Ärzte zu vermeiden. Dann bekäme man zwar die Erlaubnis, aber die Röntgenuntersuchung ist dann wahrscheinlich gar nicht mehr notwendig.

Es gab Zeiten, in denen nur die Opfer von Arbeitsunfällen in Unfallkrankenhäusern aufgenommen werden durften. Die erste Frage an den Verletzten hieß also nicht, wo er Schmerzen hat, sondern wer für seine Behandlung zahlen würde. Die AUVA oder eine Krankenkassa?

Diese Maßnahmen sprechen sich herum. Die Sanitäter sagen dann den Polizisten und Verletzten schon, ob es sinnvoll ist, ins Unfallkrankenhaus zu fahren oder nicht, weil man von dort eventuell weitergeschickt wird. Zitzerlweises Ersticken eines Krankenhauses.

Da geht's in den Wiener Gemeindespitälern anders zu. Dieses Krankenhaus lebt! Ein anderes wird zugesperrt, weil es keine Gangbetten hat? Nein, sondern weil ein anderes Krankenhaus, das schon seit einigen Jahren immer nächstes Jahr fertig wird, im Jahr 2019 mit allem, was der Mensch braucht, eröffnet werden soll – wenn man die richtigen Dübel verwendet hat und die Glasplatten nicht herunterfallen.

So ist es natürlich nicht. Das sind alles nur Hirngespinste eines alten Primarius, der den vielen Gerüchten nicht Glauben schenken kann. Man könnte aber am Sonntag einen „Tatort“ daraus machen.

Univ.-Prof. Dr. Johannes Poigenfürst (*1929 in Wien) war jahrelang Leiter des Unfallkrankenhauses Lorenz Böhler in Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2017)

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