06.02.2012 21:01 | Meine Presse Merkliste0

Profiteure kommen ungeschoren davon

GASTKOMMENTAR VON CHRISTOPHER BERKA (Die Presse)

Eine Studie des Grazer Joanneum Research ist gespickt mit Fehlern, absurden Annahmen und noch absurderen Schlussfolgerungen.

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Eine unseriöse Studie des Grazer Joanneum Research, im Auftrag des ÖVP-nahen Kummer-Instituts, geisterte tagelang durch die Medien. Im Kern betont das Papier einen sogenannten „Schwelleneffekt“, der besagt, dass Sozialtransfers dazu führen, dass Familien mit höherem Bruttoeinkommen letztlich weniger netto übrig bleibt als Familien mit niedrigerem Bruttoeinkommen. Die Studie ist gespickt mit Rechenfehlern (die steuerliche Wirkung des 13. und 14. Gehalts wird etwa überhaupt nicht berücksichtigt), absurden Annahmen und noch absurderen Schlussfolgerungen. Es ist daher bedenklich, dass Finanzminister Pröll dieses Papier in seiner „Projekt Österreich“-Rede verwendet hat. Seine Conclusio: „Leistungsgerechtigkeit vor Verteilungsgerechtigkeit“. Er schlägt dabei die Einführung eines Transferkontos vor, behauptet ernsthaft, dass „Steuerzahlerfamilien oft ein weit niedrigeres Familieneinkommen haben als jene, die gar keine Steuer zahlen, aber Anspruch auf zahlreiche Beihilfen haben“. Außerdem hält er gleich anschließend Folgendes fest: „Deshalb ist für mich nicht nur wichtig, dass die Zahlen stimmen. Der Umgang damit muss verständlich sein.“


Tendenziöse Beispiele

Können wir nicht gerade vom Finanzminister selbst erwarten, dass er seine Reden auf Zahlen stützt, die richtig sind, und dass er einen klaren, verständlichen Umgang mit diesen Zahlen pflegt? Offensichtlich nicht. Denn bei genauerer Betrachtung dieser „Studie“ fällt auf, dass die angesprochenen Schwellenphänomene praktisch nur von Wohnbeihilfen und Kinderbetreuungsgeld hervorgerufen werden. Während der Schwelleneffekt der Wohnbeihilfen durch tendenziös gewählte Beispiele zu vernachlässigen ist, spielt die Zuverdienstgrenze beim einkommensunabhängigen Kinderbetreuungsgeld eine zentrale Rolle. Ironischerweise wurde diese Form des Kinderbetreuungsgeldes allerdings von der ÖVP selbst unter Schüssel I eingeführt. Die Studie verschleiert diese Tatsachen aber, indem sie zahlreiche Transfers in die Analyse einbezieht, die quantitativ unbedeutend sind, und suggeriert stattdessen, dass der Transferdschungel unglaubliche Ungerechtigkeiten hervorrufe.

Aus Sicht der ÖVP ist dies aber unbedeutend. Sie benötigt das Transferkonto nämlich als ersten Schritt in Richtung Budgetkonsolidierung. Nur deshalb wurde die Studie in Auftrag gegeben und trotz haarsträubender inhaltlicher Mängel bis heute hartnäckig in der Öffentlichkeit breitgetreten. Die größte Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren hat große Löcher in das staatliche Budget gerissen. Bereits vor der nächsten Nationalratswahl wird eine Konsolidierung eingeleitet werden müssen. Für die ÖVP ist der Kurs offenbar klar: Kürzung der Staats-, genauer gesagt: der Sozialausgaben unter dem Deckmantel einer konstruierten Debatte über Leistungs- und Verteilungsgerechtigkeit.


