Gastkommentar

Haiders Geist spukt wieder

Die FPÖ ist in Kärnten bei der Nationalratswahl wieder auf Platz eins gerückt – bitter für die Landeshauptmannpartei SPÖ.

Die Ergebnisse der Nationalratswahl vom 15. Oktober haben beeindruckend gezeigt, dass die FPÖ Kärnten offenbar aus ihrem Siechtum erwacht ist. Mit 31,8 Prozent überholte sie die Landeshauptmannpartei, SPÖ, die mit 29,3 Prozent auf dem zweiten Platz landete.

Man erinnere sich, dass die Freiheitlichen in Kärnten bei der jüngsten Nationalratswahl gerade 17,9 Prozent erreichten, sich 2017 also aus dem Stand heraus nahezu verdoppelt haben. Noch bemerkenswerter ist dieser Wert wenn man bedenkt, dass die FPÖ/FPK bei der jüngsten Landtagswahl einen Totalabsturz hingelegt hatte.

Sicher, Nationalratswahl und die nahende Landtagswahl sind zwei Paar Schuhe. Doch das Erreichen des ersten Platzes bei der Nationalratswahl in Kärnten hat durchaus eine starke symbolische, eine emotionale Bedeutung und stellt vor allem einen Motivationsschub für die FPÖ dar.

Dass es Peter Kaisers SPÖ nicht geglückt ist, wie Hans Niessl im Burgenland zumindest einen hauchdünnen Achtungserfolg einzufahren, ist für die Sozialdemokraten im südlichsten Bundesland Österreichs bitter. Vom respektablen Ergebnis von Michael Häupl in Wien gar nicht zu reden.

Die politische Landkarte in Kärnten, die sich wieder in vielen Teilen blau eingefärbt hat, lässt Reminiszenzen an Jörg Haiders FPÖ aufflackern. Die SPÖ befindet sich nun in einer Art Schockstarre und muss dringend handeln, will sie nicht ein ähnliches Debakel bei den Landtagswahlen am 4. März kommenden Jahres erleben.

 

Wird Reformarbeit goutiert?

Die Frage, die sich für den pragmatischen Landeshauptmann Kaiser stellt, ist, inwiefern die Reformarbeit der vergangenen Jahre von den Kärntnerinnen und Kärntnern goutiert werden wird, oder ob es sprichwörtlich zu still um den See geworden ist.

Die FPÖ Kärnten verfügt mit Gernot Darmann über einen Kandidaten, der in den Haider-Jahren sozialisiert wurde. Der Parteiapparat selbst schlummert noch im Dornröschenschlaf und läuft noch lange nicht so auf Touren wie zu Haiders Zeiten. Hier liegt der strategische Vorteil für die Kärntner SPÖ, die auf eine starke Struktur in Gemeinden und Städten sowie auf die Gewerkschaft und Arbeiterkammer zurückgreifen kann.

Der Kärntner ÖVP verlieh Sebastian Kurz eindeutig Flügel. Die Werte vom Sonntag aber werden mit Christian Benger als Landesparteiobmann trotz des Hypes um die neue Volkspartei nur schwer zu erreichen sein. Für die Grünen schaut es auch in Kärnten eher düster aus. Sollte auch das „Team Kärnten“ deutliche Verluste hinnehmen, dürften diese Wähler zu einem beträchtlichen Teil zur FPÖ wechseln.

Spürbar ist: Der Geist des verstorbenen Landeshauptmannes spukt wieder zwischen Karawanken und Hohen Tauern. Wenn die Sozialdemokratie nicht achtsam und sich ihrer Macht zu sicher ist, kann es für sie im Frühjahr 2018 ein böses Erwachen geben.

Wie stellte Friedrich Schiller fest: „Die Großen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen.“ Es bleibt offen, welche Schlüsse die SPÖ Kärnten aus dem jüngsten Wahlsonntag ziehen wird, und wohin das Pendel der Kärntner Wählerseele am 4. März 2018 ausschlagen wird.

Daniel Witzeling (geboren 1985) ist Psychologe und Sozialforscher. Leiter des Humaninstituts Vienna.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2017)

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