Gastkommentar

Russland, die Ukraine und Europa

Moskau muss seine Rolle als großer Bruder aufgeben – das liegt im Interesse der beiden Nachbarn und der Europäer.

Die Geschichte der russisch- ukrainischen Wechselbeziehungen war und ist bis heute von Asymmetrien geprägt. Russland und die Russen haben seit dem späten 18. Jahrhundert die Ukraine und die Ukrainer nicht als gleichberechtigte Partner anerkannt. Der größere Bruder liebt seinen kleineren Bruder, der schön singt und tanzt, doch bevormundet er ihn und zwingt ihm seinen Willen und seine Sprache auf. Will der Kleinere sich aus der Obhut des Größeren befreien, reagiert dieser heftig und versucht, das mit allen Mitteln zu verhindern.

Besonders deutlich zeigte sich das im 19. Jahrhundert. Die gebildeten Russen, die die Ukraine entdeckten, malten sie und ihre Bewohner zunächst in hellen Farben. Diese Ukrainophilie fand ihr Ende, als die Ukrainer begannen, sich als eigenständige politische Gemeinschaft zu imaginieren. Russland antwortete mit dem Anspruch der allrussischen Nation, in der Großrussen, Ukrainer und Weißrussen eine unauflösbare Einheit bildeten, und mit dem Verbot der ukrainischen Sprache in Publizistik und Schule.

 

Wechselseitiges Misstrauen

Die Verbindungen der Ukrainer zu den Ruthenen im österreichischen Galizien wurden argwöhnisch beobachtet und behindert. Das Verhältnis Russlands und der Russen zu den Ukrainern Galiziens mit ihrer jahrhundertelangen Zugehörigkeit zu Polen-Litauen und ihrer häretischen Konfession blieb von wechselseitigem Misstrauen bestimmt, auch als Stalin Teile des ukrainischen Volkes mit dem großen russischen Bruder „wiedervereinigte“.

Als das Zarenreich 1917 gestürzt wurde und anschließend zerfiel, ergriffen ukrainische Politiker die Gelegenheit, einen unabhängigen Staat auszurufen. Dieser wurde zwar weder von den bolschewistischen Roten noch von den gegenrevolutionären Weißen noch von den Westmächten unterstützt, doch musste die Sowjetregierung nach der Eroberung der Ukraine auf diese Emanzipationsbestrebungen Rücksicht nehmen. In den 1920er-Jahren wurde die Ukraine als Nation anerkannt, erhielt ein Territorium mit festen Grenzen und konnte sich im Rahmen der Sowjetordnung kulturell entfalten. Als ukrainische Nationalkommunisten begannen, politische Forderungen zu erheben, griff der Staat ein und terrorisierte die junge ukrainische Nation mit Hungertod und „Säuberungen“.

Trotz mancher Avancen Chruschtschows blieb die russisch-ukrainische Asymmetrie bis zum Ende der Sowjetunion und darüber hinaus erhalten. Russland hat die Ukraine bis heute nicht als eigenständige Nation akzeptiert, sondern betrachtet sie als Teil der sogenannten russischen Welt.

Das westliche Ausland übernahm die Vorstellung des großen und des kleinen Bruders. Die Ukraine wurde nicht als eigenständige Akteurin wahrgenommen, die Politik der Großmächte, besonders Deutschlands und Russlands, ging über sie hinweg. Die Ukraine steht noch immer im Schatten Russlands, das seit mehr als zwei Jahrhunderten die Deutungshoheit über die Geschichte Osteuropas hat.

Weitgehend vergessen ist heute, dass die Ukraine in der Frühen Neuzeit in Europa als eigenständiges Land wahrgenommen wurde. Die Ukraine hatte von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts einen festen Platz auf der mentalen Karte Europas, was sich in zahlreichen Publikationen, in Enzyklopädien und auf Karten widerspiegelte. Das heutige Russland war dagegen seit dem Mongolensturm des 13. Jahrhunderts ein weitgehend unbekanntes Land. Im 16. Jahrhundert entdeckte der Westen „Moskowien“ schrittweise, doch erst seit der Regierungszeit Peters des Großen wurde Russland als europäische Großmacht wahrgenommen und erhielt einen festen Platz auf der kognitiven Landkarte Europas.

