Gastkommentar

Warum immer nur der Sex?

Die Dämonisierung des Sexuellen: Fragen zur „globalen“ Empörung angesichts vieler Belästigungsvorwürfe.

Der „#Me too“-Hype und der „Fall Pilz“ wecken jede Menge Emotionen und werfen noch mehr Fragen auf: die erste, grundlegende ist für mich, warum besonders beim Sex eine derartige Empörung entsteht. Gibt es nicht andere, mindestens so demütigende Akte gegenüber Abhängigen, Frauen, Schwächeren? Es scheint also, als folge dieser Diskurs eher einer moralischen als einer politischen Korrektheit.

Die zweite Frage richtet sich auf die Nachvollziehbarkeit mancher Anschuldigungen und muss (s. Unschuldsvermutung) schon noch erlaubt sein: wenn z. B. die EVP-Politikerin über den grapschenden Pilz in Alpbach sagt, sie konnte sich „nicht bewegen, nicht atmen, geschweige denn wehren“ (und das alles neben mindestens zwei anderen Anwesenden), dann fragt man sich schon, warum sie und die Anderen das nicht sofort abgestellt haben und wie diese scheint's völlige Atem- und Bewegungsunfähigkeit entstehen konnte.

Viele Frauen berichten ja, dass sie so etwas von Anfang an nicht zulassen bzw. klar signalisieren, dass solche Annäherungen nicht erwünscht sind; und dass die nun behauptete Wehrlosigkeit nur die traditionell-weibliche Opferrolle festigen würde.

 

Wo ist der Privatbereich?

Es gibt aber noch jede Menge weiterer Fragen: Was nämlich dürfen PolitikerInnen „in sexualibus“ überhaupt tun und was davon zählt denn eigentlich zum Privatbereich? Dürfen sie z. B. (wohl hauptsächlich die männlichen?) Pornos schauen und dabei ertappt werden?

Oder wie ist es mit Affären mit MitarbeiterInnen, wenn diese momentan auch interessiert sind und sich vielleicht Vorteile versprechen – und später (oder bei Misslingen) dann nicht mehr? Scheinbar bedürfte es regelrecht schriftlicher Verträge, die das Amouröse als beidseitig erwünscht absichern!?

Oder: was wäre zum Beispiel, wenn PolitikerInnen beim Sex – egal mit wem und warum – beobachtet werden und es fühlt sich jemand dadurch belästigt? Alles Rücktrittsgründe?

Wieso also müssen öffentliche Menschen zu allererst beim Sex so auf der Hut sein? Was ist zum Beispiel mit körperlicher Gewalt oder wenn sich jemand anderweitig, nicht-sexuell subjektiv gedemütigt fühlt? Keine Rücktrittsgründe?

Man gewinnt jedenfalls im Moment den Eindruck, dass hier eine vergangen geglaubte Dämonisierung des Sexuellen wiederaufersteht, was mich angesichts mancher „Fortschrittlicher“, die sich jetzt zu Wort melden, wundert. Zudem findet eine starke „Ent-Intimisierung“ des Privaten statt: haben nicht auch PolitikerInnen – bis ins Rahmenprogramm des Europäischen Forums Alpbach – ein Recht auf ein gewisses Privatleben (das, wie beim Normalbürger, niemanden etwas angeht?)?

 

Erziehung ist wichtig

Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass Männer und auch Frauen so erzogen werden, dass sie unangenehme intime Annäherungen einerseits gar nicht erst begehen und dass andererseits Ablehnung und Gegenwehr – gegen wen immer – zur Selbstverständlichkeit werden; dass Mädchen und Frauen den Grapschern selbstbewusst auf die Finger hauen. Und dass der Sex nicht mehr der oft einzige Grund für „globale“ Empörung ist.

Was ich mir aber nicht wünsche, ist, dass Annäherungen, auch ungeschickte, erst gar nicht mehr versucht werden; dass also ein Klima der Verunsicherung und Strafangst in zwischenmenschliche Begegnungen, zu denen – verdammt noch mal – auch der Sex gehört, einzieht. Das hatten wir früher nämlich lange genug.

 

Univ.-Prof. i. R. Dr. Dr .h.c. Josef Christian Aigner ist Psychoanalytiker und Sexualtherapeut in Innsbruck.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Warum immer nur der Sex?

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.