Replik

Das Juridicum macht sehr wohl seine Hausaufgaben

Einige Richtigstellungen zur Kritik an der Juristenausbildung an der Uni Wien.

Der Präsident der Wiener Rechtsanwaltskammer, Michael Enzinger, hat in einem Interview mit der „Presse“ (14. 9.) einen Rundumschlag gegen die Juristenausbildung am Juridicum geboten. Das gibt Gelegenheit, einige charakteristische Stärken des Jusstudiums an der Universität Wien in Erinnerung zu rufen – vor allem schlichte Fakten, deren Kenntnis Voraussetzung für eine sinnvolle Diskussion wäre.

Zu den Fakten: Enzinger kritisiert, wir hätten im Rahmen der „aktuellen Curricula-Novelle 2017 einen sehr bunten Strauß gebunden“, in dem sich „sehr viele exotische Dinge finden“. Richtig ist vielmehr, dass die Inhalte des Curriculums im Rahmen der Reform 2017 fast unverändert blieben – es ging dort vielmehr um eine deutliche Reduktion der verpflichtenden Einzelprüfungen im Sinne einer Stärkung studentischer Eigenverantwortung.

In der Tat bietet das Juridicum aber – im Wahlfachbereich – ein breit gefächertes Angebot, zum Großteil sehr Handfest-Praktisches, aber auch Theorie, je nach Interessen der Studierenden. Enzinger beklagt, es gäbe „keine einzige Veranstaltung“ zur Betriebswirtschaftslehre, „Wirtschaftskompetenz wird nicht vermittelt“, das „Steuerrecht ist nur ein Wahlfach“, und man habe es „nicht geschafft, Fremdsprachenkompetenz in das Studium hineinzubringen“. Auch das ist unrichtig.

 

Steuerrecht ist Pflichtfach

Das Pflichtfach „Juristische Wirtschaftskompetenz“ besteht aus Betriebswirtschaftslehre, Bilanzrecht und Finanzwissenschaften, das Steuerrecht ist ebenfalls seit Langem ein Pflichtfach. Es gibt einen eigenen Wahlfachkorb „Revision und Controlling“, man kann (daher) mit unserem Mag. iur. unmittelbar ein Masterstudium der BWL oder IBWL beginnen, weil schon im Jusstudium so viel Wirtschaftskompetenz vermittelt wird, dass man den BWL-Bachelor überspringen kann. Unsere Studierenden müssen fremdsprachige Lehrveranstaltungen absolvieren. Derzeit ist das in fünf Sprachen möglich, im kommenden Semester stehen dafür über 50 fremdsprachige Lehrveranstaltungen zur Verfügung. Besonders Interessierte können zudem die Wahlfachkörbe „Culture Juridique francophone européenne et internationale“ und/oder „International Legal Practice and Language“ besuchen.

 

Gleichstellung nicht „exotisch“

Es fehlt hier der Platz, um noch weitere Missverständnisse aufzuzählen. Was Enzinger fordert, ist mithin zum Großteil längst Realität. Allerdings halten wir etwa – anders als offenbar Enzinger – das Thema Gleichstellung der Geschlechter nicht für „exotisch“. Vor allem stehen wir – auch das im Unterschied zu Enzinger – für eine Ausbildung, die neben der zentralen Praxisvorbildung auch Bildung über das Recht vermittelt. Wir meinen, dass ein heutiges Jusstudium unsere Absolventen und Absolventinnen nur zukunftsfähig macht, wenn es auch um die europäische und internationale Perspektive geht – und zwar von Anfang an.

Zu Recht wichtig ist Enzinger das Thema „Digitalisierung“. Die Fakten: Wir bieten dazu seit 1999 ein spezielles LL.M.-Studium „Informations- und Medienrecht“ an; zu den Wahlfachkörben zählen „Computer und Recht“ und „Technologierecht“. Unser Entwicklungsplan enthält einen neuen Forschungsschwerpunkt „Digitale Wirtschaft – digitales Recht“, an dem sich zahlreiche Kolleginnen und Kollegen beteiligen. Eben haben wir eine neue Professur „Technologie- und Immaterialgüterrecht“ besetzt und eine neues Institut für „Innovation und Digitalisierung im Recht“ gegründet. Das Juridicum macht also seine Hausaufgaben und lebt im Heute.

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Paul Oberhammer ist Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Das Juridicum macht sehr wohl seine Hausaufgaben

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.