Gastkommentar

Vier Maßnahmen, um das Leiden im Jemen zu beenden

Ein bewaffneter Konflikt, die Cholera und eine Hungersnot beinträchtigen das Leben von 21 Millionen Jemeniten.

Der vier Monate alte Saleh kämpft in einem Krankenhaus in al-Hudaydah um sein Leben, wo er wegen einer schweren akuten Unterernährung behandelt wird. Da im ganzen Land ein Konflikt wütet, kann seine 22-jährige Mutter Nora nicht genügend Nahrung oder sauberes Wasser beschaffen, um ihre sechs Kinder gesund zu halten.

Im Jemen beeinträchtigt heute eine dreifache Bedrohung von bewaffnetem Konflikt, Cholera und einer drohenden Hungersnot das Leben von 21 Millionen Menschen. Der Jemen leidet nicht nur unter der derzeit weltweit größten Hungerkrise, sondern auch unter dem schlimmsten Choleraausbruch, der mehr als 500.000 Menschen betrifft.

Die Krise im Jemen wurde von Menschen verursacht. Sie wird durch einen Konflikt angetrieben, dessen Taktik das Leiden von Zivilisten und die Zerstörung lebenserhaltender Institutionen einschließt. Die Cholera hat bereits fast jeden Regierungsbezirk erreicht und 2000 Menschen getötet, mindestens 40 Prozent von ihnen Kinder. Das angeschlagene Gesundheitssystem hat im Kampf gegen die Cholera das Nachsehen, Kliniken und Krankenhäusern mangelt es an Personal, Medikamenten und Ausrüstung.

 

Zivilisten tragen Hauptlast

In diesem Konflikt, wie in so vielen anderen, sind es Zivilisten, die die Hauptlast der Gewalt tragen. Seit März 2015 hat das UN-Menschenrechtsbüro 13.829 zivile Opfer dokumentiert, darunter 5110 Tote und 8719 Verletzte. Die Gesamtzahl ist wahrscheinlich viel höher. Millionen von Menschen mussten zusehen, wie ihre Häuser, Schulen, Marktplätze, ja ganze Städte von Bomben und Granatfeuer zerstört wurden. Sie wurden gezwungen, mit ihren Familien zu fliehen, um zu überleben. Die Hälfte der Krankenhäuser und Kliniken im Jemen sind zerstört oder geschlossen.

Die Wirtschaft des Landes wird durch ungerechtfertigte Beschränkungen der Einfuhr kommerzieller und humanitärer Güter beeinträchtigt; die Infrastruktur, entscheidend für den Transport von Gütern, ist teilweise zerstört; 70 Prozent der Unternehmen haben aufgehört zu arbeiten; eine Million Beamte sind seit mehr als zehn Monaten nicht bezahlt worden; zwei Millionen Kinder wurden gezwungen, ihre Schulbildung abzubrechen. Und das Ausmaß sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt ist dramatisch gestiegen.

 

Uneingeschränkter Zugang

Trotz dieser immensen Herausforderungen haben 122 humanitäre Organisationen – zwei Drittel davon einheimische NGOs – ihre Arbeit ausgeweitet, operieren mittlerweile in jedem Regierungsbezirk des Landes und erreichen so jeden Monat etwa 4,3 Millionen Menschen mit Nahrungsmittelhilfen. Aber das ist nicht genug.

Um dem Jemen Unterstützung zu verschaffen und jene Menschen zu erreichen, die Hilfe brauchen, fordern wir vier vorrangige Maßnahmen.
Erstens: Um Menschen zu schützen und zu retten, müssen humanitäre Organisationen diese Menschen auch uneingeschränkt erreichen können. Der Sicherheitsrat bekräftigte in seiner Präsidialerklärung vom 15. Juni 2017 seine Aufforderung an alle Konfliktparteien im Jemen, einen sicheren und nachhaltigen humanitären Zugang zu gewährleisten und das humanitäre Völkerrecht zu respektieren. Die mutigen Freiwilligen, Hilfskräfte und Mitarbeiter im Gesundheitswesen, die versuchen, Hilfe zu leisten, Leben zu retten und Menschen inmitten von Gewalt zu schützen, dürfen kein Ziel von Angriffen sein. Sogar Kriege haben Regeln, und die kriegführenden Parteien müssen diese einhalten.
Zweitens müssen die internationalen Geldgeber ihre Finanzierungsverpflichtungen einhalten. Im April 2017 hielten die Regierungen der Schweiz und Schwedens und das zuständige UNO- Büro eine Geberkonferenz über die Jemen-Krise ab, bei der die Geber großzügig 1,1 Milliarden US-Dollar zusagten. Drei Viertel dieser Summe wurden ausgezahlt. Allerdings sind die Anforderungen aufgrund des Choleraausbruchs inzwischen auf 2,3 Milliarden US-Dollar angestiegen, sodass eine Finanzierungslücke von fast 60 Prozent besteht.

Diese Finanzierungslücken entscheiden über Leben und Tod. Hilfsorganisationen müssen nun kostbare Ressourcen in die Bekämpfung der Cholera investieren, was die Verhinderung einer Hungersnot gefährden kann.
Drittens müssen alle Konfliktparteien sicherstellen, dass keine Beschränkungen für die Einfuhr wichtiger Güter in den Jemen stattfinden, das gilt vor allem für Lebensmittel und lebenswichtige Medikamente. Es ist von größter Wichtigkeit, dass der Hafen von al-Hudaydah offen gehalten und gesichert wird, da es der wichtigste Einfuhrpunkt für die meisten Importe und humanitären Hilfslieferungen ist. Einschränkungen für Zivilpersonen, die Hilfe benötigen, müssen ebenfalls beendet werden, einschließlich der sofortigen Öffnung des internationalen Flughafens von Sana'a und des Luftraums über dem Jemen.

 

Frauen in Prozess einbinden

Letztendlich wird das Leiden im Jemen nur dann aufhören, wenn der Konflikt beendet wird. Wir fordern alle Parteien auf, Fortschritte zu erzielen, um eine integrative friedliche Lösung zu finden, in die Frauen während des gesamten Prozesses eingebunden sind. Die Menschen im Jemen haben genug gelitten. Wir müssen in unseren Bemühungen, 21 Millionen Menschenleben – mehr als drei Viertel der jemenitischen Bevölkerung – zu schützen, unnachgiebig sein. Es ist unser kollektiver moralischer Imperativ, alles zu tun, um ihr Leiden zu beenden.

 

Stephen O'Brien (*1957) ist seit 2015 Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten.

Margot Wallström (*1954) ist seit 2014 Außenministerin Schwedens.

Didier Burkhalter (*1960) ist Bundesrat und seit 2012 Außenminister der Schweiz.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Vier Maßnahmen, um das Leiden im Jemen zu beenden

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.