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Klimarettung im Flug

04.12.2009 | 18:39 | GASTKOMMENTAR VON GERNOT WAGNER (Die Presse)

Flug von Washington nach Kopenhagen? Ja. Wien-Linz? Nein.

Man trifft sich in Bali, Bangkok, Barcelona und Bonn. Die Gesichter sind immer dieselben. Freunde und Kollegen kommen aus der gesamten Welt — aus über 180 Ländern, um es genau zu nehmen. So geht es schon seit über fünfzehn Jahren. Eine Traumdestination nach der anderen, manche träumlicher als andere. Accra im August war angenehm, Posen im Dezember nicht unbedingt. Kioto war historisch. Kopenhagen hat noch Potenzial. Willkommen in der wunderbaren Welt der Klimagespräche.

Seit Jahren geht es darum, die Klimakatastrophe unter Kontrolle zu bringen. Seit Jahren fliegen Delegierte aus aller Welt zu klimatisierten, fensterlosen Konferenzzentren in exotischen Destinationen.

Als oft erzählte Fabel gilt, dass beim Verhandeln des 1997 abgesegneten Kyoto-Klimaprotokolls mehr Treibhausgase ausgestoßen wurden, als das Protokoll schlussendlich vermeiden würde. Das ist natürlich Unsinn.

Es geht um nichts weniger als eine vollkommene Neuorientierung der Weltwirtschaft, eine Umgestaltung des vier Billionen Euro starken Energiesektors. Kyoto hat trotz aller Probleme – und ohne USA – auch Wirkung gezeigt. Das resultierende EU-weite Emissionshandelsgesetz hat den europäischen Treibhausgasausstoß eingedämmt und sorgt seit Kurzem auch für jährliche Rückgänge von etwa einem Prozent.


Transport als Umweltfaktor

Das ist freilich noch nicht genug. Vier Prozent pro Jahr und mehr – spätestens ab 2020 auch global – sind gefragt, um das Klima zu stabilisieren. Glücklicherweise hatte Kioto auch einen anderen Effekt. In Europa und Japan sind Patente für saubere Energie und grüne Technologien in den zehn Jahren nach 1997 pro Jahr um neun Prozent gestiegen. Australien und die USA sahen in der gleichen Zeit keinen solchen Innovationsschub. Kyoto alleine war das nicht. Dabei halfen auch gezielte Subventionspolitik und andere politische Rahmenbedingungen. Die gibt es in der EU, erst seit Kurzem auch in den USA. Um die achtzig Milliarden Dollar des amerikanischen Wirtschaftspakets Anfang dieses Jahres flossen in den Klimaschutz.

Bei den Klimagesprächen deutet derweilen alles auf ein politisches Abkommen diesen Dezember in Kopenhagen hin. Sprich, Diplomaten werden auf den Seitenlinien stehen, während die Obamas, Browns, Wens, Lulas und Singhs dieser Welt ein Rahmenübereinkommen erzielen, das für den Klimatross nochmals zumindest ein Jahr harter Diplomatie verspricht, bis es tatsächlich zu einer Erneuerung Kyotos oder einem gänzlich neuen Klimaprotokoll kommt. Das bedeutet abermals viele Flugmeilen für die Klimaverhandler.

Transport ist auch ein großer Umweltfaktor. Ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen entsteht auf der Straße.

Teil der Antwort sind effizientere Autos. Ein weiterer großer Teil sind neue transportable Energieformen wie Wasserstoff statt Benzin oder Elektroautos. Ein Teil muss auch durch Verhaltens- und längerfristige Lebensänderungen stattfinden – Schiene statt Straße, Rad statt Auto und Stadtwohnung in der Nähe der Arbeit anstatt Haus im Grünen in der Nähe der Autobahnauffahrt.

Ein Aspekt des Transports, der sich nicht sofort ändern lässt, ist der Flugverkehr. Selbst hier gibt es aber bereits Ansätze. Effizienteres Fliegen spart jetzt schon Unmengen an Sprit und Fluglinien einiges an Kosten. Biosprit erlebte bereits seine ersten Testflüge und ist auch nur mehr eine Frage der Zeit.

Schlussendlich stehen auch Verhaltensänderungen ins Haus. Eintagesausflüge zum Shoppingtrip nach Zürich sollten durch faire Flugpreise einfach unterbunden werden, Flüge von Wien nach Linz sowieso.

Aber wie kommt man nach Bangkok, oder für Nichteuropäer etwa nach Kopenhagen? Gar nicht ist keine Antwort. Von Pauschalurlauben auf Phuket einschließlich Münchner Bierhaus mit Thailänderinnen im Dirndl mal abgesehen, Reisen sind grundsätzlich gut, entspannend und menschenverbindend. Treibhausgase sind ein negativer Beigeschmack des Reisens, kulturelle Verständigung bis hin zur Kriegsvermeidung ist ein unangefochten positiver.


Zukunftschance Klimaschutz

Die Frage ist nur, wie man die Reisen auch umwelt- und klimaschonend gestalten kann – und auch so, dass man außerhalb von Einheitshotels und Sodexho-Buffets auch tatsächlich etwas vom Land und der Kultur sieht. Wenn man schon Treibhausgase ausstößt, dann zumindest, um auch Gutes zu erfahren oder etwa zu tun. Die Klimaforschung öffnet eine Welt der Möglichkeiten für die Wirtschaft sowie eine große Herausforderung für Politiker und Klimaverhandler. Wir wissen, dass wir mit klaren politischen Signalen Investitionen in emissionsreiche, effizienzarme Infrastruktur in eine emissionsarme, effizienzreiche Zukunft umlenken können.

Und wir wissen, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre alle großen Nationen dieser Welt auf einem Weg der fallenden Treibhausgase sein müssen. Die Aufgabe vor uns ist, ein globales Abkommen zu erzielen, das dieses Umlenken möglich macht – ohne Verzögerung.

Gernot Wagner ist Ökonom beim Environmental Defense Fund in New York und Autor von „Der Rest der Welt: Ein Reiseführer für überzeugte Daheimbleiber“.


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