Gastkommentar

Würdiges Geschenk an die Republik

Österreich braucht ein modernes Haus der Geschichte – ein Provisorium reicht nicht.

Vor 99 Jahren, am 12. November 1918, nach Jahren des Krieges, der Verelendung und des Leids wurde auf der Rampe des Parlaments eine neue Staats- und Regierungsform ausgerufen: eine demokratische Republik, die sich vorerst den Namen Deutsch-Österreich gab. Im europäischen Vergleich lief diese Revolution von 1918 in Österreich nahezu unblutig ab, und der Kaiser wurde mit seiner Familie des Landes verwiesen. Trotzdem brachen in der neu gegründeten Republik schon nach wenigen Jahren Diktatur und Bürgerkrieg aus.

Anton Pelinka legte vor Kurzem einen interessanten Befund vor: Die Erste Republik scheiterte an ihrer Kultur – so seine These –, einer politischen Kultur, die vom konsequenten Gegeneinander der streng abgegrenzten Lager gekennzeichnet war. Und einer Kultur im engeren Sinn, die die Staatsform Republik nicht reflektierte, sondern ignorierte. Sie verlor sich in der Vergangenheit des übernationalen Habsburgerreiches oder sehnte den Anschluss an Deutschland herbei, den die Entente-Mächte bei den Friedensverhandlungen in St. Germain nicht zugelassen hatten.

Erst in der Zweiten Republik, nach der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus und der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und nach dem Wiedererstehen Österreichs festigte sich das klare Bekenntnis zu Österreich. Wir alle lernten in der Folge, Österreicherinnen und Österreicher zu sein und diesen Staat wertzuschätzen. Es entstand eine Identität, die seit dem Beitritt zur Europäischen Union noch um eine neue Dimension erweitert wurde.

Nun steht die Republik, die aus internationaler Perspektive vor allem auch als Kulturnation wahrgenommen wird, vor ihrem hundertjährigen Jubiläum. Das ist sicher ein Grund zum Sich-Erinnern und das Geschichtsbewusstsein über diese 100 Jahre zu schärfen, aber auch ein Grund, sich mit der Frage nach der Zukunft unseres Staates und seiner Rolle in Europa und in einer immer stärker globalisierten Welt intensiv auseinanderzusetzen. Dafür reicht eine Jubiläumsausstellung bei Weitem nicht, sondern die Geschichte Österreichs und unsere Zukunft brauchen eine Beheimatung. Diese Notwendigkeit der Beheimatung rechtfertigt es, ein „Haus“ der Geschichte und ein Haus der Zukunft Österreichs auf Dauer einzurichten.

Genau 100 Jahre nach Ausrufung der Republik wird die Jubiläumsausstellung eröffnet werden, die die Demokratieentwicklung seit 1918 zum Thema hat. Die auf einer kleinen Fläche zusammengedrängte Ausstellung, die in der Neuen Burg am Heldenplatz untergebracht sein wird, ist jedoch bei Weitem kein Haus der Geschichte Österreichs.

 

Es braucht mehr Ressourcen

Dafür braucht es deutlich mehr Ressourcen, um den Auftrag, ein staatliches Geschichtsmuseum zu sein, erfüllen zu können. Ein Provisorium wird dem Anspruch, der sich aus der Wertschätzung der Bevölkerung gegenüber ihrem Land ergibt, in keiner Weise gerecht. Das zeigt sich auch im internationalen Vergleich: Nahezu zeitgleich mit Wien wird z.B. das Haus der bayerischen Geschichte in einem großzügigen Neubau eröffnet.

Mutig und auch angebracht wäre es daher, ein modernes Haus der Geschichte Österreichs in zentraler Lage zu errichten. Konzipiert sowohl für die Hebung unseres Geschichtsbewusstseins als auch als Haus der Zukunft, in dem die Bevölkerung die Möglichkeit bekommt, über brennende Fragen unserer Zeit in einen Dialog zu treten.

Ein solches Haus der Geschichte als Geschenk der Republik an sich selbst wäre ein deutliches, zukunftsweisendes Zeichen aus einem besseren Verständnis der Geschichte heraus, die Zukunft gestalten zu wollen und für einen intensiven gesellschaftlichen Dialog offen zu sein.

Franz Fischler, Mitglied der Europäischen Kommission (1995–2004), Präsident des Europäischen Forums Alpbach.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2017)

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