Wer liebt nicht erfreuliche Überraschungen zu Weihnachten? Irgendwie mutieren wir alle zu Kindern, zumindest stundenweise, in Kerzenlicht und bei gutem Essen im Familien- oder Freundeskreis. Allerdings gibt es auch Gaben, die keinerlei Grund zur Freude verursachen, so jene aus dem Gesundheitsministerium, genannt „die Pille danach“, rezeptfrei zu erhalten für jeden, dem gerade danach ist. Dieses spezielle Zuckerl hat allerdings das Zeug dazu, sich zum Bumerang zu entwickeln und ein herrliches postweihnachtliches Chaos unvorhersehbarer Dimensionen anzurichten.
Würde uns der Gesundheitsminister tagtäglich den Genuss von fettem Schweinefleisch samt zwei Liter Wein und vierzig Zigaretten empfehlen, dann wäre die Aufregung groß, in unserem Fall ist nur bei Sozialisten und Grünen die Freude groß, alle anderen sind zumindest nachdenklich bis betroffen. Die Ärztekammer lehnt dieses Medikament ab, da die Langzeitstudien noch nicht abgeschlossen sind, die Handys engagierter katholischer Wissenschaftler glühen. Warum die allgemeine Aufregung, die noch lange nicht groß genug ist?
Es gibt seit einigen Jahren zwar eine ebenfalls hoch dosierte nachhaltig wirkende Pille, die allerdings so früh wie möglich (wenige Stunden nach dem ungeschützten Verkehr) eingenommen werden soll und deshalb nicht als Abtreibungspille verstanden werden kann. Die neue Version wirkt aber ganz anders – und das ist beabsichtigt.
Reine Abtreibungspille
Denke ich an die frühen Ovulationshemmer der Siebzigerjahre zurück, beschleichen mich unangenehme Erinnerungen, denn sie waren hormonell hoch konzentriert, Kopfschmerzen, Übelkeit und Blutungen waren nicht selten. Die neue Wunderwaffe ist allerdings viermal (!) oder etwa zehnmal stärker als die heute erhältlichen Antibabypillen, und sie ist nicht als Nidationsverhinderung zu verstehen, sondern als reine Abtreibungspille, da sie ihre „beste“ Wirkung erst vom dritten bis zum fünften Tag nach dem Verkehr entwickelt. In Österreich werden jährlich etwa 40.000 Kinder abgetrieben, wie viele zehntausende mehr nach dieser Zulassung? Wer wird sie und wie oft verwenden?
Es besteht der dringende Verdacht, dass diese neue Pille die bisher übliche Empfängnisverhütung für nicht mehr notwendig erscheinen lässt; vermutlich werden besonders junge Mädchen betroffen sein, denn die Geschichte hört sich äußerst einfach an: Sex, Pille danach (womöglich mehrmals im Monat), Problem gelöst. Dem ist entgegenzusetzen, dass die Langzeitstudien nicht abgeschlossen sind, d.h., man kann nur erahnen, welche Folgen ständige hohe Hormoneinnahmen besonders bei Jugendlichen haben könnten (möglicherweise dauernde Unfruchtbarkeit, Karzinome); und diese Vorstellungen machen sehr besorgt. Das Kondom, die einzige sichere Waffe gegen HIV, tritt in den Hintergrund, und das könnte zur Folge haben, dass die Zahl der Aidskranken in Österreich drastisch steigt, wirklich „erfreuliche Begleitumstände“. Studien aus Frankreich belegen, dass eben dies schon eingetreten ist.
Sexualität könnte wie ein gutes oder gar schlechtes Essen genossen werden, sie wird zum alltäglich notwendigen mechanistischen Konsumartikel degradiert und immer früher erlebt, eine Erziehung zu Verantwortung gegenüber sich selbst und dem Partner erübrigt sich, wahrhaft „beglückende“ Aussichten.
Sigmund Freud sei zitiert, und er steht nicht im Verdacht, religiös gewesen zu sein: Kultur ist Triebverzicht. Was meint er damit? Ein Wesen, das nur auf die notwendigsten Instinkte reduziert ist, wird schwerlich bedeutende Bücher schreiben, wichtige architektonische Leistungen vollbringen, bewegende Bilder malen oder gar große Musik komponieren. Ich habe die nicht geringe Befürchtung, dass unsere Zeit sich immer mehr zu einer kulturlosen entwickelt, in der das Individuum nicht mehr zählt und alles und jedes vom Staat gelenkt wird. Solche Tendenzen erinnern an böse Zeiten des vergangenen Jahrhunderts.
Warum entfernen sich viele Menschen von der Vorstellung, dass Gott uns das Leben auf dieser Erde gegeben hat und nur er es beenden kann und nicht irgendjemand, dem gerade nichts Besseres einfällt? Natürlich gibt es Notsituationen, die diese Pille auf Rezept sinnvoll werden lassen, nämlich etwa nach Vergewaltigungen. Ich gebe aber generell zu bedenken, dass ein sehr junges Mädchen wohl kaum die Reife und die Entscheidungsfreiheit hat, einen solchen Schritt allein zu wagen; gerade in diesen Fällen ist der Druck der Gesellschaft, des Freundes und der Eltern noch stärker als bei der „normalen“ Abtreibung, zudem gibt es überhaupt keine Beratung, d.h., die Situation könnte entweder noch belastender erlebt oder zur Alltäglichkeit degradiert werden. Ich habe vor einigen Wochen meine religiös und psychologisch begründeten Einwände zu formulieren versucht, sie sind in dieser Situation noch wesentlich stärker, wenn ich die berechtigten medizinischen Einwände berücksichtige. Die Abtreibung wird noch leichter gemacht, auch bei erwachsenen Frauen, die zu diesem Zeitpunkt einfach kein Kind zur Welt bringen wollen oder bedingt durch Bedrohung durch den Partner, die Familie oder materielle Not (die man leicht abschaffen könnte, wenn wirklich der Wille dazu besteht) können.
Gerade derartige politische Entscheidungen sollten vor Weihnachten nachdenklich stimmen, wenn wir die Geburt eines kleinen Kindes feiern, unter denkbar schlechten ökonomischen Voraussetzungen geboren, das aber unsere Welt durch Hoffnung, Liebe und Nähe vollkommen verändert hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2009)