Mehr Effizienz reicht nicht aus

Auch wenn die Möglichkeiten für Synergien in der österreichischen Verwaltung groß sind: Realistisch betrachtet werden Effizienzsteigerungen nicht ausreichen, um alle durch die Krise entstandenen Löcher zu stopfen. Es verbleiben somit zwei Möglichkeiten: Steuern erhöhen oder staatliche (Sozial-)Leistungen reduzieren. Während Letzteres die Stellung der sozial Schwachen immer verschlechtert, stellt sich bei Ersterem die Frage, wer die Steuererhöhung zu tragen hat. Aber auch da gibt der Finanzminister die Linie klar vor: „Die Kosten für die Finanzkrise und die Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft müssten von allen getragen werden, nicht von einigen wenigen.“ Besonders pikant: Diese Worte sind bei der Verleihung des Stiftungspreises der Kathrein-Bank gefallen. Wenig überraschend nahm Pröll Stiftungen und deren Privilegien von potenziellen Steuererhöhungen aber aus. „Leistungsgerechtigkeit“ à la ÖVP: Steuerprivilegien von Stiftungen, die mitunter riesige Anteile an österreichischen Banken halten, die bekanntlich mit dem Geld aller gerettet wurden und dadurch weiterhin jedes Jahr Dividenden kassieren, sollen nicht angetastet werden.


Unkritischer Journalismus

Wenn der Finanzminister hingegen meint, dass die Krise von „allen“ getragen werden soll, spricht man gemeinhin von der Erhöhung der Mehrwertsteuer. Eine solche Erhöhung wird aber eben nicht von allen im gleichen Ausmaß getragen. Untere Einkommensschichten werden über-, obere hingegen unterproportional – gemessen an ihrem verfügbaren Einkommen – belastet. Es sollen jene zur Kasse gebeten werden, die keine Verantwortung für die Finanzkrise tragen und von den wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen der letzten 20 Jahre (Finanzkapitalismus) kaum profitiert haben, während Zündler und Profiteure ungeschoren davonkommen. Gestützt durch einen zunehmend unkritischen Wirtschaftsjournalismus gelingt es der Volkspartei heutzutage offenbar nicht nur, ihre Klientelpolitik als Sachzwang zu verkaufen, sondern zusätzlich die soziale Realität systematisch zu verfälschen und diese in den Köpfen der Bürger zu verfestigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2010)

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13 Kommentare
Gast: Österreicher
25.01.2010 22:38
0 0

Offenbar stammt der Kommentar von einem der unbezahlen "Voluntären",

d.s. jene Absolventen von überlaufenen Studienrichtungen, die auch unbezahlte Jobs annehmen müssen, um überhaupt in ihrem erlernten Beruf arbeiten zu können! Es handelt sich hier sichtlich um das Produkt linker "Bildungspolitik"!

lb15
24.01.2010 10:02
2 0

Einer Presse unwürdig!

Diesen Gastkommentar, der mit falschen Behauptungen ohne Beweise nur so gespickt ist, hätte ich in der Presse nicht erwartet.

Sie kontrollieren ja die Postings nach den Artikeln besser als diesen Schmarren.

0 0

Re: Einer Presse unwürdig!


Auch ich ärgere mich grenzenlos, in 'meiner Presse' Bullshit (wie etwa o.g. Gastkommentar) zu lesen. Dem gegenüber steht mein Vertrauen darin, eine IMHO untadelige Redaktion (inkl. Verleger) würde damit einem zumindest teilweise argumentierbaren Pluralismus Raum geben, indem auch ungeteilte Ansichten veröffentlicht werden.

Zum Subthema "Unkritischer Journalismus": Den Vogel hierbei schoß heute eindeutig der von mir ansonsten hochgeschätzte Peter Rabl ab:
<Zitat [1]> Von allen realen Werten losgelöste Spekulationsvehikel wie die berüchtigten, für viele Banken im Vorjahr fast tödlichen, "asset backed securities" (ABS) werden wieder .. <Ende>

Ausgerechnet jene Finanzmittel, die per Definition mit Werten hinterlegt sind (wobei diese Werte, wie etwa US-Immobilien, auch gewaltig abschmieren können) als *losgelöste* Spekulationsvehikel zu bezeichnen, das ist "unkritischer Journalismus" zum Quadrat.

Christian Berker hat schon recht, wenn er zu verstehen gibt, geballte Wirtschaftskenntnisse seien nicht in Österreichs Schreibstuben anzutreffen. Nachdem die Presse hierbei eine wohltuende Ausnahme darstellt, meine ich, Gastkommentare wie der besagte seien tolerierbar. ('Tolerierbar' im eigentlichen Wortsinn: 'erduldbar'. )

Dass im raiffeissennahen Kurier der Leitartikler mit unqualifizierten Prämissen für die Gängelung der Finanzhäuser wirbt, ist dabei ein Treppenwitz vom Feinsten.