 

Sowjetunion=Russland

Im Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwanden die Ukrainer fast vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein. Die Sowjetunion wurde weithin als Russland wahrgenommen, die Nationalitätenfrage galt als gelöst. Auch nachdem die Ukraine ein unabhängiger Staat geworden war, veränderten sich die Wahrnehmungen im westlichen Ausland nur langsam. Die Ukrainer wurden in der Öffentlichkeit, aber auch von vielen Politikern und Historikern, noch immer als Ableger der Russen betrachtet, die keine eigenständige Nation waren, einen russischen Dialekt sprachen und keine eigene Geschichte und Hochkultur besaßen. Russland wurde dagegen gemeinhin mit der Sowjetunion gleichgesetzt, zu der die Ukraine (und Russland) gehört hatte(n).

Die überraschende Massenbewegung der Orangen Revolution brachte im Herbst 2004 die Ukraine über die Fernsehschirme plötzlich in die Wohnstuben. Als der Westen nicht auf die Ukraine zuging und die Orangenblüten bald verwelkten, ging das Interesse an der Ukraine alsbald wieder zurück. Das änderte sich erst im Winter 2013/14, als sich mit der Revolution des Euro-Maidan und dem militärischen Eingreifen Russlands die Scheinwerfer erneut auf die Ukraine richteten.

 

Eigenständiger Akteur

Dennoch verändert sich die westliche Ukraine-Perzeption auch jetzt nur zögernd. Noch immer sind viele nicht bereit, den ukrainischen Staat als eigenständigen Akteur der Geschichte zu akzeptieren. Für zahlreiche Politiker, Wirtschaftsführer und Diplomaten ist die Ukraine nach wie vor nur als Schachfigur in den Beziehungen zu Russland von Interesse. Dieses Denken in Großmachtkategorien nimmt keine Rücksicht auf die Ukraine und ihre Interessen, diese wird als Objekt und nicht als Subjekt der Geschichte wahrgenommen.

Die Ukraine, die seit mehr als einem Vierteljahrhundert erstmals in ihrer Geschichte für eine längere Zeitdauer unabhängig ist, hat sich auf dem Euro-Maidan von der sowjetischen Vergangenheit und vom russischen großen Bruder verabschiedet. Sie holt die Revolution von 1989 nach und reiht sich in den Kreis der europäischen Nationen ein. Es ist an der Zeit, dass wir der Ukraine einen eigenen festen Platz auch auf der mentalen Landkarte Europas einräumen.

Russland und die Ukraine sind seit jeher Bestandteile Europas und seiner Geschichte. Es liegt in unserem Interesse, dass sich das Verhältnis der beiden Nachbarn wieder verbessert. Das wird nicht einfach sein, denn Propaganda und Krieg haben Hass gesät und Gräben selbst innerhalb von Familien und Freundeskreisen aufgerissen, die nur schwer zu überbrücken sein werden. Ein normales gutnachbarliches Verhältnis wird nur dann hergestellt werden können, wenn Russland sich aus der Ukraine zurückzieht, seine paternalistische Haltung aufgibt und die Ukraine und die Ukrainer als eigenständige gleichberechtigte Partner anerkennt, wenn es also seine Rolle als großer Bruder aufgibt.


Der Text ist ein Auszug aus Andreas Kappelers soeben im C.-H.-Beck-Verlag erschienenem Buch: „Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Taschenbuch, 268 S., 17,50 €.

DER AUTOR

Andreas Kappeler(geboren 1943 in Winterthur) war von 1998 bis 2011 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Er ist ein weltweit anerkannter Experte für Nationalitätenfragen in Osteuropa. Soeben ist sein neuestes Buch über die schwierigen Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine erschienen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2017)

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