Gastkommentar

UN-Artenschutzabkommen: Ein Papiertiger erhält Zähne

Bei einer Konferenz in Manila wurden eine Reihe positiver Beschlüsse für den internationalen Tierschutz gefasst.

Die 12. Vertragsstaatenkonferenz des UN-Abkommens zur Erhaltung wandernder Tierarten (Bonner Konvention) ging Ende Oktober in Manila zu Ende und nahezu jeder Teilnehmer wertete diese als vollen Erfolg. Alle 34 Artenschutzanträge wurden angenommen.

Während z.B. für den Schimpansen, den Walhai und Steppenadler die Listung in Anhang I und II des Abkommens ein striktes Verbot jeglicher Entnahme aus der freien Wildbahn bedeutet, dürfen auch andere Haiarten sowie erstmals auch Löwe und Giraffe auf eine verbesserte Zukunft hoffen. Diese Arten wurden in Anhang II gelistet, wodurch sich Staaten, in denen sie heimisch sind bzw. durch die sie ziehen, zur Kooperation zu deren Erhaltung verpflichten.

Der Jubel der Naturschutzorganisationen war groß, Entscheidungsträger waren stolz, durchaus zu Recht, auch da die meisten Beschlüsse im Konsens fielen. Die Aufnahme einer Art in die Konvention bedeutet freilich, dass diese in ihrem Bestand erheblich zurückgegangen ist, und sollte somit eigentlich nachdenklich stimmen.

 

Weit weniger Schimpansen

So hat die Zahl unseres nächsten Verwandten, des Schimpansen, in den vergangenen drei Jahrzehnten um mehr als 50 Prozent abgenommen. Wilderei, aber vor allem die Zerstörung des Lebensraumes geben wenig Anlass optimistisch zu sein. Hat sich mit der Entscheidung in Manila daran etwas geändert? Ja, der Schutzstatus (und die dadurch geforderten Schutzmaßnahmen).

Rufen wir uns noch die besorgniserregende Situation für die Artenvielfalt ins Bewusstsein. Die Weltnaturschutzorganisation (IUCN) stuft von den 85.604 Tierarten, deren Bestandssituation erhoben werden konnte, 24.307 als stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht ein (Stand 2016). Wanderrouten werden von Straßen zerschnitten, Wälder gerodet, Fischbestände überfischt, um nur einige der vielfältigen Gefahren zu nennen. Der Lebensraumverlust und die immer sichtbareren Folgen des Klimawandels werden mittelfristig für viele Arten das Aus bedeuten. Das sieht man etwa am Beispiel Eisbär, dem der Lebensraum unter den Tatzen wegschmilzt, dessen Bejagung aber in Grönland und Kanada immer noch erlaubt ist.

Der Eisbär genießt nicht den höchsten Schutzstatus, sondern ist in der Bonner Konvention nur in Anhang II gelistet und wird von IUCN als gefährdet, nicht jedoch als stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht eingestuft. Ein Fehler. Ein schwerwiegender Fehler, der dadurch entsteht, dass die Unterschutzstellung stets nur auf den momentanen Bestandsberechnungen basiert, während die Wissenschaftler nahezu einhellig dramatische Trends für deren rapide Abnahme berechnet haben.

 

Zu spät für den Eisbären?

Jeder Involvierte weiß heute, dass der Eisbär bei einer der nächsten Tagungen in Anhang I aufgenommen werden muss, aber erst, wenn der berechnete Trend belegt ist – dann ist es jedoch bereits zu spät.

Wir haben bei der Entwicklung von Artenschutzkonzepten einen großen Fehler gemacht. Schutzbestimmungen, wie Verbot der Entnahme, Einrichtung von Schutzzonen etc. werden heute erst dann angewandt, wenn die betroffene Art schon stark vom Aussterben bedroht ist, also nur noch in geringer Anzahl vorkommt. Es wäre jedoch wichtig, viel früher anzusetzen, Lebensräume und Wanderrouten zu erhalten und Arten, in sozialen Einheiten und regionalen Populationen gedacht, strikt zu schützen.

Ein weiteres Problem ist, dass sich selbst bei Arten, die den höchstmöglichen Schutzstatus haben, wenig zum Positiven ändert. Viele Kritiker haben nicht Unrecht, wenn sie in diesem Zusammenhang von Politik, die nur auf dem Papier steht, sprechen. Die eigentliche Herausforderung ist die tatsächliche Implementierung von Maßnahmen, die Umsetzung der viel bejubelten Beschlüsse. Was hilft ein Fangverbot von Arten, wenn die Wilderei nicht unter Kontrolle gebracht wird? Was hilft ein Meeresschutzgebiet, wenn darin nach Öl gesucht und gebohrt wird?

Und genau in dieser Frage ist die Tagung auf den Philippinen als Meilenstein zu werten. Im Schatten der Tierlistungen stand die Diskussion, ob die Bonner Konvention ein als „Review Mechanism“ bezeichnetes Verfahren beschließt, mit dem Verfehlungen der einzelnen Staaten, beschlossene Maßnahmen umzusetzen, beanstandet und überprüft werden können.

Dass es letztlich zu diesem Beschluss kam, ist den Delegationen Norwegens und der Schweiz zu verdanken, die sich bei der Vorgängerkonferenz in Ekuador im Jahr 2014 querlegten, als viele EU-Staaten auf einen Abbruch dieser Diskussion drängten. Auch Organisationen der Zivilgesellschaft (NGOs) dürfen nun Beanstandungen melden, die zu einer Überprüfung führen. Dies war der Knackpunkt, den zahlreiche Regierungen nicht wollten.

 

Mangelnde Transparenz

Ein Prüfmechanismus ohne Einbindung von NGOs hätte jedoch keinen Sinn, da sich die Staaten wohl kaum gegenseitig wegen mangelnder Umsetzung beanstanden werden. Ein Wermutstropfen ist allerdings die mangelnde Transparenz, denn Prüfverfahren und Informationen, wie man zum letztendlichen Ergebnis gekommen ist, bleiben der Öffentlichkeit verschlossen. Die EU, die gegenüber 2014 einen signifikanten positiven Schwenk vollzog, forderte die Regierungen auf, freiwillig alle Daten offenzulegen.

Und was bedeutet dies nun in der Praxis? Das Artenschutzabkommen hat sich weiterentwickelt und, wage ich zu behaupten, sich selbst gerettet. Aus einem Papiertiger erwächst ein Instrument mit Zähnen. Ja, es sind noch Milchzähne, aber auch mit diesen kann man beißen wenn man will.

 

Nicolas Entrup, Gründer von SHIFTING VALUES, vertrat bei der Tagung der Bonner Konvention in Manila die Naturschutzorganisationen OceanCare und NRDC.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2017)

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