25.05.2012 19:35 | Meine Presse Merkliste 0

Ist etwa die Autonomie schuld?

GASTKOMMENTAR VON WOLFGANG SCHÜTZ (Die Presse)

Die österreichische Politik beginnt mit ersten verhohlenen Angriffen auf die Universitätsautonomie ein gefährliches Spiel.

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Im Zuge der wochenlangen Hörsaalbesetzungen und des in deren Folge eingesetzten Hochschuldialogs springen einzelne Politiker bereits auf den von den Besetzern ins Rollen gebrachten Zug auf, den autonomen österreichischen Universitäten die Schuld für die Proteste zuzuschieben. Am gefährlichsten ist die Aussage der Unterrichtsministerin, die – primär natürlich, um sich gegen den Koalitionspartners zu profilieren – eine „totale Umgestaltung“ der Universitäten fordert und dazu ein Elf-Punkte-Programm der SPÖ vorlegt, in dem Forschung fast völlig negiert wird. Ihr medial vermittelter O-Ton war: „Die Zahl der Studierenden könne nicht die Entscheidung der Rektoren sein.“

Damit wird begonnen, an einer der wenigen Errungenschaften zu kratzen, um die viele andere EU-Länder Österreich zu Recht beneiden, nämlich die Universitätsautonomie. Denn die Zahlen, welche die Universitäten seit 2004, dem Start des Universitätsgesetzes 2002, produzierten, sprechen trotz permanenter Unterfinanzierung (und hier sind die Proteste der Studierenden voll berechtigt) für sich: Es nahmen die Zahl der Absolventinnen und Absolventen, die Zahl der Studierenden in Mindeststudienzeit und die Doktoratsabschlüsse überproportional zu, die Zahl der Studienabbrüche hingegen markant ab; in der Forschung stiegen die Zahl der Publikationen (insbesondere solche in hochrangigen internationalen Zeitschriften) und die Zahl der Patentierungen in diesem Zeitraum ebenso stark an wie die Akquirierung von Drittmitteln aus der Forschungsförderung (sei es über den FWF, sei es über die Rahmenprogramme der EU); und auch der Erfüllung des Frauenförderplans wurden die Universitäten viel besser gerecht, als es vorher dem Bund als Rechtsträger der Universitäten möglich war. All diesen Aussagen liegen konkrete Daten zugrunde, die jenen Kennzahlen der Wissensbilanz zu entnehmen sind, an die 20Prozent des Globalbudgets der Universitäten gekoppelt sind.


Ungünstige Betreuungsverhältnisse

Die schlechten Platzierungen der heimischen Universitäten in internationalen Rankings sind vor allem auf die äußerst ungünstigen Betreuungsverhältnisse von Lehrenden zu Studierenden zurückzuführen, eben weil in einem einzigen Punkt die österreichischen Universitäten keine Autonomie erhielten: Sie dürfen im Gegensatz zu den Universitäten, die in den Rankings weit vorn liegen, nicht entscheiden, welche und wie viele Studierende sie aufnehmen. Natürlich gäbe es dann weniger Studienanfängerinnen und Studienanfänger in überlaufenen Fächern. Dafür würden die Universitäten aber für weniger Studienabbrüche, für mehr Abschlüsse mit kurzer Studiendauer und letztlich überhaupt für mehr Absolventinnen und Absolventen sorgen! Dafür erlauben sie sich, von den Studierenden auch eine Leistung zu verlangen, um sie gerüstet in den akademischen Alltag zu entlassen, und bieten Studien mit anspruchsvollen und strukturierten Curricula an („anspruchsvoll“ und „strukturiert“ wird in der politischen Agitation dann als „überladen“ und „verschult“ bezeichnet). Übrigens sind diese Curricula allesamt von den Studierenden in den Studienkommissionen und Senaten mitbeschlossen worden.


Rückfall in universitäre Steinzeit?

Noch kann man optimistisch sein, dass aufgrund der Studierendenproteste die Unterfinanzierung der Universitäten rasch beendet und deren Autonomie – ausschließlich zum Vorteil der Studierenden – gestärkt wird. Sollte die Politik aber tatsächlich zu der Meinung kommen, die Verantwortung für Forschung und Studium wieder selbst in die Hand nehmen zu müssen, droht ein Rückfall in die universitäre Steinzeit. Die Studierenden hätten dann zwar ihre Basisdemokratie, mit der die Universitäten wieder Anträge an das Wissenschaftsministerium stellen dürfen, dieses entscheidet dann allerdings nicht selten aufgrund irgendwelcher Interventionen (so war es vor dem Universitätsgesetz2002). Oder noch schlimmer: Das Parlament erstellt Rahmenbedingungen für Studienpläne (damit sie nicht überladen und verschult werden, d.h. wenig Leistung abverlangen). In der Medizin hatten wir bis 2002 ein solches „Studienrahmengesetz“ mit hoher Widerstandskraft gegen Veränderungen – man konnte sich über 100 Jahre nicht entscheiden, es an die Entwicklung in der Medizin anzupassen.


Neuorganisation der Mitbestimmung

Die von den Studierenden so vehement geforderte vermehrte Möglichkeit der Mitbestimmung an den Universitäten (Demokratisierung) kann auch durch ohnehin längst fällige Maßnahmen innerhalb der Autonomie erreicht werden:
•Bei Trennung des Globalbudgets in eines für Lehre und eines für Forschung ist es sinnvoll, die Studierenden in die Allokation des Lehrbudgets einzubinden.
•Bei Einführung des immerhin auch im Regierungsprogramm enthaltenen Faculty-Modells anstatt des jahrzehntealten, überholten Kurienmodells (der Senat der Universität wird aus drei Kurien gebildet: Professoren/Professorinnen, Mittelbau und Studierende) – nach angelsächsischem Muster – eine Universität nur mehr in Lehrende und Studierende gruppieren und verbesserte Mitbestimmungsmöglichkeiten für Letztere ermöglichen.

Wolfgang Schütz ist Pharmakologe und seit 2003 Rektor der Medizinischen Universität Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2009)

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2 Kommentare
Gast: Apoph
18.11.2010 10:25
0 0

Leere Worte

Was die MUW jetzt braucht, ist eine intelligente und weitblickende Führung, statt leere Phrasen jenes Rektors, der das UG2002 fälschlicherweise als Freibrief für seine dikatorische Führung verstanden hat. Etwa eine starke Frau im Rektorat, was vorbildlich wäre, die die Versäumnisse der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte aufholt und die MUW wieder in eine Spitzenposition führt, bzw. einen zwingend notwendigen Generationswechsel darstellt.

Gerade der Rektor der MUW ist landesweit nahezu der Einzige, der durch die Folgen seines Handelns auf gravierende Fehler im UG 2002 hingewiesen hat. Die u.a. durch ihn forcierte Notwendigkeit eines politischen Eingriffes hat deshalb recht wenig mit einem Einschnitt in die Uni-Autonomie zu tun.

Gast: Gast
29.12.2009 14:46
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Autonomie ?

Die Universitätsautonomie stellt keine Autonomie mehr sondern eine universitätsinterne Diktatur dar. Dies insbesondere Seite es durch das UOG 2002 zu einer gefährlichen Machtkonzentration gekommen ist. Es kann nichts Besseres passieren als dass dieses System unter transparente und öffentliche Kontrolle gestellt wird, sodass die dort investierten Steuermittel auch wirklich im Sinne der Bevölkerung und Wissenschaft genutzt werden können und nicht zur Förderung der persönlichen Machtinteressen einiger weniger dienen.

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