[1] http://kurier.at/interaktiv/kommentare/1972130.php

Antworten Antworten lb15
24.01.2010 17:31
0 0

Re: Re: Einer Presse unwürdig!

Da bin ich gar nicht Ihrer Meinung. Die ABS haben die Krise (vor allem) ausgelöst, weil sie mit zu hoch bewerteten assets hinterlegt waren. Bei den ersten Verkaufsversuchen (als das backing schlagend wurde), ist der Immobilienmarkt noch schwächer geworden und die tödliche Spirale hat sich in Gang gesetzt. Das Problem bei den ABS ist, dass sie nur funktionieren, wenn der reale Wert über der Besicherung liegt. Und genau das wurde nicht eingehalten. es wurden unrealistisch hohe Erwartungswerte zugrundegelegt. Ich fürchte, das ist jetzt wieder genau so.

Und die Tatsache, dass ein angeblich von Raiffeisen gesponserter Journalist bankenkritisch schreibt, ist für mich eher ein Qualitätsbeweis für den Kurier.

0 0

Re: Re: Re: Einer Presse unwürdig!


Ihre Meinung in Ehren. ABS zu bezeichnen als (siehe Rabl) "von allen realen Werten losgelöste Spekulationsvehikel" bleibt Unsinn, eine allfällige verbreitete Über- oder Unterbewertung der Assets ändert daran nicht, im Gegenteil zeigt es ja gerade den Bezug zum Asset.

Über die Qualität des Kuriers habe ich kein Urteil gegeben - ein Treppenwitz bleibt die falsche Argumentation Rabls im besagten Kontext dennoch, zeigt sie doch eindrucksvoll, wie daneben Berker (der übrigens für seine Behauptung des unkritischen Wirtschaftsjournalismus jedes Indiz schuldig blieb) mit seiner Einschätzung der Medienlandschaft liegt.

Antworten Antworten Antworten Antworten lb15
27.01.2010 07:08
0 0

Re: Re: Re: Re: Einer Presse unwürdig!

Wie "real" die Werte hinter den ABS sind, zeigt der Kommentar der Deutschen Bundesbank (nicht von links, nicht ATTAC, also in dem Sinn unverdächtig).

Diese realen Werte sind z.B. auch Kreditforderungen, die durch diese Transaktion ja gar nicht mehr kontrollierbar sind. Ich bleibe - von der Deutschen Bundesbank bestätigt - bei meiner Meinung, dass die Aussage Rabls gerechtfertigt war. Ein zweimal weiterverkaufter Kredit IST KEIN REALER WERT mehr!

Metz
23.01.2010 22:08
1 0

Was will uns der Autor dieses Artikels eigentlich sagen,

welche Kernaussage sollen wir uns merken? Ich bin nicht dahintergekommen.
Gut, die angesprochene Studie kenne ich nicht. Aber die Aussage "Ich glaube nur Studien die ich selbst gefälscht habe" ist nicht erst durch diese Studie entstanden.
Man kann darüber diskutieren, ob die Kosten eines Tranferkontos im Vergleich zum Nutzen gerechtfertigt sind. Aber für die Menschen die wirklich wenig bis nichts haben kann es wenn, dann nur von Vorteil sein wenn diese Tatsache schwarz auf weiß vorliegt. Außerdem kann der Staat auch ohne Transferkonto Leistungen streichen. Das Transferkonto ist weder notwenig noch hinreichend dazu.
Die Budget - Problematik hatten wir auch schon vor der Krise und die diversen Varianten zur Sanierung kann man in einem Satz zusammenfassen: "Die anderen sollen zahlen!" Dass man in diesem Fall entweder mehr einnehmen muss oder weniger ausgeben darf, mag für den Autor eine geistige Höchstleistung darstellen, ist aber an sich trivial.
Die Analyse der Krise ist auch schnell erledigt - Zündler und Profiteure sind schuld. Ich habe mir wirklich ernsthaft überlegt ob ich ein Zündler und Profiteur bin (daher böse) oder nicht (daher gut). Ich weiß es nicht! Zugegeben, den großen finanziellen Erfolg hatte ich nicht, aber das ist kein Kriterium. Das kann auch einfach nur an meiner Dummheit liegen.
Nur ideologische Phrasen, kein Aussage. Schade bei einem so wichtigen Thema.

