It's the Politics, Stupid! Politik als Risikofaktor für Betriebe

Während das Für und Wider des Freihandels diskutiert wird, stehen Unternehmen vor neuen Herausforderungen.

Ob Donald Trump, Brexit oder die anstehende Nationalratswahl – das Thema „Freihandel“ ist gerade in aller Munde. Die Argumente der Freihandelsbefürworter stehen jenen der -gegner gegenüber. In der volkswirtschaftlich zentrierten Freihandelsdebatte wird den Ängsten der Bevölkerung aber nur bedingt begegnet.

Dabei sind die Verunsicherung der Bevölkerung und die Pro- und Kontraargumente bezüglich Freihandel nur das eine. Tatsächlich stehen vor allem die Unternehmen vor völlig neuartigen politischen Herausforderungen, ihr Handeln ist gefordert. Wie viel und welche Art von Aufmerksamkeit sie den „politischen Risken“ schenken, wird dabei entscheidend sein.

Große Unternehmen wie Zumtobel oder Voestalpine zeigen vor, wie es gehen kann. Aber auch österreichische Klein- und Mittelunternehmen mit begrenzten Ressourcen müssen politische Risken strategisch angehen.

 

Comeback nationaler Politik

Während der fortschreitenden Globalisierung wurde die Grundordnung liberaler, Handelsbeschränkungen wurden abgebaut. Durch die ökonomische Integration wurde das internationale Umfeld für Unternehmen sicherer. Seit die Weltwirtschaft 2008 allerdings ins Straucheln geraten ist, erleben wir das Comeback nationalstaatlich fokussierter Politik.

Unter US-Präsident Donald Trump scheint der Protektionismus wieder auf dem Vormarsch, der Freihandel droht eingeschränkt zu werden. Die Brexit-Diskussion basiert auf einer ähnlichen nationalen Agenda.

Auch in Österreich vernimmt man vermehrt Rufe nach einer Politik der nationalen Souveränität und nach öffentlicher Einflussnahme auf die Wirtschaft. Es bleibt abzuwarten, womit die Parteien im aktuellen Wahlkampf noch werden aufhorchen lassen.

Anstelle der Stärkung supranationaler Systeme erfolgt eine Vielzahl nationaler Einflussnahmen und Beschränkungen, die zu einem schwerer kalkulierbaren Umfeld für Unternehmen führen. Müssen österreichische Unternehmen in den USA etwa bald mit Strafzöllen rechnen?

Fragen wie diese zeigen auf, wie massiv und kleinteilig die aktuellen politischen Unsicherheiten sind. International tätige Unternehmen müssen sich wieder viel stärker mit den Entscheidungen von nationaler Politik und fragmentierteren Regulierungen auseinandersetzen.

Um die aktuellen Herausforderungen meistern zu können und negative politische Einflüsse möglichst zu vermeiden, führt kein Weg an politischem Management vorbei. Was bedeutet das? Unternehmen müssen sich mehr denn je über politisch-ökonomische Entwicklungen informieren, müssen diese analysieren und deren Konsequenzen auf ihre eigene Tätigkeit einschätzen.

Konkret bedeutet politisches Management also die strategiegeleitete Auseinandersetzung mit tatsächlichen und potenziellen Gefährdungen für Unternehmen im internationalen Kontext.

Diese Gefährdungen basieren auf politischen und staatlich-institutionellen Faktoren und wirken sich allesamt auf den Unternehmenserfolg aus. Neben geopolitischen Risken wie Kriegen und Terrorismus gefährden vor allem auch politisch-institutionelle Problemfaktoren wie Klientelismus, Korruption, Rechtsunsicherheit und patriarchalische Loyalitätsbeziehungen nicht nur Compliance-Standards, sondern Investitionen und Profitabilität.

 

Gezielte politische Strategien

Unternehmen müssen deshalb sowohl den globalen Kontext analysieren als auch die makro- und mikropolitischen Risikofaktoren im Auge behalten. Sie können dann gezielt politische Strategien entwerfen und entscheiden, ob sie politisches Risiko vermeiden – oder ob sie es akzeptieren und mögliche Auswirkungen minimieren wollen.

Strategien zum Umgang mit politischen Risken und Eingriffen umfassen unter anderem den Aufbau von Beziehungen zu Akteuren, die Einfluss auf den Rahmen unternehmerischer Tätigkeit haben. Der verpönte Begriff des Lobbyings bei Politikern, Interessenvertretungen oder NGOs wird Programm.

 

Ignorieren ist der falsche Weg

Politisches Management trägt zu Berechenbarkeit und Handlungssicherheit in einer diffusen Umwelt bei. Dies lehren auch die Erfahrungen von Unternehmen in politisch volatilen Ländern. Andererseits sind politische Strategien auch kostspielig, ihre Wirksamkeit schwer einschätzbar und ihr Nutzen unsichtbar, solange alles seinen gewohnten Gang geht. Und hier liegt der Haken: Während politisches Management einen Wettbewerbsvorteil bedeuten kann, sind Kosten und Nutzen schwer zu kalkulieren.

Große Unternehmen sind aufgrund ihrer Ressourcen und ihrer (möglichen) Erfahrungen eher dazu bereit, politische Strategien zu nutzen. Kleinere und mittelgroße Unternehmen hingegen stehen erst einmal vor der Herausforderung, die Sinnhaftigkeit und den Wert politischen Managements zu erkennen und trotz knapperer Ressourcen in dessen Entwicklung zu investieren.

Der Aufbau oder der Zukauf von Kompetenz im Management politischen Risikos und politischer Strategien ist jedenfalls angesagt. Ignorieren ist aber sicher der falsche Weg. Denn: „It's the politics, stupid!“

Patricia Klopf, MSc. ist PhD-Studentin am Institut für International Business an der WU Wien. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt beim strategischen Management von politischem Risiko.

Prof. Dr. Phillip Nell ist Professor am Institut für International Business und leitet das Kompetenzzentrum für Emerging Markets & CEE an der WU. Er forscht über globale und politische Strategien.

Dr. Johannes Leitner leitet das Kompetenzzentrum Schwarzmeerregion an der
FH BFI Wien. Er befasst sich mit politischem Risikomanagement von Unternehmen in der Schwarzmeerregion.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2017)

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