Gast: campesino
23.01.2010 20:40
0 1

malen nach zahlen

dh wenn man zahlen angibt, um das gegenteil zu behaupten, dann ist behauptetes richtiger, eine quantiative analyse also richtiger als eine qualitative analyse, die genauso stimmen?

auch diese aussage hat leider nicht hand und fuß, auch wenn man für diese feststellung negativ bewertet wird.

es ist doch interessant, dass kritiker sofort auf grund ihrer parteizugehörigkeit kritisiert werden und niemand etwas dabei findet, dass es sich um eine övp-auftragsstudie handelt, die hier kritisiert wird. ich finde, es ist nicht gerechtfertigt, hier mit zweierlei maß zu messen.

Gast: ...
23.01.2010 17:09
0 1

.

SUPER Artikel.. wirklich.

Selten hab ich etwas in dieser Klarheit gelesen!

Gast: campesino
23.01.2010 15:57
0 3

also bitte

@ Vorposter:

Wieso soll es vom Autor unseriös sein, nur weil er nicht mit Zahlen um sich wirft. Diese stehen bei der öffentlichen Diskussion genauso wenig im Vordergrund. Dies ist ein unzulässiger Ansatzpunkt um mit zweierlei Maß messen zu wollen.

Die Fakten wurden ausreichend benannt. Für ein wissenschaftliches Zahlkarussell ist in einem platzmässig beschränkten Gastkommentar kein Platz.

Sagen sie doch einfach, dass ihnen der Inhalt nicht gefällt, anstatt sich hinter Scheinargumenten und Diffamierungen zu verstecken.

0 0

Kinder an die Macht ..?!


Niemand muss eine blökende Polemik, die im Fell der carnivoren Schärfe auftritt, ernster nehmen, als sie es verdient. Eben eine solche Polemik ist der Gastkommentar, dessen Gedralltheit dem linken Zündler (sic!) verborgen bleibt, dem erinnerungsfähigen Leser gewisslich nicht.

Nachdem der Zündler im Präludium des gastierenden Kommentars mit einer Breitseite des vermeintlich unberücksichtigten 13. und 14. Gehaltes das Feld bereitet, um danach mit einem kurzen Zwischenstopp bei korrigierten Belangen seine eigenen Ansichten von Gerechtigkeit im Kontext "Finanzkapitalismus und Profiteure" darzulegen, ist der Kredit an zugestandener Seriösität zum Thema Transferkonto verspielt.

<zitat {08.11.2009}>
Auch widerlege die Studie selbst den Vorwurf des Grünen Karl Öllinger, das 13. und 14. Monatsgehalt werde nicht berücksichtigt: „Wir haben auch auf das Jahresgehalt umgerechnet, und das ändert an den Problemen gar nichts.“
<ende>

diepresse.com/home/wirtschaft/economist/520290/index.do

Gast: Martin S
23.01.2010 14:48
1 0

Der Schreiber

nennt eine Studie "unseriös", kann aber nicht mit Zahlen das gegenteil behaupten. Standardfloskeln, Allgemeinsätze und Behauptungen ersetzen noch lange keine fundierten Beweise! Das Bla-Bla-Geschreibsel ist das (virtuelle) Papier nicht wert, auf dem es geschrieben wurde... Nunja. Die Schriftliche Version kann man wenigstens als Not-Klo-Papier benutzen...

wayx
23.01.2010 13:27
1 0

Hintergrund des Autors...?

Mich würde interessieren warum die Presse diesen Gastkommentar ausnahmsweise nicht mit den Daten des - weitgehend unbekannten - Schreibers versehen hat.

Es handelt sich um ein Kandidaten der WU-Liste für die Liste VSSTÖ/GRAS, also um einen Vertreter der links-grün-dunkelrote(ste)n-Fraktion. Daher die entsprechenden einseitigen Aussagen und Begriffe ohne wissenschaftliche Fakten zu nennen, wie es sich für WU-Studenten eigentlich gehört.

"Wir sind eine Gruppe junger SozialistInnen.." findet man auf der Homepage und daher kommen auch die Standardfloskeln, die direkt aus dem leider nur teilweise versunkenem Kommunismus stammen. Man kann sich schon auf die Ergüsse dieser Volkswirtschafter freuen, wenn sie das Studium beendet haben werden.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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